Ich habe schon viel ausprobiert um nach einem langen Tag den Kopf frei zu bekommen. Spazierengehen, Musik hören und sogar kurz darüber nachdenken, ob Yoga vielleicht doch eine Option wäre. Dann aber kam 'Ritual' von 'Wieloryb'. Und sagen wir es so: Seitdem weiß ich, dass man keinen Ausgleichssport mehr braucht, wenn man sich stattdessen einfach 70 Minuten lang von industriellen Beats verprügeln lässt. Das ist kein Entspannen – das ist ein Workout für die Nervenbahnen. 'Ritual' von 'Wieloryb' in diesem Fall läuft nicht so einfach vor dir her. Es marschiert. Und wenn Du nicht schnell genug ausweichst, marschiert es einfach über Dich drüber. Hinter dem Projekt steht 'Paweł Kmiecik', der seit den 90ern Teil der polnischen Industrial- und EBM-Szene ist und sein Projekt über die Jahre konsequent in Richtung Rhythmic Noise weitergedreht hat. Was früher noch nach klassischem Industrial roch, ist heute eine ziemlich kompromisslose Maschine. Die CD-Version von 2026 bringt jetzt das ursprünglich digital veröffentlichte Album zurück – länger, voller, schwerer. Und ja: auch gnadenloser.
Musikalisch macht 'Wieloryb' sehr schnell klar, worum es hier geht: Rhythmus. Nicht als Beiwerk, nicht als Fundament – sondern als Chef im Ring. Die Beats sind keine Begleitung, sie sind das System. Alles andere – kalte Flächen, metallische Geräusche, düstere Texturen – hängt daran wie lose Kabel an einer überlasteten Stromleitung. Das ist kein Album, das Songs spielt. Das ist ein Konstrukt. Ein Gebäudekomplex aus Druck, Wiederholung und kontrollierter Härte. Und genau da wird es spannend: Diese Musik wirkt auf den ersten Blick komplex, ist aber im Kern ziemlich reduziert. Wenige Elemente, klare Strukturen, viel Wiederholung. 'Wieloryb' baut hier keine verspielten Klangwelten, sondern funktionierende Maschinen. Rhythmus wird hier nicht gespielt – er wird gebaut. Schicht für Schicht, Loop für Loop. Das Ergebnis ist ein Sound, der sich nicht entwickelt wie ein klassischer Track, sondern sich eher verdichtet. Oder, wenn man ehrlich ist: sich langsam festfrisst.
Das bringt uns zum heiklen Punkt: Monotonie. Ja, die ist da. Und zwar nicht versteckt, sondern frontal. 'Ritual' riskiert aktiv, Dich zu langweilen – und gewinnt genau dadurch an Wirkung. Das ist ein schmaler Grat. Manchmal ist es hypnotisch. Manchmal ist es kurz davor, Dich mental in den Energiesparmodus zu schicken. Ich hatte beim Hören mehr als einmal den Gedanken: „Das ist entweder verdammt gut – oder ich werde hier gerade sehr elegant zermürbt.“ Spoiler: Es ist ein bisschen von beidem. Was das Album aber rettet, sind die Details. Kleine Verschiebungen im Rhythmus, minimale Veränderungen in der Dichte, kurze Momente, in denen die Maschine Luft holt. Es gibt Passagen, die sich fast schon wie ein kaputtes, archaisches Trommelritual anfühlen – irgendwo zwischen Steinzeit und Stahlwerk. Dieser Mix aus etwas Ursprünglichem und gleichzeitig komplett Mechanischem funktioniert erstaunlich gut. Als hätten sich ein Schamane und eine kaputte Fabrikhalle auf einen Kompromiss geeinigt.
Und dann sind da diese seltenen Momente, in denen der Druck kurz nachlässt. Nicht viel, nicht lange – aber genug, um nicht komplett zu ersticken. So, als würde irgendwo eine Tür aufgehen, ein bisschen Luft reinkommen… und dann sofort wieder zuschlagen, weil draußen offensichtlich auch nichts Besseres wartet. Man muss aber auch klar sagen: Das hier ist ein Belastungstest. Über 70 Minuten dieser Dichte sind kein Nebenbei-Hören. Das ist kein Album für den Weg zur Arbeit oder zum Runterkommen nach Feierabend. Das ist Musik, die Aufmerksamkeit fordert – und im Zweifel einfach nimmt. Wer darauf keine Lust hat, wird hier ziemlich schnell aussteigen. Und das ist auch völlig okay. Was ich 'Wieloryb' hoch anrechne: Das Ding klingt verdammt gut. Die Produktion ist druckvoll, sauber und hat genau das richtige Maß an Dreck. Nichts wirkt zufällig, nichts billig. Diese Beats haben Gewicht. Wenn das hier live läuft, brauchst Du keinen Fitnessplan mehr.
Am Ende ist 'Ritual' genau das, was es sein will: kompromisslos, repetitiv, körperlich und nicht im Ansatz bemüht, irgendwem zu gefallen. Für Fans von Rhythmic Noise, Industrial und allem, was eher nach Stahl als nach Melodie klingt, ist das ein richtig starkes Release. Für alle anderen könnte es schnell zu viel werden – zu lang, zu gleichförmig, zu unerbittlich.
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