Viele Bands begleiten einen so lange, dass ihre Musik irgendwann sozusagen schon zur eigenen Einrichtung gehört. 'A-Ha' stehen bei mir längst irgendwo zwischen Jugendzimmer, Konzertsaal und den Erinnerungen, die beim ersten vertrauten Ton ungefragt wieder vorbeischauen. Entsprechend freue ich mich immer über neue Musik der drei Norweger. Allerdings bekommt auch eine Lieblingsband keinen lebenslangen Freifahrtschein für gepflegte Nostalgie. Mit 'True North' machen es einem 'Morten Harket', 'Magne Furuholmen' und 'Pål Waaktaar-Savoy' erfreulich leicht: Ihr elftes Studioalbum zeigt eine Band, die noch immer schöne Songs schreiben kann und ihnen hier besonders viel Platz zum Atmen gibt.
Das am 21. Oktober 2022 erschienene Album entstand in Bodø, nördlich des Polarkreises, gemeinsam mit dem nördlichsten professionellen Orchester der Welt - 'Arctic Philharmonic'. Zum Projekt gehört außerdem ein begleitender Film. Die Idee einer gefilmten Studiosession entwickelte sich zu einem größeren Vorhaben, das Musik, Landschaft und die Verbundenheit mit der norwegischen Heimat zusammenführt. Natur, Verantwortung und menschlicher Zusammenhalt bilden den thematischen Hintergrund. Die zwölf Stücke stammen zu gleichen Teilen von 'Magne Furuholmen' und 'Pål Waaktaar-Savoy'. Trotz dieser Aufteilung wirkt das Ergebnis angenehm geschlossen.
Musikalisch zieht sich eine ruhige, nachdenkliche Stimmung durch 'True North'. Klavier, akustische Gitarren und weit ausgreifende Streicher prägen den Klang. Dazu kommen dezente elektronische Akzente, die zwischen den organischen Instrumenten kleine Lichtpunkte setzen. Die vertraute Melancholie von 'A-Ha' findet in dieser Umgebung ein passendes Zuhause. Vieles schwebt, manches wiegt sich sanft, und gelegentlich bekommt der Rhythmus genug Bewegungsfreiheit, um die feierliche Stimmung aufzulockern. Die große Achtzigerjahre-Geste hat inzwischen offenbar einen guten Mantel gefunden und geht lieber am Wasser spazieren.
Besonders gefällt mir, wie sorgfältig die Instrumente aufeinander abgestimmt sind. Die Streicher geben den Melodien Weite, während Gitarren, Klavier und die zurückhaltende Rhythmusarbeit für Nähe sorgen. Dabei bleibt genug Luft, um einzelne Klangfarben wahrzunehmen. Man hört die hohe handwerkliche Qualität ebenso wie die Erfahrung hinter diesen Kompositionen. Die Melodien entwickeln sich schlüssig, Übergänge wirken selbstverständlich, und auch leisere Passagen haben musikalisch etwas zu erzählen. Das Songwriting trägt die aufwendige Ausstattung.
Über allem steht natürlich die unverwechselbare Stimme von 'Morten Harket'. Die ganz hohen Gipfel erklimmt er zwar nicht mehr mit der früheren Selbstverständlichkeit, doch seine warme Melancholie und die feinen Nuancen im Vortrag berühren mich weiterhin. Gerade in den zurückgenommenen Momenten hört man, wie viel Ausdruck in einer behutsam gesetzten Betonung liegen kann. Er muss längst keine stimmlichen Höhenrekorde mehr aufstellen, um einem nahezukommen. Seine Stimme hält diese weitläufige Klangwelt zusammen und verleiht ihr ein vertrautes, menschliches Gesicht.
Ganz ohne Einschränkung geht meine Begeisterung dann allerdings doch nicht durch. Über die gesamte Spielzeit hätte ich mir gelegentlich einen kräftigeren rhythmischen Impuls oder eine überraschende Wendung gewünscht. Die durchgehend geschmackvolle Zurückhaltung nimmt einigen Passagen etwas Spannung. Wenn alles so schön ineinandergreift, darf zwischendurch ruhig einmal jemand mit dem Stuhl quietschen. Für mich bleibt das eine überschaubare Schwäche, sie verhindert aber, dass ich mich den ganz großen Meisterwerk-Ausrufen anschließe.
Als Anspieltipp empfehle ich den Titelsong 'True North'. Seine weit gespannte Melodie und die Verbindung aus sehnsüchtigem Gesang und orchestralem Raum bringen die Stärken des Albums besonders gut zusammen. 'I’m In' bietet ebenfalls einen schönen Einstieg: Der behutsame Aufbau lässt die emotionale Wirkung wachsen und zeigt, wie überzeugend diese Band mit wenigen, gezielt eingesetzten Mitteln beginnen kann.
Für mich ist 'True North' ein gutes, stellenweise sehr schönes Spätwerk. Wer die nachdenkliche Seite von 'A-Ha' schätzt und Freude an fein ausgearbeiteten Arrangements hat, findet hier reichlich Gründe zum Wiederhören. Wer vor allem den nächsten drängenden Synthpop-Refrain sucht, braucht etwas mehr Geduld. Mich überzeugt das Album durch seine musikalische Sorgfalt, seine Melodien und einen Sänger, dessen Stimme nach all den Jahren noch immer etwas in Bewegung setzt. Der Norden darf hier kühl aussehen. Die Musik hat genug Wärme.