Das Tückische an einem guten Bandposter: Es hängt vollkommen geräuschlos an der Wand. Man kann jahrelang daran vorbeigehen und darüber vergessen, dass die abgebildeten Menschen tatsächlich etwas zu sagen haben. Bei 'A-Ha' lohnt es sich deshalb, den Blick von den Wangenknochen zu lösen und die Lautsprecher einzuschalten. Hinter dem fotogenen norwegischen Trio aus 'Morten Harket', 'Magne Furuholmen' und 'Pål Waaktaar-Savoy' steckte schon auf dem Debüt 'Hunting High And Low' eine erstaunlich eigenwillige Band. Eine, die große Popmelodien schreiben konnte und dabei klang, als würde sie sich selbst im schönsten Sommer nach einem verregneten November sehnen.

Heute, gut vier Jahrzehnte nach der Veröffentlichung von 1985, lässt sich dieses Album wunderbar von seinem damaligen Erscheinungsbild befreien. Die Frisuren haben ihren historischen Dienst geleistet. Die Musik muss selbst erklären, warum sie noch Aufmerksamkeit verdient. Und das kann sie: 'Hunting High And Low' besitzt eine emotionale Unruhe, die deutlich länger hält als jede Haarspraydose. Der Weg dorthin war allerdings weniger glamourös, als der spätere Welterfolg vermuten lässt. Nachdem 'Pål Waaktaar' und 'Magne Furuholmen' bereits einen ersten Anlauf in London unternommen hatten, fanden sie 1982 in Norwegen mit 'Morten Harket' zusammen. Anschließend ging es erneut nach England, zu Demoaufnahmen, zur Suche nach Unterstützung und schließlich zum Plattenvertrag. Der internationale Durchbruch war das Ergebnis mehrerer Anläufe. Selbst 'Take On Me' musste nach einer zunächst erfolglosen Veröffentlichung neu aufgenommen werden, bevor daraus der allgegenwärtige Hit wurde.

Gerade diese Vorgeschichte macht den Rückblick interessant. 'Hunting High And Low' ist das Debüt einer Band, die sehr genau um ihre Möglichkeiten wusste, aber erst herausfinden musste, wie diese auf einer fertigen Platte zur Geltung kommen. 'Tony Mansfield', 'Alan Tarney' und 'John Ratcliff' waren in unterschiedlichen Funktionen an der Produktion beteiligt. Hinter der scheinbar mühelosen Eingängigkeit standen Überarbeitung, Beharrlichkeit und die Bereitschaft, einen vermeintlich fertigen Song noch einmal anzufassen. 'Magne Furuholmen' erinnerte sich später daran, dass die Band während ihrer Londoner Anfangszeit am Existenzminimum lebte und zeitweise in Kellern schlief. Außerdem betonte er, dass es ihnen keineswegs darum gegangen sei, als Posterboys zu enden. Eine kleine Gemeinheit der Popgeschichte: Man arbeitet sich für seine Musik durch prekäre Verhältnisse, und anschließend diskutiert die Welt bevorzugt über das Gesicht des Sängers.

Musikalisch fasziniert mich an 'Hunting High And Low' vor allem, wie wenig seine helle Oberfläche über die Stimmung darunter verrät. Da springen Synthesizermelodien mit beinahe übermütiger Beweglichkeit durch den Raum, elektronische Rhythmen halten die Songs auf Kurs, und die Refrains öffnen sich mit jener Selbstverständlichkeit, für die andere Bands vermutlich ihre komplette Studiotechnik eintauschen würden. Trotzdem bleibt eine eigentümliche Kühle zurück. Diese Musik kann euphorisch wirken und gleichzeitig das Gefühl vermitteln, dass gerade jemand am Bahnhof steht, dessen Zug längst abgefahren ist. Die Arrangements leben von diesem Schwebezustand. Federnde elektronische Bassfiguren, gläserne Keyboardklänge und flächige Hintergründe schaffen Bewegung und Weite. Dazwischen setzen akustische Klangfarben und zurückgenommene Passagen kleine Gegenakzente. Vieles ist sorgfältig gestaffelt: Ein Motiv lockt nach vorn, dahinter öffnet sich ein weiterer Raum, und über allem hängt bereits die nächste melodische Wendung. Die Elektronik liefert hier sowohl den Antrieb als auch die Atmosphäre.

Natürlich trägt das einen unüberhörbaren Zeitstempel. Manche Schlagzeugklänge sind so ordentlich frisiert wie das Jahrzehnt, aus dem sie stammen. Einzelne Synthesizerfarben besitzen heute den Charme einer sehr ambitionierten Zukunftsvision, deren Zukunft inzwischen im Museum steht. Mich stört das überwiegend wenig, weil die Klänge eine klare Aufgabe erfüllen. Schwieriger wird es dort, wo die Produktion etwas steif wirkt und die rhythmische Bewegung hinter der Eleganz der Melodien zurückbleibt. Dann spürt man die Studiokonstruktion stärker, als es dem emotionalen Sog guttut. Entscheidend dafür, dass die Platte trotzdem so lebendig bleibt, ist 'Morten Harket'. Seine Stimme hat diese seltene Fähigkeit, zugleich unnahbar und verletzlich zu wirken. In den höheren Lagen öffnet sie die Musik weit nach oben; in den ruhigeren Momenten bekommt sie etwas Suchendes, beinahe Vorsichtiges. Dabei beeindruckt mich weniger, welche Höhen er erreicht, als wie viel Spannung auf dem Weg dorthin entsteht. Wer die Sache bei der nächsten Karaokeveranstaltung selbst überprüfen möchte, sollte vorher zumindest die Nachbarn informieren.

Unter der stimmlichen Brillanz liegen zudem Melodien, die sich nicht mit dem kürzesten Weg zum Refrain zufriedengeben. Sie schlagen Haken, verzögern die ersehnte Auflösung oder lassen einen hellen Moment plötzlich wehmütig erscheinen. Genau darin steckt für mich die eigentliche Qualität dieses Debüts. Die Songs sind unmittelbar zugänglich, ohne emotional eindeutig zu werden. Man versteht ihren Reiz sofort und ist mit ihrer Stimmung trotzdem nicht nach einem Durchlauf fertig. Aus heutiger Sicht fällt mir besonders auf, wie selbstverständlich das Album jugendliche Gefühle ernst nimmt. Sehnsucht, Unsicherheit und der Wunsch, irgendwo anzukommen, bekommen hier viel Raum. Die Musik hält keinen ironischen Sicherheitsabstand zu ihnen. Sie riskiert Pathos und gelegentlich auch eine Spur zu viel davon. Dafür entstehen Momente, in denen die große Geste tatsächlich etwas transportiert. Man muss sich darauf einlassen wollen; mit konsequent hochgezogener Augenbraue hört sich diese Platte vermutlich ziemlich anstrengend.

Ganz auf dem Niveau seiner stärksten Einfälle bewegt sich 'Hunting High And Low' allerdings nicht durchgehend. Manche Passagen sind für mich eher charmant als zwingend. Wo die melodische Spannung nachlässt, treten die zeittypischen Produktionsmittel deutlicher hervor, und aus schwebender Eleganz wird kurzzeitig gepflegte Routine. Auch die makellose Oberfläche begrenzt gelegentlich die Wirkung: Ein wenig mehr Reibung, ein etwas ungebändigterer Rhythmus hätten manchen Moment aufregender machen können. Das Debüt zeigt bereits eine eigene Handschrift, trägt aber stellenweise noch den Eifer einer Band, die möglichst viele ihrer Möglichkeiten gleichzeitig vorführen möchte. Dass daraus ein gewaltiger Erfolg wurde, lässt sich dennoch gut nachvollziehen. Nach Angaben des Labels verkaufte sich das Album weltweit mehr als zehn Millionen Mal; 'Take On Me' brachte 'A-Ha' 1985 als erste norwegische Band an die Spitze der amerikanischen Singlecharts. Bemerkenswert ist rückblickend vor allem, wie viel melancholische Eigenart in diesem Massenpublikumserfolg Platz fand.

Als Anspieltipp würde ich heute 'Living A Boy’s Adventure Tale' wählen. Das Stück bündelt die verträumte Weite, die Verletzlichkeit und den Hang zum großen emotionalen Bogen besonders schön. Wer 'A-Ha' vor allem über ihre bekanntesten Radiomomente kennt, bekommt hier einen guten Zugang zu jener nachdenklichen Seite, die für mich den Reiz des gesamten Albums ausmacht. 'Hunting High And Low' ist für mich deshalb weit mehr als ein freundlicher Besuch im musikalischen Jugendzimmer. Die Platte hat hörbare Altersmerkmale und ein paar Stellen, an denen ihr die eigene Eleganz etwas im Weg steht. Aber ihre Verbindung aus melodischer Leichtigkeit und innerer Unruhe funktioniert weiterhin erstaunlich gut. Wer Synthpop, sehnsüchtige Stimmen und große Gefühle mag, findet hier ein Debüt, das auch ohne persönliche Erinnerungen an 1985 trägt. Die Poster dürfen also ruhig vergilben. Diese Musik hat noch genug Farbe.