Also zuerst gesagt, bei 'Rue Oberkampf' bin ich wirklich befangen. Das können wir gleich zu Beginn festhalten, bevor hier noch jemand Objektivität erwartet. Ich würde 'Julia De Jouy' vermutlich sogar dabei zuhören, wie sie auf Französisch die Bedienungsanleitung eines alten Synthesizers vorliest – vorausgesetzt, darunter läuft ein ordentlich pumpender Bass. Andere Menschen sammeln Briefmarken, ich bekomme eben gute Laune, sobald sich kühle Elektronik, melancholische Melodien und dieser unverwechselbare Gesang miteinander verabreden. Jeder braucht schließlich irgendein Hobby.
'Rue Oberkampf' wurden 2016 in München gegründet und haben sich seitdem eine ganz eigene Position zwischen Darkwave, Coldwave, EBM, Techno und elektronischem Pop erarbeitet. Geprägt wurde die Band von 'Julia De Jouy', 'Oliver Maier' und 'Damien De-Vir'; in der jüngeren Phase stehen vor allem 'Julia De Jouy' und 'Oliver Maier' im Mittelpunkt. Bereits auf frühen Veröffentlichungen wie 'Waveclash' und 'Christophe-Philippe' war erkennbar, dass sich hier niemand damit zufriedengibt, ein paar analoge Synthesizer abzustauben und anschließend ehrfürchtig vor den Achtzigern niederzuknien. 'Rue Oberkampf' klingen nach Vergangenheit, aber nie nach Museum. Eher nach einem Club, der 1984 eröffnet, 1996 illegal weiterbetrieben und gestern Nacht noch einmal renoviert wurde.
Mit 'The Singles 2018–2026' zieht die Band nun eine art Zwischenbilanz. Acht Stücke aus acht Jahren versammelt die Compilation: 'Eternity', 'Eiszeit', 'Solitude', 'I Won’t Surrender (Brutal Edit)', 'Negativraum', 'Sans Toi', 'Deine Augen' und 'Never Stop To Dance'. Die digitale Ausgabe erschien am 9. Juli 2026, die physischen Ausgaben werden über 'Young And Cold Records' veröffentlicht. CD und Vinyl sind als einmalige, handnummerierte Auflagen von jeweils 666 Exemplaren angekündigt. Für Sammler ist das natürlich eine ausgesprochen hinterhältige Stückzahl. Man weiß genau, dass man die Musik längst kennt – und hört sich trotzdem schon sagen: „Na gut, eine nehme ich noch.“
Wobei „längst kennt“ hier wörtlich zu verstehen ist: Auf 'The Singles 2018–2026' befindet sich weder ein exklusiver neuer Song noch eine bislang unveröffentlichte Version. Selbst 'Eiszeit', der jüngste Titel der Sammlung, erschien bereits wenige Wochen vorher als digitale Single. Die Compilation verkauft uns also keine geheimnisvolle Kelleraufnahme, bei der seit 2019 niemand mehr das Licht ausgeschaltet hat. Sie gibt vielmehr acht Singles ein gemeinsames physisches Zuhause, die zuvor über digitale Veröffentlichungen, EPs und teilweise winzige Tonträgerauflagen verstreut waren. Die Veröffentlichungshistorie wurde dabei durchaus mit Bedacht gesichtet. 'Sans Toi' reicht bis 2018 zurück, 'Negativraum' erschien 2020 als Titelsong einer Zwei-Track-EP und 'Never Stop To Dance' folgte 2022 zunächst digital. Von 'Solitude' ist die ursprüngliche Singlefassung aus dem Jahr 2023 enthalten und nicht der spätere 'Essenz Master'. Bei 'I Won’t Surrender' fiel die Wahl auf den bereits 2024 veröffentlichten 'Brutal Edit', während 'Deine Augen' in der regulären Version vertreten ist – nicht als seltene Demofassung der limitierten Kassette. Das beweist Beschäftigung mit dem eigenen Archiv, macht das Fehlen wirklicher Raritäten allerdings umso auffälliger.
Die Zusammenstellung ist weder chronologisch angeordnet noch als vollständige Werkschau gedacht. Das ist sympathisch, weil das Album dadurch nicht wie ein sauber beschrifteter Aktenordner klingt. Über den Umfang darf man trotzdem diskutieren: Acht Titel für acht Jahre sind nicht gerade verschwenderisch. Wer 'Rue Oberkampf' länger verfolgt, wird persönliche Favoriten vermissen. Vermutlich sogar mehrere. Fans sind schließlich Menschen, die einer Band gleichzeitig bedingungslos zujubeln und ausführlich erklären können, warum ausgerechnet ihre drei Lieblingsstücke fehlen. Ich nehme mich davon ausdrücklich nicht aus. Musikalisch funktioniert 'The Singles 2018–2026' dennoch erstaunlich geschlossen. Trockene, körperlich spürbare Bassläufe treffen auf flirrende Synthesizer, stoische Rhythmen und Melodien, die gleichzeitig kühl und gefühlvoll wirken. Die Beats wollen auf die Tanzfläche, während die Atmosphäre lieber noch eine Weile allein im Regen stehen würde. Genau aus diesem Widerspruch ziehen 'Rue Oberkampf' ihre besondere Spannung.
Die Musik ist dunkel, aber selten erdrückend. Sie besitzt jene urbane Kälte, die nach Beton, Neonlicht und dem letzten Nachtbus klingt, lässt jedoch genug Wärme durch, um nicht in reiner Pose zu erstarren. Mal arbeitet der Sound mit sparsamen, beinahe minimalistischen Mitteln, mal schiebt er mit deutlich mehr Druck in Richtung EBM und Techno. Dazwischen öffnen sich melodische Räume, in denen elektronische Popmusik auf Melancholie trifft, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen. Hach, wie fein. Trotz aller Düsternis nehmen sich 'Rue Oberkampf' nie so wichtig, dass man zum Hören zunächst einen schwarzen Rollkragenpullover und ein abgeschlossenes Philosophiestudium benötigt. Über die acht Jahre hinweg ist meinem Gefühl nach die Produktion hörbar voller, klarer und selbstbewusster geworden. Die älteren Aufnahmen leben stärker von Reduktion, Wiederholung und hypnotischer Spannung, während die jüngeren Stücke irgendwie breiter, druckvoller und teilweise beinahe hymnisch wirken. Trotzdem entsteht nie der Eindruck, versehentlich bei einer anderen Band gelandet zu sein. Das abschließende Mastering von 'Eric Van Wonterghem' verbindet die unterschiedlichen Entstehungsphasen klanglich miteinander, ohne ihre Eigenheiten vollständig glattzubügeln.
Im Zentrum steht natürlich die Stimme von 'Julia De Jouy'. Sie singt und spricht auf Französisch, Deutsch und Englisch, klingt mal distanziert, verletzlich und kühl, dann wieder fordernd oder beinahe beschwörend – gelegentlich auch alles innerhalb weniger Minuten. Ihr Gesang liegt nicht einfach über der Musik, sondern wird selbst zu einem Instrument. Manche Passagen schweben durch den Raum, andere setzen sich mit erstaunlicher Entschlossenheit zwischen Bass und Rhythmusmaschine. Gerade die französische Sprache verleiht dem Sound eine sinnliche Eleganz, die wunderbar mit den raueren elektronischen Strukturen kollidiert. Das ist ganz sicher eine der großen Stärken von 'Rue Oberkampf': Die Band verbindet hier Gegensätze, ohne dass aber die Nähte sichtbar werden. Deutsche Direktheit trifft auf französische Sinnlichkeit, kühle Technik auf menschliche Unruhe, strenge Rhythmik auf emotionale Offenheit. Man kann dazu tanzen, aber ebenso mit Kopfhörern darin versinken. Im besten Fall macht man beides, wobei das Tanzen mit Kopfhörern im Wohnzimmer je nach Nachbarschaft eigene Risiken birgt.
Die nicht chronologische Reihenfolge erweist sich dann auch als gute Entscheidung. Sie verhindert eine musikalische Geschichtsstunde und lässt die unterschiedlichen Phasen der Band miteinander in Dialog treten. Gerade zwischen 'Sans Toi' aus dem Jahr 2018 und 'Eiszeit' von 2026 wird hörbar, wie sich die Produktion vergrößert und die melodische Wirkung verstärkt hat, ohne dass 'Rue Oberkampf' ihre Identität gegen mehr Hochglanz eingetauscht hätten. Rhythmus, Atmosphäre und Stimme bilden weiterhin das Fundament. Der zentrale (kleine) Kritikpunkt bleibt trotzdem bestehen: Für eine Rückschau über acht Jahre, die ausschließlich bekanntes Material enthält, ist 'The Singles 2018–2026' editorisch etwas geizig geraten. Ein paar zusätzliche Remixe, seltene Versionen oder tatsächlich unveröffentlichte Aufnahmen hätten den Mehrwert für langjährige Fans erheblich gesteigert. Gerade die Demofassung von 'Deine Augen' hätte gut in das Konzept gepasst so meine ich. So liegt der Reiz vor allem in der gemeinsamen Präsentation, dem einheitlichen Mastering und der Möglichkeit, zuvor verstreute Singles erstmals geschlossen auf CD oder Vinyl zu besitzen.
Für Neueinsteiger ist das fast nebensächlich. Ihnen liefert 'The Singles 2018–2026' einen ausgezeichneten Zugang zur Welt von 'Rue Oberkampf'. Die Compilation zeigt Tanzbarkeit, Melancholie, Härte und Eleganz, ohne auszuufern. Sie ist keine umfassende Werkschau und kein Ersatz für die regulären Alben und EPs, funktioniert aber hervorragend als kompaktes Porträt einer Band, die Darkwave, EBM, Techno und elektronischen Pop bemerkenswert eigenständig verbindet. Wer mit französischem Sprechgesang, stoischen Rhythmen oder konsequent elektronischer Musik grundsätzlich wenig anfangen kann, wird vermutlich auch durch diese Sammlung nicht bekehrt. Wer 'Rue Oberkampf' neu entdecken möchte, bekommt dagegen einen nahezu idealen Einstieg. Und wer längst Fan ist, kennt zwar wahrscheinlich sämtliche Stücke, wird die handnummerierte Ausgabe aber trotzdem haben wollen. Ich spreche da selbstverständlich nur rein theoretisch aus eigener Erfahrung.
Mein Fazit fällt daher sehr positiv, aber nicht ganz kritiklos aus: 'The Singles 2018–2026' ist musikalisch stark, stilvoll zusammengestellt und erstaunlich geschlossen – editorisch jedoch etwas knapp bemessen. Die Compilation zeigt, warum 'Rue Oberkampf' für mich zu den spannendsten elektronischen Bands der Gegenwart gehören: weil ihre Musik gleichzeitig kalt und leidenschaftlich, streng und sinnlich, nostalgisch und vollkommen gegenwärtig klingt. Ein paar echte Raritäten hätten aus dieser schönen Rückschau allerdings eine unverzichtbare gemacht. Aber seien wir ehrlich: Sobald diese Bassläufe einsetzen und 'Julia De Jouy' die ersten Worte ins Halbdunkel schickt, ist meine Kritikfähigkeit ohnehin nur noch eingeschränkt arbeitsfähig.
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