Flore Laurentienne - Volume III

Flore Laurentienne - Volume III

Also, normalerweise bewegen wir uns hier ja ziemlich sicher in unserem gewohnten Habitat: elektronische Musik, düstere Clubs, kalte Beats, irgendwo zwischen EBM, Industrial, Synthpop und allem, was nachts besser funktioniert als tagsüber. Also Musik, bei der man im Idealfall weiß, wann der Drop kommt – oder zumindest, wann man das nächste Getränk holen kann. Kurz gesagt: Wir kennen unseren Spielplatz. Und fühlen uns da auch ziemlich wohl. Aber – und das ist vielleicht das Schöne an diesem Job – hin und wieder landet dann doch etwas auf dem Tisch, das so gar nicht in dieses Raster passen will. Kein Club, kein Beat, kein offensichtlicher Zugang. Einfach nur ein physisches Promo-Release, das einen anschaut, als würde es sagen: „Na, traust du dich – oder klickst du wieder zurück zu Bandcamp?“ Und genau in solchen Momenten passiert etwas, das man sich vielleicht viel öfter erlauben sollte: Man schaut bewusst über den eigenen musikalischen Tellerrand. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern auch ein bisschen aus Respekt. Denn wenn sich jemand die Mühe macht, dir seine Musik wirklich physisch zukommen zu lassen, dann ist das mehr als nur ein Link in einer Inbox. Dann ist das eine Einladung. Und manchmal eben auch eine kleine Herausforderung. Und ja – ich geb’s zu: Genau solche Herausforderungen sind meistens die, die am Ende nicht nur hängen bleiben, sondern sich auch ein kleines Stück festsetzen.

'Volume III' von 'Flore Laurentienne' ist genau so ein Fall. Hinter dem Projekt steht der kanadische Komponist und Keyboarder 'Mathieu David Gagnon', der sich in den letzten Jahren leise, aber ziemlich konsequent von einem Geheimtipp zu einer festen Größe im Bereich moderner Neoklassik entwickelt hat. Spätestens mit Auszeichnungen wie den Félix Awards, einer Juno-Nominierung oder der Polaris-Prize-Longlist ist klar: Das hier scheint Gewicht zu haben. Und trotzdem wirkt 'Flore Laurentienne' dabei nie wie ein kalkuliertes Kunstprodukt, sondern eher wie ein Projekt, das sich organisch entlang einer klaren Vision entwickelt – und sich dabei ziemlich konsequent weigert, sich irgendwelchen Erwartungen unterzuordnen.

Mit 'Volume III' findet nun eine Trilogie ihren Abschluss, die 2019 mit 'Volume I' begann – und die sich von Anfang an weniger wie eine klassische Albumreihe angefühlt hat, sondern eher wie ein fortlaufender Prozess. Inhaltlich kreist alles um einen ebenso einfachen wie starken Gedanken: Licht als Ursprung, Wachstum, Blüte, Verfall – und der unausweichliche Neubeginn. Das hätte schnell pathetisch werden können. Tut es aber nicht. Stattdessen passiert etwas deutlich Spannenderes: Diese Idee wird nicht erklärt, sondern hörbar gemacht. Oder anders gesagt: Man versteht sie nicht – man erlebt sie. Und genau darin liegt auch ein großer Teil der Faszination. Musikalisch ist 'Volume III' ein Paradebeispiel dafür, wie organisch sich Gegensätze verbinden lassen. Die Kombination aus Streichern und elektronischen Elementen war schon immer ein Markenzeichen von 'Flore Laurentienne', wirkt hier aber noch geschlossener, noch selbstverständlicher. Nichts wirkt aufgesetzt, nichts wie ein bewusst gesetzter Kontrast. Stattdessen greifen beide Ebenen ineinander, verschieben sich, reagieren aufeinander – fast so, als würden sie sich gegenseitig ständig neu erfinden und dabei immer wieder kleine, unerwartete Momente erzeugen.

Ein entscheidender Grund dafür liegt meiner Recherche nach auch in der Entstehung des Albums. Viele der Stücke wurden nicht isoliert komponiert, sondern gemeinsam mit dem Ensemble entwickelt – in Residenzen, auf der Bühne, im direkten Austausch. Diese Musik ist nicht nur geschrieben worden, sie ist gewachsen. Und genau das hört man. 'Volume III' hat Bewegung in sich, kleine Unschärfen, Reibung – und genau diese kleinen „Nicht-perfekt“-Momente sind es, die das Ganze so verdammt lebendig und nahbar machen. Für mich persönlich ist das einer der größten Pluspunkte des Albums: Es fühlt sich nie nach Studio an – sondern immer ein bisschen nach Jetzt. Und genau das macht es so reizvoll. Besonders spannend wird es im Detail: 'Mathieu David Gagnon' rückt den MiniMoog bewusst ins Zentrum des Klangbildes. Nicht als nostalgisches Synth-Statement, sondern als echte Schnittstelle zwischen klassischer Komposition und elektronischer Klangsprache. Der Synthesizer zieht sich dabei wie ein elektrischer Faden durch die Arrangements, legt sich unter die Streicher wie ein zweiter Puls, taucht mal klar auf, verschwindet wieder – und sorgt genau dadurch für diesen schwebenden, schwer greifbaren Sound, der das Album zusammenhält und ihm diese besondere Tiefe verleiht.

Auch die Rolle von Gagnon selbst geht dabei über das klassische Komponieren hinaus. Im Live-Kontext agiert er gleichzeitig als Musiker und eine Art Dirigent, steuert das Ensemble in Echtzeit, formt den Klang im Moment. Und genau dieses Gefühl überträgt sich auf 'Volume III'. Für mich klingt das Album stellenweise wie ein eingefrorener Live-Moment – als hätte man einen Zustand festgehalten, der sich eigentlich ständig weiterentwickeln will. Und genau das macht es so faszinierend: Diese Musik ist nie ganz „fertig“. Sie bleibt in Bewegung. Und irgendwie auch im Kopf. Stilistisch bewegt sich 'Flore Laurentienne' weiterhin in einem spannenden Koordinatensystem: die strukturelle Klarheit, die man mit 'Johann Sebastian Bach' verbinden könnte, trifft auf reduzierte, fast meditative Flächen, wie man sie von 'Hans-Joachim Roedelius' kennt. Dazu kommen subtile progressive Elemente, die entfernt an die Offenheit von 'King Crimson' erinnern – ohne dass man jemals das Gefühl hat, hier würde jemand bewusst Referenzen abhaken. Das wirkt alles erstaunlich natürlich, fast schon beiläufig – und genau deshalb so überzeugend und stimmig.

Was 'Volume III' dabei - meiner Meinung nach - besonders auszeichnet, ist diese innere Ruhe und gleichzeitig permanente Bewegung. Die Idee, Schönheit im Chaos zu finden, wird hier nicht behauptet – sie passiert im Klang selbst. Harmonien entstehen, lösen sich wieder, entwickeln sich weiter. Es gibt klare, fast meditative Momente, dann wieder Phasen, in denen sich Spannung aufbaut. Aber nie so, dass es anstrengend wird. Eher so, dass man merkt: Hier ist etwas im Fluss. Und wenn man sich darauf einlässt, dann zieht einen das erstaunlich schnell ziemlich tief rein – leise, aber nachhaltig. Und genau das ist vielleicht der Punkt, an dem das Album für mich persönlich funktioniert. Es ist kein Release, das sich sofort erschließt. Es braucht viel mehr Zeit. Auch Aufmerksamkeit. Und ganz sicher auch die Bereitschaft sich mal nicht sofort berieseln zu lassen. Ich habe die CD ehrlich gesagt anfangs „nebenbei“ laufen lassen – großer Fehler. Erst beim zweiten, dritten Durchgang hat es Klick gemacht. Dann aber ziemlich deutlich. Seitdem ist es genau diese Art von Album, zu der man immer wieder zurückkehrt, ohne genau sagen zu können, warum. Und genau das macht seinen Reiz aus.

Unterm Strich ist 'Volume III' ein beeindruckend stimmiger Abschluss dieser Trilogie – und gleichzeitig ein Album, das sich bewusst nicht wie ein Ende anfühlt. Es bündelt die bisherigen Stärken von 'Flore Laurentienne', entwickelt sie weiter und öffnet neue Räume. Für Fans von Neoklassik, Ambient und experimenteller Instrumentalmusik ist das hier nahezu Pflichtprogramm. Ich persönlich bleibe lieber noch ein bisschen drin. Denn 'Volume III' will wachsen. Und genau deshalb ist es irgendwann einfach da – und bleibt - zumindest bei mir.

Flore Laurentienne - Volume III
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