Elektronische Musik war einmal ein Versprechen. Auf Fortschritt, auf Klarheit, auf eine Welt, die sich neu sortiert. Auf kalte Maschinen, die plötzlich warm klangen, und auf Menschen, die sich hinter Synthesizern neu erfanden. Genau an dieses Versprechen knüpft die EP 'Techno Pop' von 'KRAFTman' an – und das ist auch der Punkt, an dem sie mich persönlich wirklich bekommt. Denn statt sich an ironischem Retro-Chic, modernem Update-Zwang oder augenzwinkernder Nostalgie abzuarbeiten, erlaubt sich dieses Release etwas fast schon Unzeitgemäßes: Ruhe, Konzentration und Konsequenz. Beim Hören wurde mir schnell klar, dass hier niemand versucht, mir zu gefallen oder mich mit cleveren Referenzen zu ködern. Und genau diese Haltung hat bei mir funktioniert – vielleicht sogar gerade deshalb.
Seit über 40 Jahren ist elektronische Musik der rote Faden im Leben von 'KRAFTman'. Ein Weg, der – wie bei so vielen – mit einem ikonischen TV-Moment begann: 'Tubeway Army' und 'Are Friends Electric?' als Initialzündung. Von dort führt die Spur fast zwangsläufig zu 'Kraftwerk'. Dieser Einfluss ist hier nicht nur hörbar, sondern strukturell präsent. Dass 'KRAFTman' zuvor bereits komplette Neuinterpretationen von 'The Man-Machine' und 'Computer World' veröffentlicht hat, macht deutlich, dass es ihm nicht um punktuelle Verbeugungen geht. Das ist keine gelegentliche Hommage, sondern eine über Jahre gewachsene, fast schon obsessive Auseinandersetzung mit einer Idee von elektronischer Musik.
Im Zentrum von 'Techno Pop' steht dabei ganz bewusst das Album 'Electric Cafe'. Ein Werk, das lange zwischen den Stühlen stand, oft unterschätzt wurde und vielleicht genau deshalb heute besonders reizvoll erscheint. Vier der fünf Stücke der EP sind reguläre Kompositionen dieses Albums – und genau hier wird es spannend: Denn 'Electric Cafe' trug ursprünglich selbst den Arbeitstitel 'Techno Pop'. Der Name der EP ist also keine nostalgische Zierde, sondern eine direkte Rückbindung an eine Phase, in der Kraftwerk mit Ideen, Technik und Zeitgeist rangen. Der fünfte Track, ein 'Back To ’83 Mix', greift sogar noch weiter zurück und orientiert sich an frühen Demo- und Entwicklungsfassungen aus jener Zeit, als das Material noch im Fluss war. Dadurch wirkt die EP weniger wie ein klassisches Cover-Release, sondern fast wie ein Blick in eine alternative Versionsgeschichte elektronischer Musik.
Musikalisch bleibt 'Techno Pop' konsequent auf Reduktion fokussiert. Die Arrangements sind klar, sachlich und bewusst entschleunigt. Hier wird nichts aufpoliert, nichts modernisiert, nichts „clubtauglich“ gemacht. Stattdessen scheint jede Entscheidung darauf ausgelegt zu sein, den Kern dieser Musik freizulegen – so nüchtern, so funktional und so konzentriert wie möglich. Für mich liegt genau darin der Reiz: Diese EP fordert Aufmerksamkeit, weil sie sich weigert, permanent Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das ist im Jahr 2026 fast schon ein kleiner Akt des Widerstands.
Was mir persönlich besonders gefallen hat, ist die Konsequenz dieses Ansatzes. 'Techno Pop' will nicht überraschen, nicht brechen, nicht neu definieren. Es will bewahren – und zwar ohne Pathos. Gleichzeitig muss man aber ehrlich sein: Wer hier Entwicklung, dramatische Wendungen oder gar Innovation im klassischen Sinne sucht, wird eher Leere als Reiz empfinden. Die EP bewegt sich in einem sehr engen ästhetischen Rahmen und verlässt ihn kein einziges Mal. Für mich funktioniert das, weil genau diese Beschränkung das Konzept trägt. Für andere kann diese Strenge jedoch schnell monoton wirken. Das ist kein Fehler, aber eine klare Haltung – und die sollte man mögen.
Über allem schwebt dabei der Geist von 'Florian Schneider'. Nicht als Denkmal, sondern als Idee. Als Haltung. Als Erinnerung daran, dass elektronische Musik nie nur aus Sounds bestand, sondern immer auch aus Konzept, Reduktion und einer klaren Vorstellung von Form. 'KRAFTman' macht daraus kein großes Thema, und genau das rechne ich ihm hoch an. Keine erklärenden Texte, kein Fan-Service, keine großen Gesten. Stattdessen eine stoische Ruhe, die sich durch die gesamte EP zieht. Das ist nicht spektakulär – aber es ist ehrlich. Und diese Ehrlichkeit hört man.
Im Fazit ist 'Techno Pop' eine EP für Menschen, die elektronische Musik nicht als Hintergrundrauschen oder Trend verstehen, sondern als kulturelle Idee. Für Kraftwerk-Affine, für Liebhaber klassischer Elektronik, für Hörerinnen und Hörer, die Geduld mitbringen und Reduktion schätzen. Weniger geeignet ist dieses Release für alle, die nach Eskalation, zeitgenössischer Club-Dynamik oder permanentem Fortschritt suchen. 'Techno Pop' fordert kein Mitgehen, sondern Zuhören. Für mich ist das keine Schwäche, sondern eine wohltuende Ausnahme – auch wenn ich gut nachvollziehen kann, dass genau diese Konsequenz nicht jeden abholen wird.
Kraftman - Techno Pop EP
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