2008 stand zwischen medienkonverter und 'Get Well Soon' ein Radiowecker. Das ging erst mal schief. Beim Einschlafen blieben vom Debüt des Musikers und Komponisten 'Konstantin Gropper' vor allem eine Brummstimme und ein paar traurige Trompeten hängen. Erst der zweite Versuch auf dem MP3-Player legte frei, wie viel in diesen Liedern steckte. Achtzehn Jahre später wäre der Radiowecker für 'Séance' ausgerechnet thematisch das passende Gerät. Auf der Platte geht es schließlich darum, was wir einer Stimme zutrauen, die sich aus einem Apparat meldet.
Auf dem Cover ist die Geisterstunde schon im Gang. Ein Mann im Frack sitzt mit geschlossenen Augen und zur Seite gesunkenem Kopf zwischen zwei weiß verhüllten Gestalten. Er wirkt wie ein Medium in Trance. Über der Schwarzweißszene leuchtet der Titel mit Farbsäumen wie auf einem Bildschirm. So unheimlich das Bild wirkt, so feierlich ruhig klingt die Platte. Bei manchen Chören denke ich sogar an Weihnachtslieder. Für eine Veröffentlichung am Tag vor Halloween ist das eine hübsche Verwechslung.
'Séance' erschien am 30. Oktober 2026 bei 'Scarlet Beast Records' auf CD, LP und digital. Es ist das achte Studioalbum von 'Get Well Soon' und nach dem im Mai mit der Liveband eingespielten 'Minus The Magic' schon das zweite zum zwanzigjährigen Bestehen des Projekts. Diesmal arbeitete 'Konstantin Gropper' in kleinerer Besetzung. 'Verena Gropper' und 'Alex Mayr' sind im Begleitgesang zu hören, 'Paul Kenny' spielt Schlagzeug.
Die Idee zur Platte entstand, als 'Konstantin Gropper' künstliche Intelligenz als kreativen Partner ausprobierte. Der Versuch verlief weitgehend im Sand. Geblieben sind einzelne Stimmverfremdungen und der Text zu 'You Need Me', der größtenteils aus der Antwort auf seine Frage entstand, warum er die KI überhaupt brauche. Ergiebiger war für ihn die Ähnlichkeit zwischen Chatfenster und Geisterstunde. In beiden Fällen stellt jemand eine Frage und hofft, dass sich auf der anderen Seite ein Gegenüber meldet. Auch im Klang taucht die Vergangenheit wieder auf. Alte Aufnahmen kehren als Samples in neuen Arrangements zurück.
Wie alt die Frage nach dem Gegenüber ist, zeigt 'Arthur & Harry'. Ausgerechnet 'Arthur Conan Doyle', der Erfinder von 'Sherlock Holmes', glaubte an Geisterkontakte. Der Berufsillusionist 'Harry Houdini' entlarvte derweil die Tricks spiritistischer Medien. 'IBM7094 & HAL 9000 & Me' führt zu einer anderen Stimme aus dem Apparat. In den Bell Labs brachten Forscher einem Computer das Lied 'Daisy Bell' bei. In '2001: A Space Odyssey' singt 'HAL 9000' dasselbe Lied, während er abgeschaltet wird. Aus einer technischen Vorführung wurde im Kino das Abschiedslied einer Maschine.
Was mich an 'Séance' am meisten packt, ist der Abstand zwischen der Stimme und dem, was um sie herum passiert. 'Konstantin Gropper' singt fast durchgehend hauchig und bedächtig. Dahinter schwellen Streicher an, Chöre füllen den Raum, und das Schlagzeug kann mit ein paar Schlägen die ganze Perspektive verschieben. In den schwebenden Klangflächen höre ich Dream-Pop, im beharrlichen Puls mancher Passagen eine Spur Krautrock. Manche klare, melancholische Melodien erinnern mich an 'A-ha'. Wenn sich die Chorstimmen im Hall auffächern, höre ich darin auch etwas von 'Enigma'. Genau diese Mischung fasziniert mich. Die Melodien bleiben selbst dort greifbar, wo die Stimmen dahinter schon ins Unheimliche kippen. Über fünfzehn Stücke bleibt die Platte ihrer ruhigen Gangart treu. Wer auf deutliche Tempowechsel wartet, braucht Geduld.
Meine Anspieltipps sind 'Goth 101' und 'Witness Impact'. Bei 'Goth 101' bringt das rollende Schlagzeug Bewegung hinein, während die Chorstimmen den Raum nach hinten öffnen. In 'Witness Impact' gefällt mir, wie nah die leise Stimme selbst dann bleibt, wenn sich um sie herum eine große Ballade entfaltet. Wer an Gothic die Atmosphäre und an Indie-Pop die Melodien liebt, dürfte hier einiges finden. Mich überzeugt 'Séance' am meisten, wenn eine Stimme aus dem Chor hervortritt und ich noch der Melodie folge, während sich im Hintergrund schon wieder etwas regt. Für den zweiten Durchgang nehme ich Kopfhörer. Beim Radiowecker müsste vermutlich die Hälfte der Geister draußen bleiben.