Also, man glaubt zwar, man öffnet dieses Release. Tut man aber gar nicht! Viel mehr gerät man einfach hinein. Und zwar überhaupt nicht vorsichtig, sondern direkt in ein Konstrukt, das sich eher wie ein Fundstück aus einem ewig vergessenen Archiv anfühlt als wie ein Album im klassischen Sinne. Das Projekt 'Staat Und Organisation' präsentieren mit 'Les Joyaux De La Princesse Exposition Internationale - Arts Et Techniques - Paris 1937' eine Arbeit, die gleichzeitig in zwei Zeiten existiert: tief verwurzelt in der kulturell aufgeladenen Atmosphäre der Pariser Weltausstellung 1937 und doch auch konkret, nämlich zum Releasedate des 21. April 2023. Dass es sich dabei um eine behutsame Reinterpretation eines streng limitierten Kultwerks von 'Les Joyaux De La Princesse' handelt, ist kein Nebendetail, sondern der Kern. Hier wird nichts neu erfunden – hier wird weitergedacht. Mit Respekt. Aber definitiv ohne Sicherheitsabstand.
Und vielleicht ist das auch der entscheidende Punkt: Das hier wirkt weniger wie ein Album als wie ein Dokument. Wie ein akustisches Lehrbuch einer Zeit, die man nie erlebt hat – und die sich trotzdem plötzlich erschreckend klar anfühlt. Alles daran folgt dieser Logik. Selbst die Arbeitsweise: keine digitale Glättung, keine modernen Komfortzonen, sondern ein bewusst analog gehaltener Zugriff auf Klang. Nichts klingt „produziert“. Alles klingt gefunden. Schon die ersten vier Stücke setzen dabei eine klare Richtung. Ruhig, fast klassisch anmutend, getragen von Klavier und Orgel, durchzogen von französischen Sprachfragmenten, öffnen sie ein Fenster in eine ferne, andere Zeit. Aber nicht im Sinne von Nostalgie – eher wie ein Blick durch satiniertes Glas. Die Orgel wirkt hier auch gar nicht wie ein Instrument, sondern eher wie ein Raum - wie ein Zustand: kalt, hallend, mit einer Schwere, die sich langsam, aber zuverlässig festsetzt. Die Stimmen erzählen nichts. Sie bleiben. Und genau das macht sie so unangenehm präsent.
Ab 'Sans Titre 1' verändert sich dann die Struktur. Die Stücke werden kürzer, fragmentarischer, fast wie lose Seiten eines größeren Dokuments. Die Orgel bleibt – ruhig, stoisch, drückend. Und hier beginnt das Release, dich zu testen. Es zieht sich ein wenig. Es wiederholt sich. Es fordert nun Geduld, ohne dafür aber sofort etwas zurückzugeben. Und es gibt da diese Momente, in denen man merkt, wie einem die Aufmerksamkeit wegdriftet. Und genau in diesem Moment passiert das Entscheidende: Man bleibt trotzdem. Nicht, weil es angenehm ist – sondern weil es sich falsch anfühlen würde jetzt auszusteigen. Und dann kippt alles!
Mit 'The Psychiatric Report II' wird aus Atmosphäre plötzlich Druck. Kein Übergang. Kein Aufbau. Einfach ein Bruch. Eine massive Wand aus Noise und Industrial schlägt auf einen ein – absolut roh, ungefiltert, körperlich. Das ist kein Sound mehr, der dich begleitet. Das ist einer, der dich ignoriert. In seiner Härte erinnert mich das an die radikalsten Phasen von 'Haus Arafna', aber hier geht es weniger um Eskalation als um Konsequenz. Spätestens bei 'Das Ritual Der Toten' ist jede Distanz verloren. Helle, verzerrte Stimmen schneiden sich durch das Klangbild, Schreie tauchen auf, verschwinden wieder, hinterlassen Spuren. Das wirkt nicht chaotisch. Das wirkt gezielt. Fast erzählerisch – nur ohne Sprache. Und genau das macht es so unangenehm intensiv: Man versteht nichts konkret. Aber man versteht genug. Gegen Ende kippt das Ganze in eine Form von Intensität, die nicht mehr nur fordert. Sie überfordert. Und das ist kein Nebeneffekt. Das ist der Punkt. Das ist der Moment, an dem man nicht mehr entscheidet, weiterzuhören. Sondern nur noch der Punkt wo man sich fragt, ob man es aushält.
Die Struktur dahinter ist ebenso simpel wie effektiv: zwei Hälften. Die erste tastet sich heran, baut auf, hält zurück. Die zweite nimmt das alles und zerlegt es. Kein klassischer Spannungsbogen – eher ein kontrollierter Kontrollverlust. Und genau deshalb funktioniert es. Die letzten Stücke lösen nichts auf. Sie enden nicht. Sie lassen einfach nach. Als hätte dieses Release nie vorgehabt, einen Abschluss zu liefern. Und genau so fühlt es sich auch an. 33!!! Tracks. Dreiunddreißig. Das ist keine Sammlung – das ist eine Gliederung. Kapitel, Fragmente, Zustände. Man bewegt sich durch dieses Werk, statt es zu hören. Es gibt keine Highlights, keine klaren Ankerpunkte. Und genau das ist kein Mangel, sondern meiner Meinung nach das eigentliche Konzept. Musikalisch entzieht sich das Ganze bewusst jeder sauberen Einordnung. Ambient und Industrial sind nur grobe Orientierungspunkte. Entscheidender ist die Wirkung: eine permanente Spannung, die sich nicht entlädt, sondern festsetzt. Diese seltsame Form von Romantik, die immer wieder aufblitzt, ist dabei vielleicht das Verstörendste. Denn sie wirkt nie wie Wärme – sondern wie deren Abwesenheit. Wie etwas, das einmal existiert hat und jetzt nur noch als Echo vorhanden ist.
Und ehrlich, ich habe mich beim Hören mehrfach dabei ertappt, wie ich nicht mehr aktiv zugehört habe. Sondern einfach drin war. Und das ist vielleicht die größte Stärke dieses Releases – aber auch gleichzeitig die größte Schwäche. Denn so konsequent dieses Release ist, so wenig interessiert es sich dafür, ob man mitkommt. Es gibt Längen. Es gibt Passagen, die sich ziehen, die fast schon stoisch auf der Stelle treten. Und das ist nicht immer faszinierend. Manchmal ist es einfach nur zäh. Aber genau diese Reibung macht es für mich glaubwürdig.
Und genau diese Haltung setzt sich auch visuell fort. Das Cover-Artwork wirkt nicht wie eine moderne Gestaltung, sondern wie ein originales Ausstellungsplakat aus genau jener Zeit auf die sich das Release bezieht. Sepiafarbene Töne, eine bewusst gealterte Oberfläche, klare Art-Déco-Elemente und die prominente Platzierung von „Paris 1937“ lassen das Ganze eher wie ein historisches Dokument erscheinen als wie ein zeitgenössisches Albumcover. Es fügt sich damit nahtlos in das Gesamtkonzept ein – nicht als Beiwerk, sondern als integraler Bestandteil. Man hält hier nicht einfach Musik in der Hand, sondern etwas, das sich anfühlt, als hätte es schon immer existiert. Tja, und als würde das alles noch nicht reichen, setzt sich dieser kompromisslose Ansatz auch in den Veröffentlichungsformaten fort. Seit dem 21. April 2023 ist dieses Release in einer Vielzahl an Editionen erschienen, die eher an Kunstobjekte als an Tonträger erinnern. Mehrere streng limitierte Vinyl-Varianten – marbled white, red, black – jeweils mit aufwendigem Triple-Gatefold, Inserts und Nummerierung. Dazu Kassetten in Kleinstauflagen, CD-Boxen mit zusätzlichen Artefakten wie Pins, Patches, Anhängern und signierten Elementen sowie aufwendig gestaltete Editionen mit begleitenden Büchern. Und als konsequente Eskalation dieses Gedankens: das erst vor kurzem erschienene 'Box-Set 4 x LP - All Colors', limitiert auf acht Exemplare. Acht! Das ist keine Veröffentlichung mehr. Das ist ein Artefakt. Spätestens hier wird klar: Das ist kein Album, das man einfach hört. Das ist eines, das man besitzen will – und gleichzeitig weiß, dass man es nie vollständig greifen wird.
Unterm Strich ist 'Les Joyaux De La Princesse Exposition Internationale - Arts Et Techniques - Paris 1937' von 'Staat Und Organisation' für meine Empfindungen ein Release für Hörer, die sich bewusst auf sperrige, fordernde und konzeptionell dichte Klangwelten einlassen wollen. Für alle anderen wird das hier ganz sicher zu viel sein. Zu lang. Zu kompromisslos. Zu unnahbar. Für mich persönlich ist aber genau das der Punkt, an dem es funktioniert. Weil dieses Release bewusst auf einen klassischen Abschluss verzichtet, entsteht kein klares Ende, sondern eher ein Ausklingen ohne Auflösung. Es ist vorbei – aber es fühlt sich nicht so an.
Staat Und Organisation - Présente Les Joyaux De La Princesse - Exposition Internationale - Arts Et Techniques - Paris 1937
Flore Laurentienne - Volume III
Also, normalerweise bewegen wir uns hier ja ziemlich sicher in unserem gewohnten Habitat: elektronische Musik, düstere Clubs, kalte Beats, irgendwo zwischen EBM, Industrial, Synthpop und allem, was nachts besser funktioniert als tagsüber. Also Musik, bei der man im Idealfall weiß, wann der Drop kommt – oder zumindest, wann man das nächste Getränk holen kann. Kurz gesagt: Wir kennen unseren Spielplatz. Und fühlen uns da auch ziemlich wohl. Aber – und das ist vielleicht das Schöne an diesem Job – hin und wieder landet dann doch etwas auf dem Tisch, das so gar nicht in dieses Raster passen will. ...
In Mitra Medusa Inri - Estrangement
Man kennt das ja: Man sitzt irgendwie völlig unschuldig (und planlos) vor dem Rechner, will eigentlich nur „kurz“ ein paar Infos für einen Review zusammensuchen… und schwups, zack – 20 Minuten später hängt man in den Deutschen Alternative Charts fest und scrollt sich durch die aktuelle Woche wie durch eine leicht düstere Version von „Wer ist eigentlich noch relevant und warum?“. Und irgendwo zwischen bekannten Namen, erwartbaren Platzierungen und diesem einen Act, bei dem man kurz denkt „Ach, die gibt’s auch noch?“, taucht plötzlich 'In Mitra Medusa Inri' mit 'Estrangement' auf Platz 2 auf. Pl...