Warum wir das Album 'Monosex' von 'De/Vision' erst jetzt besprechen? Wir wollten nämlich erst mal prüfen, ob das Album auch wirklich den Langzeittest besteht. Nach 28 Jahren lässt sich jetzt aber vorsichtig sagen: Die Melodien halten! Bei den Scharnieren der CD-Hülle sind wir uns doch weniger sicher.
Im Jahr 1998 erschien 'Monosex', und 'De/Vision' öffneten damit ihren elektronischen Kosmos ein gutes Stück weiter. Die 1988 im Raum Darmstadt gegründete Band hatte sich damals mit ihrem melodischen Synthpop bereits eine treue Hörerschaft erspielt. Nach den Veröffentlichungen bei Strange Ways folgte dann das erste Album beim Major WEA. Mit Platz 30 in den deutschen Albumcharts erreichte 'Monosex' auch kommerziell einen wichtigen Meilenstein. Musikalisch zeigt die Platte eine Band, die ihren vertrauten Stil ausbauen möchte und dafür hörbar mehr Bewegung ins eigene Klangbild bringt.
Das Fundament bilden inwzischen bekannte klare Songstrukturen, elektronische Bässe und ein ausgeprägtes Gespür für Melodien. Darüber legen sich Synthesizerflächen und bewegliche Sequenzen, während Gitarren das elektronische Instrumentarium erweitern. Einflüsse irgendwo aus Techno und Trance geben den tanzbaren Passagen zusätzlichen Schub. Diese Öffnung gefällt mir: 'De/Vision' gewinnen an klanglicher Vielfalt und behalten dabei ihre Fähigkeit, eingängige Songs zu schreiben. Die zusätzlichen Elemente geben der Musik mehr Druck und andere Farben, ohne dass die melodischen Linien ihre Bedeutung verlieren. Gerade das Zusammenspiel von Rhythmus und Atmosphäre macht 'Monosex' reizvoll. Die Bässe und programmierten Beats treiben die Musik voran, während die Synthesizer zwischen dunklen, drängenden Klängen und weicheren Flächen wechseln. So entsteht eine Spannung zwischen körperlicher Bewegung und emotionaler Schwere. Die Musik kann auf die Tanzfläche ziehen und gleichzeitig ein Gefühl von Sehnsucht vermitteln. Für mich steckt darin eine der großen Qualitäten des Albums: Seine Melancholie bleibt lebendig, weil unter ihr ständig etwas arbeitet.
Die ruhigeren und atmosphärischen Passagen geben diesem Wechselspiel Raum. Sie setzen andere Schwerpunkte als die stärker vom Rhythmus bestimmten Stücke und machen deutlich, wie breit 'De/Vision' ihre elektronische Popmusik hier anlegen. Dadurch bekommt das Album einen nachvollziehbaren Wechsel zwischen Energie und Zurückhaltung. Die unterschiedlichen Stimmungen halten es zusammen: Auch wenn Tempo und Instrumentierung variieren, bleibt diese Mischung aus Nähe, Sehnsucht und nächtlicher Unruhe erkennbar. Im Zentrum steht die Stimme von 'Steffen Keth'. Ihr dunkler, melancholischer Klang verbindet die elektronischen Arrangements mit einer menschlichen Empfindsamkeit. Er gibt den Melodien Gewicht und trägt die Stimmung auch durch die zurückgenommenen Momente. Die musikalische Verwandtschaft mit 'Depeche Mode' ist dabei meiner Meinung nach schon ziemlich deutlich. Zugleich besitzen 'De/Vision' einen eigenen Sinn für jene unmittelbar zugänglichen Melodien, die sich schnell festsetzen und das Album über seine stilistischen Erweiterungen hinweg zusammenhalten.
Mein persönlicher Lieblingssong und damit auch mein Anspieltipp ist 'We Fly... Tonight'. Sein treibender Rhythmus, die technoiden Elemente und die eingängige Gesangsmelodie verbinden die tanzbare und die melodische Seite von 'Monosex'. Damit ist der Song auch ein guter Einstieg für alle, die das Album erst kennenlernen. Für Freunde von melodischem Synthpop und dunklem Elektropop, insbesondere im Umfeld von 'Depeche Mode', 'Camouflage' und 'Wolfsheim', lohnt sich diese Wiederentdeckung damals wie heute. Mich überzeugt, wie 'Monosex' seine unterschiedlichen Klangfarben mit starken Melodien und einer durchgängigen Atmosphäre verbindet. Die Dance-Einflüsse verorten das Album in seiner Entstehungszeit; seine emotionale Wirkung reicht darüber hinaus. 'De/Vision' haben hier eine Platte geschaffen, deren Reiz sich auch Jahrzehnte später gut nachvollziehen lässt. Der Langzeittest ist also bestanden. Die CD-Hülle ersetzen wir dann mal bei Gelegenheit.
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