Wiir wollten professionell sein. Wirklich! Also haben wir uns für ‘Theory’ von ‘Cervello Elettronico’ einen strukturierten Hörtermin angesetzt: gute Anlage, volle Aufmerksamkeit, keine Ablenkung. Was dann passiert ist? Sagen wir so: Nach kurzer Zeit saßen wir da und haben uns gefragt, ob wir hier gerade ein Review schreiben – oder ob das schon als leicht fahrlässiger Selbstversuch durchgeht. Denn diese Platte macht genau das, was viele Releases sich nicht mehr trauen: Sie lässt dir keine Ausweichmöglichkeiten. Entweder du gehst mit – oder du gehst. Hinter ‘Cervello Elettronico’ steckt ‘David Christian’, ein Industrial-Techno-Produzent, der sich mit internationalen DJ-Sets und Live-Performances längst einen Namen gemacht hat. Sein Projekt ‘Cervello Elettronico’ bewegt sich seit Jahren souverän zwischen EBM, rhythmischem Noise und einer zunehmend technoiden Härte. Sample-basiert, reduziert, funktional – und vor allem: kompromisslos in der eigenen Vision. Während andere versuchen, möglichst viele Einflüsse unter einen Hut zu pressen, macht er hier etwas fast schon Radikales: Er streicht alles weg, was nicht zwingend notwendig ist.
Und genau daraus entsteht die eigentliche Wucht von ‘Theory’. Das hier ist keine Musik, die dich umarmt – das ist Musik, die einfach losläuft und erwartet, dass du hinterherkommst. Klanglich bewegt sich das Release in einem kühlen, fast schon asketischen Raum. Trockene Beats, stoische Loops, Sounds, die sich nicht entfalten wollen, sondern einfach da sind – wie Maschinen, die längst entschieden haben, dass sie auch ohne dich funktionieren. Das wirkt nicht verspielt, nicht experimentell im klassischen Sinne, sondern eher wie ein präzise gebautes System: Jede Wiederholung sitzt, jede Reduktion hat Gewicht. Nichts ist zufällig – und genau deshalb fühlt es sich stellenweise fast unangenehm konsequent an. Und ja, das muss man so klar sagen: ‘Theory’ ist streckenweise monoton. Punkt. Aber eben nicht aus Ideenlosigkeit, sondern aus Überzeugung. Diese stoische Beharrlichkeit ist kein Nebeneffekt – sie ist das Konzept. Das Release arbeitet nicht mit Überraschungen, sondern mit Druck. Nicht mit Dynamik, sondern mit Durchhaltevermögen. Es bleibt so lange gleich, bis sich dein Kopf anpasst. Oder kapituliert.
Das Ergebnis ist meinem Empfinden nach erstaunlich körperlich. Trotz aller Kälte, trotz aller Reduktion – oder vielleicht genau deswegen. Das hier ist Clubmaterial, aber nicht für den geschniegelt-ironischen Tanzflächenbesuch. Das ist der Moment gegen vier Uhr morgens, wenn der Raum zu warm, die Luft zu dick und die Leute zu ehrlich sind. Bewegung entsteht hier nicht aus Euphorie, sondern aus Notwendigkeit. Weil der Beat dich schlicht nicht in Ruhe lässt. Was mir dann auch noch besonders hängen bleibt: Diese Platte wirkt quasi wie jemand, der dich minutenlang wortlos anstarrt. Nicht aggressiv. Nicht laut. Aber irgendwann wird es dir unangenehm – und genau dann entfaltet sie ihre Wirkung. Natürlich ist das nichts für jeden. Wer Abwechslung, Melodien oder klassische Spannungsbögen sucht, wird hier ziemlich schnell aussteigen. ‘Theory’ interessiert sich ungefähr so sehr für Hörgewohnheiten wie ein Vorschlaghammer für Feinarbeit. Aber naja, genau das macht Theory auch so konsequent.
Mein Fazit: ‘Theory’ von ‘Cervello Elettronico’ ist ein Release für alle, die Musik nicht nur konsumieren, sondern auch aushalten wollen. Für Fans von glattpoliertem Futurepop oder klassischem EBM mit Hookline-Garantie dürfte das hier eher wie ein kalter Reality-Check wirken. Wer sich aber auf reduzierte, körperliche Härte einlassen kann, wer monotone Strukturen nicht als Mangel, sondern als Stilmittel versteht, der bekommt hier ein kompromissloses, erstaunlich fokussiertes Stück Techno-Industrial serviert. Mahlzeit.
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