Man kennt das ja: Man sitzt irgendwie völlig unschuldig (und planlos) vor dem Rechner, will eigentlich nur „kurz“ ein paar Infos für einen Review zusammensuchen… und schwups, zack – 20 Minuten später hängt man in den Deutschen Alternative Charts fest und scrollt sich durch die aktuelle Woche wie durch eine leicht düstere Version von „Wer ist eigentlich noch relevant und warum?“. Und irgendwo zwischen bekannten Namen, erwartbaren Platzierungen und diesem einen Act, bei dem man kurz denkt „Ach, die gibt’s auch noch?“, taucht plötzlich 'In Mitra Medusa Inri' mit 'Estrangement' auf Platz 2 auf. Platz. Zwei! Da sitzt man dann also kurz da, schaut nochmal hin als hätte man sich verlesen – und merkt: Neee, das ist genau so gemeint. Und ganz ehrlich? Genau in dem Moment war klar: Das hier hör ich mir jetzt nicht nur an – das will ich auch verstehen.
Denn 'In Mitra Medusa Inri' sind natürlich längst kein Geheimtipp mehr, aber dieser Schritt nach oben fühlt sich nicht nach Zufall an, sondern doch mehr nach Konsequenz. Nach einem dieser bekannten leisen Aufstiege die eben nicht groß angekündigt werden sondern einfach passieren. Nach dem viel beachteten Longplayer 'Second Life' aus dem Jahr 2023 ist 'Estrangement' dabei alles andere als ein Nebenprodukt. Diese EP wirkt dann auch nicht wie ein Nachklapp sondern wie ein bewusst gesetzter nächster Schritt – nur eben einer, der nicht nach vorne drängt, sondern nach innen zieht. Verdichteter, klarer, emotional kompromissloser. Während andere Bands nach so einem Album erstmal durchatmen, drehen In Mitra Medusa Inri hier die Schraube einfach noch weiter rein – allerdings nicht in Richtung „mehr“, sondern in Richtung „tiefer“. Und Aua, ja das spürt man.
Musikalisch bleibt alles sofort als In Mitra Medusa Inri erkennbar: schwebende, fast entrückte Gitarren, die eher durch den Raum gleiten als ihn zu dominieren, dazu eine pulsierende Elektronik, die nicht schiebt, sondern zieht. Darüber legt sich eine Atmosphäre, die gleichzeitig Distanz aufbaut und Nähe erzwingt. Genau dieses Spannungsfeld ist es, was 'Estrangement' so besonders macht. Das ist kein Zufall, das ist Methode – und hier wird sie einfach kompromisslos durchgezogen. Was mir dabei sofort auffällt – und das deckt sich ziemlich klar mit dem, was auch aus der Szene zurückkommt: Diese EP setzt gar nicht auf Vielfalt, sondern viel mehr auf Verdichtung. Nur fünf Tracks, die weniger als Sammlung funktionieren, sondern eher wie ein einziger, zusammenhängender Zustand. Keine offensichtlichen Highlights, keine Ausreißer, kein „der eine Track für die Playlist“. Stattdessen eine durchgehende Stimmung, die sich nicht aufbaut, sondern einfach da ist – und bleibt. Thematisch kreist das Ganze meinem Verständnis nach um Entfremdung, innere Brüche und dieses leise Verschwinden von Gewissheiten. Und genau so klingt diese EP dann auch. Gar kein großes Drama, kein Pathos – eher dieses unterschwellige Gefühl, dass sich etwas verschoben hat, ohne dass du genau sagen kannst, wann. Produziert von 'Chai Deveraux' (Jesus on Extasy), bekommt der Sound genau die richtige Tiefe: hochwertig, aber nie glatt. Immer mit genug Reibung, um nicht in belanglose Darkwave-Schönheit abzurutschen. Dazu kommt das Cover von 'Philip Glaser', das diese Mischung aus kühler Ästhetik und emotionaler Distanz visuell ziemlich treffend einfängt. Fein.
Jetzt kommt allerdings der Punkt, an dem man ehrlich sein muss: Diese Konsequenz ist beeindruckend – aber sie ist halt auch ziemlich gnadenlos. 'Estrangement' verzichtet fast vollständig auf klassische Dynamik. Ich empfinde keine Peaks, keine offensichtlichen Hooks, keine klaren Einstiegspunkte. Stattdessen bekommt man hier eine kontrollierte Monochromie die sich langsam festsetzt. Gar nicht langweilig – aber auch definitiv nichts, das dich freundlich abholt. Oder anders gesagt: Das ist keine Musik die dich packt. Das ist eher ein Release, das sich langsam in dich reinschreibt – ob du willst oder nicht. Und genau da trennt sich vermutlich die Hörerschaft. Viele Stimmen aus der Szene feiern diese Geschlossenheit – klar, völlig zurecht. Aber man muss eben auch sagen: Diese EP macht es einem nicht leicht. Sie bietet keine schnellen Zugänge, sie hält keine Hand. Sie steht einfach da und sagt: „Wenn du rein willst – beweg dich.“ Und wenn du das nicht tust, passiert… nichts. Aber auch das ist ebnen eine Ansage.
Tja, insgessamt funktioniert das für mich erstaunlich gut. Gerade weil sich 'Estrangement' dieser typischen „gefällt sofort“-Logik komplett entzieht. Das Musik für Momente in denen man bereit ist, sich darauf einzulassen. Und wenn man das tut, entfaltet diese EP eine Wirkung, die deutlich länger nachhallt, als es ihre Laufzeit vermuten lässt. Unterm Strich ist 'Estrangement' meiner Meinung nach ein bemerkenswert selbstbewusstes Release. Eine EP, die sich nicht kleiner macht, als sie ist – und genau deshalb so stark wirkt. Der Chart-Einstieg auf Platz 2? Naja, fühlt sich nach diesem Hörerlebnis plötzlich gar nicht mehr so überraschend an. Für Hörer, die Atmosphäre über Eingängigkeit stellen und sich gern in dichte Klangräume fallen lassen, ist das hier ein ziemlich treffsicherer Treffer.