Beim ersten Blick auf das Artwork von 'Eclipse' war ich doch kurz überzeugt, hier säßen 'Kim Jong-un', 'Donald Trump' und ein paar weitere fürchterliche Gefährten der Gegenwart in Gartenstühlen und warteten gemeinsam auf den Weltuntergang. Bei einem Projektnamen wie 'Ultraboss' erschien mir das gar nicht einmal so abwegig. Erst beim genaueren Hinsehen wurde aus der vermeintlichen Konferenz der Größenwahnsinnigen eine wesentlich harmlosere Gesellschaft: Die Herrschaften tragen Schutzbrillen und beobachten offenbar eine Sonnenfinsternis. Also doch kein Gipfeltreffen der Despoten. Wobei man bei der aktuellen Weltlage vermutlich trotzdem lieber zweimal hinschaut. Hinter 'Ultraboss' steckt der in Wien lebende italienisch-österreichische Gitarrist und Produzent 'PJ D’Atri'. Zu seinen musikalischen Bezugspunkten gehören sowohl 'Van Halen' und 'Journey' als auch 'Vince DiCola', 'Kraftwerk' und 'Giorgio Moroder'. Dass er sich zudem intensiv mit klassischer Musik und insbesondere mit 'Johann Sebastian Bach' beschäftigt, passt zu seiner Vorliebe für ausgearbeitete Melodien und virtuose Gitarrenläufe. Mit 'Eclipse', erschienen am 28. Juli 2026 über 'Rosso Corsa Records', verbindet er diese Einflüsse so konsequent wie selten zuvor. Das Label beschreibt das Album als Mischung aus Shredwave und Rock – also als Verbindung elektronischer Achtzigerjahre-Klänge mit ausgesprochen dominantem Gitarrenspiel.
Um es gleich auf den Punkt zu bringen: 'Eclipse' ist weniger ein Synthwave-Album mit Gitarren als ein melodisches Rock- und Metal-Album, dessen Klangwelt aus dem Synthwave stammt. Die elektronische Grundlage ist überall vorhanden, bestimmt aber nicht allein das Geschehen. Breite Synthesizerflächen, pulsierende Basslinien und glitzernde Achtzigerjahre-Melodien teilen sich den Raum mit wuchtigen Schlagzeugspuren, großen Gesangsrefrains und vor allem erstaunlich vielen Gitarren. Der Sportwagen fährt hier nicht mehr gemütlich durch das nächtliche Miami. Er biegt mit quietschenden Reifen auf den Parkplatz einer Heavy-Metal-Veranstaltung ab. Die Gitarren sind keineswegs nur als dekorative Solospuren über fertige Synthwave-Kompositionen gelegt worden. Sie gehören zum Kern der Musik und übernehmen je nach Passage unterschiedliche Aufgaben: Mal treiben sie das Album mit kräftigen Riffs voran, mal stützen sie die Melodien, dann wieder brechen sie in schnelle Läufe und weit ausgreifende Soli aus. 'PJ D’Atri' spielt technisch ausgesprochen versiert, aber nicht klinisch. Zwischen aller Geschwindigkeit bleibt genügend Gefühl für melodische Bögen, Spannungsaufbau und den richtigen Moment für eine große Geste.
Dabei schimmert klassischer Heavy Metal wesentlich stärker durch, als es die Bezeichnung Synthwave zunächst vermuten lässt. Die melodischen Gitarrenlinien, die teilweise galoppierende Rhythmik und der Hang zu dramatischen Steigerungen erinnern stellenweise an die große britische Metal-Schule. Das macht aus 'Eclipse' noch lange kein traditionelles Metal-Album, verschiebt das Klangbild aber deutlich in Richtung Synthrock, AOR und melodischem Heavy Metal. Wer ausschließlich elektronische Begleitmusik für nächtliche Fahrten durch Neonstädte erwartet, dürfte sich über die hohe Gitarrendichte jedenfalls wundern. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Stimme von 'Christoffer Ling', der sämtliche Stücke mit Ausnahme von 'Vertigo' singt. Dort übernimmt 'PJ D’Atri' selbst den Gesang. Ich musste tatsächlich eine Weile überlegen, weshalb mir 'Christoffer Ling' so vertraut vorkam. Dann war die Assoziation plötzlich da: 'Bruce Dickinson' von 'Iron Maiden'. Nicht als direkte Kopie und auch nicht in jeder Passage, aber für mich ist die stimmliche Nähe stellenweise kaum zu überhören.
'Christoffer Ling' singt überwiegend mit einer kraftvollen, hohen Bruststimme und deutlich metallischer Färbung. Seine Stimme besitzt einen leicht rauen Rand, bleibt dabei aber klar und kontrolliert. Auffällig sind das ausgeprägte Vibrato, die lang gehaltenen Silben und die Art, einzelne Melodien regelrecht nach oben zu stemmen. Gerade in den größeren Refrains entwickelt sein Vortrag jene heroische, beinahe erzählerische Qualität, die man auch von 'Bruce Dickinson' kennt. Selbst vergleichsweise harmlose Zeilen wirken dadurch, als müssten sie gegen Wind, Feuer und mindestens drei schlecht gelaunte Drachen angesungen werden. Der Vergleich mit 'Iron Maiden' entsteht allerdings nicht allein durch die Stimmlage. Auch die markante Betonung einzelner Wörter, die dramatische Phrasierung und das Zusammenspiel mit den melodischen Gitarren tragen meiner Meinung nach dazu bei. Dennoch bewahrt 'Christoffer Ling' eine eigene Persönlichkeit. Seine Stimme klingt etwas glatter und stärker im melodischen Hardrock verwurzelt, während ihr die elektronische Produktion einen moderneren Rahmen gibt. Sie besitzt ausreichend Kraft, um sich gegen die dichten Gitarren und Synthesizer durchzusetzen, ohne das Album vollständig zu dominieren.
Diese Stimme ist für 'Eclipse' enorm wichtig. Ohne sie könnte das Album leicht zu einer beeindruckenden, aber auf Dauer etwas unverbindlichen Demonstration technischer Fähigkeiten werden. Der Gesang gibt der Musik ein menschliches Zentrum und sorgt dafür, dass die Kompositionen stärker wie vollständige Songs als wie Begleitmusik zu einer imaginären Achtzigerjahre-Verfolgungsjagd wirken. Viele Melodien sind klar auf große Refrains ausgerichtet, die unmittelbar ins Ohr gehen und sich bereits nach wenigen Durchläufen festsetzen. Für den nötigen Druck sorgt 'Andre Schwarz', der laut Credits auf zehn der 14 Stücke die Drums übernimmt. Dadurch erhält die Musik zusätzliche Bewegung und körperliche Wucht. Die kräftigen Schlagzeugspuren bewahren zugleich genügend Präzision, um sich eng mit den elektronischen Rhythmen zu verbinden. Gerade dieses Zusammenspiel aus synthetischen Basslinien, energischen Drums und harten Gitarrenriffs verleiht 'Eclipse' seine besondere Dynamik. Die Synthesizer werden angesichts dieser Rockausrichtung trotzdem nicht zur Hintergrunddekoration degradiert. Sie liefern die Atmosphäre, legen breite Flächen unter die Gitarren und steuern immer wieder eigene Melodien bei. Die Elektronik klingt warm, farbenreich und ausgesprochen melodisch. Kühle Minimalistik findet man hier praktisch nicht. 'Eclipse' setzt auf Fülle, Bewegung und große Klangräume. Selbst ruhigere oder atmosphärischere Momente wirken meist wie das kurze Luftholen vor dem nächsten mächtigen Refrain oder Gitarrenausbruch.
Produktionstechnisch ist das Album sauber, dicht und druckvoll ausgefallen. Gesang, Gitarren und Synthesizer besitzen jeweils genügend Präsenz, obwohl sie permanent um denselben Raum kämpfen. Das ist bei einer derart üppigen Produktion keine geringe Leistung. Stellenweise fehlt mir dennoch etwas Luft. Manche Arrangements sind so vollständig mit Melodien, Gitarrenspuren und elektronischen Flächen gefüllt, dass einzelne Ideen kaum Zeit bekommen, ihre volle Wirkung zu entfalten. Ein paar bewusste Lücken hätten dem Album nicht geschadet. Auch die Spielzeit verlangt eine gewisse Ausdauer. 'Eclipse' bietet 14 Stücke und kommt auf exakt 62 Minuten und 57 Sekunden. Die Mischung bleibt zwar erstaunlich abwechslungsreich, weil Tempo, Gitarrenanteil und Atmosphäre variieren, dennoch macht sich in der zweiten Hälfte eine leichte Sättigung bemerkbar. Das liegt weniger an einem deutlichen Qualitätsabfall als an der permanenten Intensität. Noch ein großer Refrain, noch eine strahlende Synthesizerlinie, noch ein virtuoses Solo: Irgendwann kennt man die Speisekarte. Zehn Minuten weniger hätten das Album vermutlich noch schlagkräftiger gemacht.
Trotzdem überwiegt bei mir eindeutig die Begeisterung. Ich mag vor allem, wie aufrichtig 'Ultraboss' diesen Sound zelebriert. Hier wird nichts hinter einer ironischen Retrohaltung versteckt. 'PJ D’Atri' liebt große Gitarren, pathetische Melodien und den Klang der Achtzigerjahre offensichtlich ohne jede Einschränkung. Genau diese Überzeugung macht 'Eclipse' sympathisch. Das Album weiß sehr genau, was es sein möchte, und hat keinerlei Angst davor, gelegentlich über das Ziel hinauszuschießen. Entscheidend ist, dass die Verbindung der Stile tatsächlich funktioniert. 'Eclipse' klingt nicht wie gewöhnlicher Synthwave, auf den nachträglich ein paar Rockgitarren geklebt wurden. Elektronik, Metal, AOR und Synthrock sind eng miteinander verzahnt. Die zahlreichen Gitarren bestimmen den Charakter, die Synthesizer erschaffen die passende Klangwelt und die markante Stimme von 'Christoffer Ling' hält alles zusammen. Besonders die für mich immer wieder hörbare Nähe zu 'Bruce Dickinson' verleiht der Musik einen unerwarteten klassischen Metal-Touch.
Wer also Synthwave am liebsten dunkel, minimalistisch und rein instrumental hört, könnte sich von den großen Gesangsmelodien und der allgegenwärtigen Gitarre regelrecht überfahren fühlen. Auch Menschen, denen bei ausgedehnten Soli oder einer kräftigen Portion Pathos schnell die Ohren zuklappen, sollten vorsichtig sein. Wer dagegen 'Iron Maiden', 'Van Halen', 'Journey', Synthrock und elektronische Achtzigerjahre-Soundtracks gemeinsam in einer Playlist unterbringen kann, dürfte an 'Eclipse' erheblichen Spaß haben. Für mich ist das Album eine angenehm hemmungslose Verbindung aus Synthwave und melodischem Heavy Metal. Nicht jede der knapp 63 Minuten wäre zwingend nötig gewesen, und gelegentlich hätte etwas weniger musikalisches Dauerfeuer sogar mehr Wirkung erzielt. Doch 'Eclipse' besitzt Energie, handwerkliche Klasse und eine klare eigene Identität.
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