Bei 'Yello' dürfte selbst die Warteschleife einer defekten Zeitmaschine noch hervorragend klingen. 'Boris Blank' und 'Dieter Meier' haben schließlich reichlich Erfahrung damit, Vergangenheit und Zukunft miteinander ins Gespräch zu bringen. Auf 'Time Lab' führen die beiden Schweizer ihren eigenwilligen Kosmos weiter: gelassen, detailverliebt und mit diesem trockenen Humor, bei dem man nie ganz sicher ist, ob der Herr am Mikrofon gerade eine Liebesgeschichte erzählt oder diskret einen intergalaktischen Kunstraub vorbereitet.

Das am 30. Oktober 2026 bei Polydor erschienene fünfzehnte Studioalbum umfasst in der regulären Fassung 14 Stücke. 'Boris Blank' verbindet darauf neue Klänge mit Material aus dem eigenen Archiv. Wie weit diese Zeitreise zurückreicht, zeigt gleich die Single 'Around The Sun'. Sie baut auf einer Gesangsaufnahme von 'Dieter Meier' auf, die einst in letzter Minute vom Album 'Claro Que Si' (1981) gestrichen wurde. Das Archiv liefert hier Bausteine für Neues, keine Vitrinenware. Erhältlich ist 'Time Lab' unter anderem auf CD, Doppelvinyl und Blu-ray Audio.

Mich begeistert vor allem, wie selbstverständlich die vielen kleinen Klänge ihren Platz finden. Ein feiner elektronischer Akzent belebt das Geschehen, ein räumlicher Effekt öffnet die Musik, ohne sie aufzublasen. Die Sounds sind glasklar voneinander getrennt und greifen trotzdem ineinander. Bei aller hörbaren Sorgfalt entsteht erstaunlich wenig technische Kühle. Man kann den Details nachspüren oder sich einfach von den Grooves mitnehmen lassen. Dass beides funktioniert, macht für mich einen großen Teil des Reizes aus.

Stilistisch treffen Anklänge an Big Beat auf Chillout, Pop und elektronische Science-Fiction-Fantasien. Die präzisen Rhythmen haben Gewicht, federn aber angenehm und lassen der Musik Luft. Auch wenn die Beats kräftiger zupacken, bleibt der Gesamteindruck unaufgeregt. Man gerät in Bewegung, ohne sich vom nächsten Höhepunkt durch die Gegend geschoben zu fühlen. 'Yello' pendeln souverän zwischen druckvollen und entspannten Momenten und halten den Groove dabei stets elastisch. Das hat Eleganz und gelegentlich das leicht zwielichtige Flair eines Raumschiffsalons kurz vor Betriebsschluss.

Besonders gut gefallen mir die dunkleren, langsameren Passagen, etwa in 'About Time'. Dort arbeitet die Musik mit kleinen Verschiebungen und dem Raum zwischen den Ereignissen. Ein zurückgenommener Puls zieht plötzlich mehr Aufmerksamkeit auf sich als jeder aufwendige Effekt. Die ruhige Oberfläche bekommt dadurch etwas Ungewisses. Gerade diese unterschwellige Unruhe bewahrt die makellose Produktion davor, es sich allzu gemütlich einzurichten.

'Dieter Meier' ist mit seinem tiefen, lakonischen Vortrag die ideale Besetzung für diese Szenerie. Seine Stimme wird so vielfältig und präsent eingesetzt, dass sie den elektronischen Konstruktionen immer wieder einen anderen Charakter verleiht. Besonders schön ist das bei 'Unbelievable' nachzuhören. Reizvolle Kontraste setzen die beiden Gaststimmen. 'Heidi Happy' bringt mit ihrem sanften Gesang auf den ruhigeren Stücken 'You And Me' und 'Beautiful You' eine zarte Note ins Spiel. 'Malia' verleiht 'Dancing Flame' mit ihrer sinnlichen Stimme Wärme. Für mich sind beide eine klare Bereicherung, denn ihre weicheren Parts ergänzen den markanten Vortrag von 'Dieter Meier' ausgesprochen gut.

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt allerdings: Einige Stücke sind für meinen Geschmack arg kurz geraten – 'Unbelievable' beispielsweise bleibt unter drei Minuten. Kaum hat man es sich zwischen Groove und Klangdetails bequem gemacht, wird schon wieder zum Aufbruch gebeten. Gerade die atmosphärischen Ideen hätten stellenweise mehr Zeit verdient, sich zu entfalten. Manche Stimmung endet, bevor ich mich an ihr sattgehört habe.

Als Anspieltipp bietet sich 'Dancing Flame' an, das elektronische Präzision, dunkle Eleganz und eine ausdrucksvolle Gaststimme vereint. Insgesamt überzeugt mich 'Time Lab' mit seiner lässigen Spielfreude und einer Produktion, in der auch die kleinen Einfälle zählen. Wer elektronische Musik mit Groove, Atmosphäre und sorgfältig gestalteten Klangräumen mag, findet hier reichlich Anlass zum Wiederhören. Einige Stücke dürften gern länger laufen. Die Zeitmaschine darf ruhig noch eine Runde drehen. Ich bleibe sitzen.