"Grenzen existieren nur im Kopf", oder "Die Gedanken sind frei"... irgendeiner dieser sinnhaften Kalendersprüche muss im Proben- respektive Studioraum von Welle:Erdball an der Wand hängen und Leitfaden dieser Ausnahmeformation sein, die seit über 30 Jahren mit ihrer ganz eigenen Vorstellung von Musik und Entertainment die Szene bereichert.

Ihr erster genialer Griff: Sie verstehen sich nicht als Band oder Musiker, sondern als Radiosender. Der zweite: Sie thematisierten (und teilweise glorifizierten) die technischen Errungenschaften der Vergangenheit, wie beispielsweise den VW-Käfer - zumindest eine ganze Weile lang. Mittlerweile hat sich dieses Themenfeld erschöpft, weswegen die Band im Laufe der Zeit neue künstlerische Wege beschritt. Das gipfelte unter anderem in ein "Commander Laserstrahl" Hörspiel sowie im Film "Operation Zeitsturm". Wie gesagt: Grenzen existieren nicht.

Und so werden auch auf dem zwölften Album "Film, Funk und Fernsehen" wieder alle Unterhaltungsmöglichkeiten ausgelotet. Die größte Überraschung ist das Hörspiel "Nick Semloh - Die Mönche aus dem Geisterlabor", welches zwar nicht der Redaktion vorlag, aber unter anderem mit illustren Gaststimmen wie Alex Wesselsky (Eisbrecher) und anderen aufwartet. Auf dem Blatt klingt das zumindest vielversprechend.

Wichtiger jedoch als das reichliche Drumherum (das in der limitierten Edition sogar eine weitere, vierte CD, eine C-64 Floppy Disk mit einem Computerspiel und andere schnieke W:E-Devotionalien bereithält) ist ihre Kernkompetenz - ihr vollelektronischer Pop-Sound, der irgendwo zwischen NDW-Synthie-Schlager und Minimal-Electro wandelt. Diesbezüglich hat sich einiges getan. Welle:Erdball klingen nachwievor wie Welle:Erdball, lassen aber auch aktuelle Synth-Wave-Strömungen in ihre Kompositionen einfließen.

Die Neuausrichtung liegt vielleicht auch im komplett neuen Line-Up begründet. Sänger Honey hat notgedrungen Ersatz für die Weggänge vom langjährigen "partner in crime" A.L.F. sowie Frl. Venus finden müssen. Mit c0zmo, M.A. Peel und Lady Lila an seiner Seite ist ihm das gelungen. "Film, Funk und Fernsehen" klingt frisch und unverbraucht, was erstaunlich ist für eine Band, die schon so lange dabei ist.

Das liegt vor allem an ihrer selbst auferlegten Freiheit, sowohl in Text als auch in Musik. "Das Original" stampft in klassischem Old-School-EBM-Geblubber aus den Boxen, "Diamanter (är en flickas bästa vän)" wird komplett auf schwedisch vorgetragen und "Wendy, Walter & die Geschlechtsmaschine" kommentiert die heißdiskutierte Genderthematik anhand des charismatischen Synthesizer-Pioniers Walter Carlos, der sich einer Geschlechtsumwandlung unterzog und fürderhin als Wendy Carlos lebt, mit einem erfrischenden Augenzwinkern.

Sich überdies auf der zweiten CD, die komplett am Commodore 64, dem inoffiziellen fünften Mitgliedd von Welle:Erdball, erstellt wurde, sogar an "Space Oddity" von David Bowie zu vergreifen, ist für manche Puristen sicherlich Frevel oder ein Sakrileg. Doch das mit den Grenzen und den Gedanken wurde bereits am Anfang des Artikels verhandelt. Dass es noch Bands gibt, die mit dieser Chuzpe an eingentlich untastbares Material herantreten (und dann auch noch so völlig gegen den Strich gebürstet interpretieren), verdient Anerkennung.

Acht Jahre nach ihrem letzten Studioalbum "Tanzmusik für Roboter" kommen Welle:Erdball mit einem an Größenwahnsinn reichenden Drei-CD-Monstrum um die Ecke, das jeden Fan mehr als befriedigen wird und überdies beweist, dass dieser Radiosender noch immer genügend Ideen im Köcher hat, um vollends zu begeistern.