Rosen, Hände, offenliegende Metallfedern: Das Cover von 'Romantic Asthmatic' sieht aus, als hätte jemand einen romantischen Abend geplant und bei der Wahl des Schauplatzes folgenschwer gespart. Für 'Sensitive Content' ist dieses Nebeneinander von Zärtlichkeit und Unbehagen allerdings eine treffende Visitenkarte. Das zwischen Athen und Paris beheimatete Duo aus 'Manos Tzavolakis' und 'Alexandre Moreau' verbindet auf seinem Debüt dunkle Elektronik mit der kantigen Energie von Post-Punk und No Wave. Mich reizt daran besonders, wie unmittelbar diese Musik wirkt: Die Gefühle liegen offen, und die Grooves machen ordentlich Druck.
Die körnige Aufnahme und die abgenutzten Oberflächen verleihen dem Artwork etwas angenehm Ungeschöntes. Die Rosen versprechen Nähe, die Umgebung wenig Geborgenheit. Als Bild für eine Romantik, die unter schwierigen Bedingungen bestehen muss, funktioniert das für mich ausgesprochen gut. Genau diese Spannung zieht sich auch durch die Musik: Verletzlichkeit trifft auf Widerstand, emotionaler Nachdruck auf den ziemlich entschlossenen Wunsch, sich trotzdem zu bewegen. Die Zusammenarbeit von 'Manos Tzavolakis' am Gesang und 'Alexandre Moreau' an Maschinen und Gitarre begann Ende 2023 in Athen. Bereits 2024 erschien die erste EP 'Ténèbres Insondables'. Das am 2. Oktober 2026 bei 'Manic Depression Records' veröffentlichte Debüt umfasst acht Stücke. Den vom Label angekündigten stärkeren Fokus auf tanzbare Grooves und einen experimentelleren Ansatz kann ich dabei gut nachvollziehen.
Was mich an 'Romantic Asthmatic' dann aber besonders überzeugt, ist seine rohe, dynamische Art. Die Musik hat einen direkten Zugriff, wirkt stellenweise ausgesprochen impulsiv und entwickelt einen Bewegungsdrang, dem man sich schwer entzieht. Elektronische Rhythmen treiben die Stücke voran, während die dunkle Atmosphäre verhindert, dass die emotionale Spannung einfach verpufft. Man hört die Unruhe, spürt den Druck und findet sich trotzdem ziemlich schnell im Takt wieder. Der Darkwave-Anteil gibt der Veröffentlichung eine zusammenhängende Stimmung. Dazu kommt die ungeschliffene Haltung von Post-Punk und No Wave, die dem Klang Ecken lässt und den Songs eine gewisse Unberechenbarkeit verleiht. Die experimentellere Ausrichtung fügt sich dabei schlüssig ein: 'Sensitive Content' lassen Raum für eigenwillige Ausdrucksformen, ohne den rhythmischen Zusammenhalt aus den Augen zu verlieren. Das gefällt mir, weil die Musik dadurch Charakter entwickelt und zugleich zugänglich genug bleibt, um unmittelbar zu packen.
Besonders deutlich wird diese Stärke bei 'Grievious Blow' und 'Heatwave', meinen beiden Anspieltipps. Ihr treibender, impulsiver Charakter zeigt überzeugend, wie viel körperliche Energie in diesem Album steckt. Da hält kein Tanzfuß lange still. Der andere kann natürlich weiterhin behaupten, er sei nur zufällig im Takt verrutscht. Wer einen ersten Zugang zur Veröffentlichung sucht, bekommt hier zwei gute Möglichkeiten, ihre dunkle und zugleich ausgesprochen bewegliche Seite kennenzulernen. Entscheidend für die Wirkung ist außerdem der Gesang. Er klingt teilweise flehend, dann wieder eher vortragend, als müssten bestimmte Gedanken unbedingt noch ausgesprochen werden. Diese Wechsel halten den Ausdruck lebendig und geben den Stücken Persönlichkeit. Mich überzeugt vor allem, wie das Duo emotionale Unruhe in körperliche Energie übersetzt: Die Stimme fleht, der Rhythmus drängt weiter. Dadurch entsteht eine Spannung, die mich auch dort bei der Sache hält, wo der Vortrag mehr Raum einnimmt. Langeweile kommt dabei nicht auf.
Der inhaltliche Hintergrund passt zu diesem Eindruck. Laut Albumkonzept beschäftigen sich 'Sensitive Content' mit romantischen und sexuellen Beziehungen, toxischer Männlichkeit, Kontrolle und gesellschaftlichen Zuständen, die bis ins Private hineinwirken. Der Titel 'Romantic Asthmatic' beschreibt die Atemnot einer Romantik, die unter solchen Bedingungen kaum noch als Zufluchtsort funktioniert. Das erklärt auch, weshalb die Rosen auf dem Cover für mich weniger nach Liebesglück als nach dem beharrlichen Versuch aussehen, unter widrigen Umständen etwas Zärtlichkeit zu bewahren. Eine konkrete Schwäche drängt sich mir bei diesem Ansatz nicht auf. Die rohe Machart und der eigenwillige Gesang verlangen allerdings, dass man sich auf eine gewisse Sperrigkeit einlässt. Wer geschmeidigen Synthpop bevorzugt, könnte gerade mit dem flehenden, vortragenden Ausdruck weniger anfangen. Für mich trägt er wesentlich zum Charakter des Albums bei. Dass diese Musik Aufmerksamkeit fordert, empfinde ich deshalb eher als Stärke.
'Romantic Asthmatic' ist seit dem 2. Oktober digital erhältlich. Physisch wird eine transparente 12-Zoll-Vinyl mit Beileger angeboten, die auch die digitale Ausgabe einschließt. Der Versand ist dort für ungefähr den 30. Oktober 2026 angekündigt. Unterm Strich überzeugt mich 'Romantic Asthmatic' als dunkles Debüt mit eigener Haltung und spürbarem Bewegungsdrang. Besonders dort, wo der ausdrucksstarke Gesang auf treibende Grooves trifft, entfaltet die Mischung ihren Reiz. Freunde von kantigem Darkwave, Post-Punk und experimenteller Elektronik sollten 'Sensitive Content' kennenlernen. Das Artwork verspricht schließlich schon einiges: Nähe, Reibung und die begründete Vermutung, dass dieser Abend nicht besonders bequem wird. Musikalisch bleibe ich gerne.
Sensitive Content - Romantic Asthmatic
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- Elec
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- Gothic / Mittelalter / DarkwaveReviews
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