Was haben der Buchdruck, die Dampfmaschine, das Internet und Künstliche Intelligenz gemeinsam? Sie alle läuteten mit ihrem Erscheinen einen kulturellen Wandel in der Menschheit ein: Der Buchdruck ermöglichte das serielle Vervielfältigen von Schriften und damit eine Verbreitung von Wissen unter der Bevölkerung (was zuvor nur den Geistlichen vorbehalten war), die Dampfmaschine steht sinnbildlich für die industrielle Revolution und der schnellen Produktion von Waren, und das world wide web hat die Entwicklung der Globalisierung rasch vorangetrieben.

Nun stehen wir vor der nächsten Revolution - so zumindest die Meinung einiger, die in der Künstlichen Intelligenz einen nächsten Schritt in der kulturellen Entwicklung der gesamten Bevölkerung erkennen. Dabei spaltet KI die Gemüter. Wie soll Chat GPT und Co. eingesetzt werden? Wie nützlich oder gefährlich ist diese Technologie? Es ist ein bisschen wie mt Nobels Dynamit: Künstliche Intelligenz kann ein Segen für die Menschheit sein und Arbeitsprozesse noch einmal erleichtern. Gerät sie in falsche Hände, sind die Folgen kaum absehbar.

Auch in die Kunst greift KI ein - mit teilweise erstaunlichen wie gleichermaßen erschreckenden Ergebnissen, wenn man sich die über entsprechende Tools erstellten Songs anhört, in denen beispielsweise ein Johnny Cash wiedererweckt wird, um einen Song aus der Gegenwart zu performen. Solche Werkzeuge können auch in anderer Weise genutzt werden. Das amerikanische Darkwave-Duo Dead Astronauts macht es vor. Ihrem Artwork treu zur Seite steht seit Anbeginn nämlich eine immer wiederkehrende weibliche Figur, Persephone genannt. Diese wurde in ihren Original-Skizzen einer künstlichen Intelligenz übergeben. Die toten Astronauten haben nun verschiedene Textstellen aus ihren Songs als weitere Informationen hinzugefügt; es entstanden dadurch verschiedene Versionen der ursprünglichen Skizzen, die final zu einem Bild zusammengefügt worden sind. Am Ende entstand zu jedem Song ein korrelierendes Persphone-Porträt. Am Ende prangt im CD-Booklet eine Galerie verschiedener Frauenköpfe zu jedem einzelnen Track (in der Vinyl-Version kommt dieses Artwork naturgemäß noch besser zur Geltung).

Das Ergebnis ist atemberaubend und macht neugierig auf die Stücke von "Ghosts", die das aus Portland stammende Zweiergespann bereits auf dem Zenit ihres Schaffens zeigt. In ihren Anfangstagen haben sich Dead Astronauts noch vorsichtig an Gothic, Post Punk und Darkwave herangewagt und versucht, alles miteinander zu einer wohlklingenden Melange zu vereinen. Doch nun stehen neuen Stile im Vordergrund. Und das futuristisch gehaltene Cover deutet es schon an: "Ghosts" greift Elemente aus Synth-Wave und Italo-Disco auf, lässt daraus aber etwas ganz eigenes entstehen.

Das macht schlussendlich einen Song wie "She Haunts Me (Part Two)" zu einem unermüdlichen Ohrwurm, der mit seinen an die 80er erinnernden Orchester-Hits und packenden Melodien den Blick auf den Tanzflur gerichtet hat. Sänger Jared Kyle singt, wie er es auch bei den anderen Stücken auf "Ghosts" tut, über das große Gefühl der Liebe. Doch auch hier haben sich Dead Astronauts nicht dazu verleiten lassen, in gängige Schemata zu tappen. Tatsächlich stellen die beiden Musiker die Frage, inwieweit vergangene Ereignisse unser gegenwärtiges Handeln prägen. Damit vollführen sie auch den Ringschluss zu ihrem Artwork: Die mannigfaltige Persephone entspricht den "Geistern" des Albumtitels: Jedes Porträt ist nur ein Teil des Ganzen, das sich aus früheren Erfahrungen zusammensetzt.

Ganz schön viel Philosophie in der Kürze eines Albums. Doch wenn sie in so tollen Songs wie "Christine", "Bury You Quickly" und "Void" verhandelt wird, kommt das ganz und gar unverkopft rüber. Was am Ende bleibt, ist eine außergewöhnlich schöne Synthie-Platte, die selbst nach dem x-ten Abspielen nicht an Charme und Brillanz verliert.