Die Unterwelt hat offenbar eine ausgezeichnete Akustik. Zumindest dann, wenn 'Wiking Wings' die Schreie verstummen lassen und zwischen all den Schatten plötzlich eine helle Frauenstimme auftaucht. Das Projekt widmet sich auf 'Highvegr To Hel' einer Reise ins nordische Totenreich. Hinter Musik und Konzept steht laut Albumcredits 'Wiking Wings', während 'Valkyrja' den weiblichen Hauptgesang beisteuert. Gemeinsam führen sie durch eine Klangwelt, deren bedrohliche Abgründe sich immer wieder zu überraschender Schönheit öffnen.
Rituell geprägter Dark Folk mit ätherischem Frauengesang und tiefer Gegenstimme trifft den Kern dieses Releases ausgesprochen gut. Allerdings führt der Weg zu seinen schönsten Momenten zunächst durch einen akustischen Albtraum. 'Helgrindr Gnýr' wirft einen in kreischende, verzerrte Geräusche, ohne erkennbare Melodie oder regelmäßigen Puls. Anschließend bestimmen in 'Helgrindr Opnast' dunkle Schreie, unheimliches Lachen und verfremdete Stimmen das Geschehen. Das wirkt eher wie eine beängstigende Szene als wie ein klassisches Lied. Als Einstieg erzeugt es eine intensive Atmosphäre, musikalisch hält es mich allerdings noch auf Abstand.
Umso stärker trifft mich 'Éljúðnir'. Ruhige Gitarren öffnen einen weiten Klangraum, durch den eine dunkle, verzerrte Stimme wie ein Ruf aus einem nebligen Wald dringt. Sobald der klare Frauengesang hinzukommt, bekommt die Musik eine melodische Anziehungskraft, der ich mich kaum entziehen kann. Die hellen Gesangslinien stehen deutlich über dem düsteren Untergrund und verleihen ihm zugleich etwas beinahe Tröstliches. Für mich ist das der Moment, in dem aus einer interessanten Geräuschwelt eine packende Komposition wird. Dabei entwickelt das Stück eine filmische Größe: Vor dem inneren Auge formieren sich Heere am Horizont, eine Entscheidung steht bevor, und die Luft scheint vor Erwartung stillzustehen. Diese Macht entsteht durch den getragenen Aufbau, die räumliche Wirkung und das Zusammenspiel der Stimmen. Dass die Musik anschließend ruhig ausklingt, macht ihren Eindruck für mich noch stärker. 'Éljúðnir' ist mein klarer Anspieltipp, weil hier Atmosphäre, Melodie und dramatische Entwicklung besonders überzeugend zusammenfinden.
Auch 'Níðhöggr Kjaftr' gefällt mir ausgesprochen gut. Auf einen ruhigen Beginn folgen männliche Schreie, bevor Trommeln und Saitenklänge dem Stück Kontur verleihen. Trotz dieser bedrohlichen Elemente bleibt die Musik getragen und sphärisch. Die dunkle Stimme wirkt wie ein Teil der Landschaft, während sich ringsum eine eindrucksvolle Weite entfaltet. Gerade diese Verbindung aus Ruhe und unterschwelliger Gefahr macht für mich einen wesentlichen Reiz des Albums aus. 'Garmr' zieht die Stimmung anschließend in eine andere Richtung. Industriell anmutende Klänge und dunkle Stimmverzerrungen rücken nach vorn; der Eindruck eines bedrückenden Zustands überwiegt den eines melodisch greifbaren Songs. Solche Passagen nehmen mich weniger mit. Ihre bedrohliche Wirkung kommt an, aber mir fehlt hier der musikalische Zugang, den die sphärischen Stücke so unmittelbar herstellen.
Den finde ich in 'Víga-Hrappr' wieder. Das Stück bleibt ruhig, lässt geigenartige Saitenklänge schweben und bietet tatsächlich Raum zum Durchatmen. 'Gjallarbrú' knüpft mit heller Stimme und Trommeln an diese atmosphärischen Qualitäten an und klingt ebenfalls wunderschön. Hier stellt sich bei mir allerdings erstmals ein deutlicher Wiedererkennungseffekt ein: Die Stimmung erinnert stark an die vorherigen ruhigen Momente. Das schmälert die Wirkung etwas, weil mich diese Kombination inzwischen weniger überrascht. Mit 'Garmr Lǫystr' schließt sich schließlich der Kreis. Schreie, vereinzelte Trommelschläge und düstere Hintergrundgeräusche führen zurück in eine unwirtliche Unterwelt. Als eigenständiger Song bleibt das schwer greifbar, als Outro funktioniert es für mich sehr gut. Dieser letzte Blick in die Finsternis gibt der Reise einen spannenden, passenden Abschluss.
'Highvegr To Hel' ist ein spannendes Release, das es verdient, entdeckt zu werden – auch wenn mich nicht jeder Track mitnimmt. Besonders die ruhigen, mystischen Kompositionen begeistern mich mit ihren Stimmen, ihren Melodien und ihrer filmischen Kraft. Die geräuschhaften Abschnitte bleiben mir teilweise ferner, und gegen Ende verlieren die sphärischen Mittel etwas an Überraschung. Wer Dark Folk, rituelle Klangwelten und düsteres Kopfkino mag, sollte 'Wiking Wings' dennoch unbedingt eine Chance geben. Ich hätte jedenfalls nicht erwartet, auf dem Weg ins Totenreich ausgerechnet die schönsten Momente zum Durchatmen zu finden.
Wiking Wings - Highvegr to Hel
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Details zum Beitrag
- Artikeldatum
- Autor
- Norbert
- Kategorien
- Ambient / Classical / FolkReviews
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