Bei den 'Editors' durfte man lange vermuten, dass selbst die Kaffeemaschine nur schwarzen Kaffee und existenzielle Zweifel ausspuckt. Seit ihrem Debüt 'The Back Room' nämlich gehört die gepflegte Schwermut schließlich zur Grundausstattung der Briten. Umso erfreulicher, dass auf 'Surface, Echo & Sound' offenbar jemand die Vorhänge gefunden hat. Die werden zwar nicht gleich gegen sonnengelbe Häkelgardinen getauscht, aber ein bisschen mehr Tageslicht darf inzwischen schon herein. Der Band um 'Tom Smith' steht das ausgesprochen gut: Ihr achtes Studioalbum lässt mehr Wärme zu, ohne die vertraute Melancholie vor die Tür zu setzen.

Das am 30. Oktober 2026 bei Play It Again Sam veröffentlichte Album folgt auf das deutlich elektronischer ausgerichtete 'EBM' aus dem Jahr 2022. Diesmal rücken Gitarren und akustische Klangfarben stärker ins Zentrum. Aufgenommen wurde im Studio Unit 3 im englischen Tetbury; produziert haben Gitarrist 'Justin Lockey' und die Band selbst, den Mix übernahm 'Craig Silvey'. Auf den elf Stücken bleiben Post-Punk und New Wave klar erkennbar. Der Wechsel liegt vor allem darin, wie selbstverständlich sich diese Wurzeln mit folkigen Akzenten und ausgesprochen eingängigen Refrains verbinden.

Besonders gefallen mir die melodischen Gitarren. Ihre wiederkehrenden Figuren geben den Stücken Schwung, bleiben gut hörbar und lassen zugleich ausreichend Platz für den Gesang. Akustische Elemente und der helle Klang der Mandoline lockern die Arrangements auf. Die dunkleren Farben verschwinden dabei keineswegs: Unter den griffigen Melodien bleibt eine Nachdenklichkeit erhalten, die verhindert, dass das Ganze ins bloß Hübsche kippt. Gerade diese Verbindung macht für mich den Reiz aus. Man ist irgendwie schnell in den Songs angekommen und entdeckt trotzdem genug kleine Schattierungen, um länger bei ihnen zu bleiben.

Dabei muss ich stellenweise auch an 'The Cure' denken. Das liegt weniger an einer direkten stimmlichen Ähnlichkeit als am Zusammenspiel aus beweglichen Gitarren, unterschwelliger Melancholie und Melodien, die beinahe beiläufig hängen bleiben. 'Editors' klingen für mein Empfinden hier allerdings weniger klagend und häufiger beschwingt. Die Refrains haben etwas Befreiendes, ohne gleich die komplette Gefühlslage auf Partymodus umzustellen. Als Anspieltipp bietet sich 'Seriously' an, weil diese Nähe zur zugänglichen, fröhlicheren Seite von 'The Cure' dort meiner Meinung nach besonders gut greifbar wird.

Den entscheidenden eigenen Charakter bringt aber 'Tom Smith' mit. Sein warmer, souveräner Gesang hält die Musik immer zusammen. Während die Gitarren für Bewegung sorgen, bleibt seine tiefe Stimme angenehm gelassen; gerade daraus entsteht Spannung. Er muss sich hörbar nicht anstrengen, um präsent zu sein, und macht aus den großen Refrains trotzdem keine Gesangs-Olympiade. Auch die Textzeilen fügen sich gut in die einprägsamen Gesangsmelodien. Für mich funktioniert das deshalb, weil die emotionale Wirkung aus dem Vortrag entsteht und nicht aus ständig hochgefahrener Dramatik. Fein!

Die ruhigeren Passagen sind dabei eine ausgesprochene Stärke. Nach einem mitreißenden Refrain geben sie dem Gehör Zeit, sich auf kleinere melodische Bewegungen und die Stimme zu konzentrieren. Wenn die Band anschließend wieder anzieht, wirkt das umso stärker. So entstehen gekonnte Brücken zwischen den Höhepunkten, und das Album behält auch ohne durchgehend hohen Druck seinen Zusammenhang. Ich habe hier nicht das Gefühl, auf den nächsten guten Moment warten zu müssen. Die zurückgenommenen Abschnitte gehören für mich genauso dazu und machen die größeren erst richtig wirksam. Nochmal fein!

Wer vor allem die elektronische Wucht von 'EBM' sucht, dürfte diese Ausrichtung allerdings vermutlich weniger reizvoll finden. Auch die schroffere Seite der frühen Band steht hier eher seltener im Mittelpunkt. Mich überzeugt aber diese Entscheidung zur Melancholie, weil die Melodien fast durchgehend tragen und der Wechsel zwischen Zurückhaltung und Aufbruch für mich stimmig bleibt. Für Freunde von melodischem Indie-Rock mit Post-Punk- und New-Wave-Gespür ist 'Surface, Echo & Sound' deshalb eine deutliche Empfehlung. Am meisten bleibt mir das gute Zusammenspiel in Erinnerung: Die Refrains laden zum Mitsummen ein, die leiseren Momente halten einen dann trotzedm im Album. Ich würde hier jedenfalls keine Abkürzung zum nächsten Höhepunkt nehmen.