Elektrostaub - Humility

Elektrostaub - Humility

Es gibt Ideen, bei denen man instinktiv erstmal einen Schritt zurücktritt. Ein Album mit einer halben Szene im Gepäck, zig Stimmen und unterschiedlichsten Einflüssen – normalerweise der perfekte Bauplan für ein musikalisches Desaster. 'Humility' von 'Electrostaub' macht genau das zur Grundlage seines Konzepts. Und ich gebe zu: Ich war skeptisch. Sehr sogar. Aber manchmal sind es genau die Platten, bei denen man innerlich schon den Totalschaden erwartet, die einen am Ende am längsten beschäftigen. Hinter 'Electrostaub' steckt Patrick Knoch – und der macht auf seinem dritten Studioalbum etwas, das in der Szene ungefähr so häufig vorkommt wie ein pünktlich startendes Festival: Er stellt sich selbst nicht ins Rampenlicht. Stattdessen holt er sich eine ganze Riege an bekannten Stimmen ins Boot – von 'Spektralized' über 'Culture Kultür' bis hin zu 'Echo Image', 'J:Dead' oder 'Beyond Border' – und überlässt ihnen den Raum. Klingt nach Kontrollverlust? Ist es aber gar nicht.

Musikalisch bewegt sich das Ganze zwischen Future Pop, Synth Pop und Electro Wave – also genau dort, wo Melancholie auf Clubtauglichkeit trifft. Druckvolle Beats treffen auf dichte, teilweise fast orchestral wirkende Flächen, darüber legen sich Melodien, die im besten Fall hängen bleiben, ohne sich aufzudrängen. Die Produktion bewegt sich dabei konstant auf einem Niveau, das man nicht einfach durchwinken sollte: sauber, detailverliebt, mit einem guten Gespür dafür, wann weniger mehr ist. Schwächen? Kaum. Und genau dieses „Weniger ist mehr“ zieht sich durch das komplette Album. 'Humility' verzichtet auf übertriebene Höhepunkte, auf den großen „Jetzt bitte fühlen!“-Moment. Stattdessen setzt es auf Timing, Atmosphäre und Geduld. Es weiß ziemlich genau, wann es Druck braucht – und wann es besser ist, einfach mal Raum stehen zu lassen. Das wirkt nie träge, sondern kontrolliert. Und genau diese Kontrolle sorgt dafür, dass die starken Momente auch wirklich treffen.

Einer dieser Momente – und für mich einer der Höhepunkte des Albums – ist, wie schonmal identifiziert, 'Falling (feat. Echo Image)'. Das ist genau dieser seltene Fall, in dem plötzlich alles zusammenpasst: Melodie, Stimmung, Stimme. Der Song hat diese schwer zu erklärende Mischung aus unmittelbarer Eingängigkeit und emotionaler Tiefe, die einen einfach erwischt. Kein großes Drama, kein aufgeblasenes Pathos – einfach ein Track, der sitzt – und sich festsetzt. Wenn man 'Humility' auf einen Moment herunterbrechen müsste, dann wäre es genau dieser. Dass ausgerechnet solche Tracks bereits im Vorfeld als EPs ihren Weg nach draußen gefunden haben, passt dabei ins Bild – die Qualität dieses Materials kommt nicht von ungefähr. Natürlich bringt so ein Konzept auch seine Schwächen mit sich. Nicht jede Stimme zündet gleich stark, nicht jeder Moment bleibt gleich mal hängen. Das ist bei dieser Vielzahl an Beteiligten fast zwangsläufig so. Und ja – wenn man ehrlich ist: Die Grundformel kennen wir inzwischen ziemlich gut. Seit 'Birthday And Death' und 'Reliance' fährt 'Electrostaub' genau diesen Ansatz. Überraschungen? Gibt’s – aber man muss sie schon ein bisschen suchen.

Aber genau hier liegt meiner Meinung nach auch der Punkt: 'Humility' will gar nicht alles neu machen. Es will es richtig machen! Und das gelingt über weite Strecken ziemlich überzeugend. In einer Szene, in der wirklich starke Releases inzwischen keine Selbstverständlichkeit mehr sind, ist so ein Album fast schon Luxus – und fügt sich damit auch ziemlich nahtlos in das Qualitätsniveau ein, das man vom Umfeld von 'Alfa Matrix' erwarten darf. Was hängen bleibt, ist dieses Gefühl von Balance. 'Humility' ist eingängig, ohne banal zu sein. Emotional, ohne in Kitsch abzurutschen. Clubtauglich, ohne plump zu wirken. Es ist eines dieser Alben, bei denen man eigentlich nur „mal kurz reinhören“ wollte – und plötzlich läuft es durch. Und dann nochmal.

Im Fazit ist 'Humility' wie gemacht für alle, die melodischen, emotionalen Electro im Spannungsfeld von ... sagen wir mal 'VNV Nation', 'Solitary Experiments' oder 'De/Vision' schätzen. Wer genau dort unterwegs ist, wird hier sehr wahrscheinlich mehr als nur einen Anknüpfungspunkt finden. Wer dagegen maximale Härte oder den großen stilistischen Umbruch sucht, dürfte eher mit den Schultern zucken. Ich nehme lieber so ein Album als das nächste halbgar zusammengeschraubte „Wir wollten mal was komplett anderes machen“-Experiment. 'Humility' ist ein Album, das erstaunlich leicht hängen bleibt. Und genau die sind es, die man Wochen später immer noch hört – während der Rest längst vergessen ist.

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