'Vortex Sutra': Prog-Metal zwischen Kant, Kosmos und Kontrollverlust

Vortex Sutra: Prog-Metal zwischen Kant,...

Am 27. Juni 2026 wird es philosophisch im Plattenschrank: 'Vortex Sutra' veröffentlichen ihr neues Album 'Noumenon' über 'Hallucigenia Records' – und der Titel ist kein zufällig aus dem Prog-Metal-Nebel gefischtes Fremdwort. „Noumenon“ stammt aus der Philosophie Immanuel Kants und meint vereinfacht gesagt „das Ding an sich“: also etwas, das existiert, aber nie vollständig durch unsere Wahrnehmung begreifbar ist. Oder noch einfacher: Wir hören, sehen und fühlen immer nur unsere Version der Wirklichkeit – das eigentliche Wesen dahinter bleibt ein großes, funkelndes Fragezeichen. Genau dieses Spannungsfeld macht 'Vortex Sutra' nun zum Klangabenteuer. Hinter 'Vortex Sutra' steckt Denes Poszmik, ein in Ungarn geborener und in Schottland lebender Musiker, der bei diesem Projekt schlicht alles selbst übernimmt. Wirklich alles. Während andere Bands schon an der Frage scheitern, wer den Proberaumschlüssel hat, baut Poszmik gleich ein komplettes progressives Klanguniversum im Alleingang. Nach dem Vorgänger 'Glimpse Into The Transcendental', der bereits als besondere Hörerfahrung beschrieben wurde, geht es mit 'Noumenon' nun noch weiter hinaus: weg vom klassischen Songformat, hinein in ein Werk, das eher wie eine Reise durch Gedanken, Stimmungen und kosmische Nebenräume funktioniert.

Musikalisch bewegt sich 'Noumenon' als instrumentaler Progressive Rock/Metal zwischen klassischer Prog-Grandezza, metallischer Kante und psychedelischem Weitblick. Einflüsse wie 'Yes', 'Tool', 'King Gizzard And The Lizard Wizard', 'Gong' oder 'Pink Floyd' schweben durch den Raum, ohne dass das Album zur bloßen Referenzsammlung wird. Stattdessen entfaltet sich das Ganze in vier Bewegungen wie eine moderne, kosmische Symphonie: treibende Rhythmen, fiebernde Bassläufe, filigrane Keyboards und weite Synth-Flächen schichten sich zu einem Sound, der mal verspielt funkelt, mal bedrohlich pulsiert und dann wieder klingt, als würde ein Raumschiff mit Jazz-Ausbildung durch ein Wurmloch steuern. Gerade der dritte Abschnitt, 'Noumenon 3.1', scheint mit den Wahrnehmungen zu spielen: Ist das noch leichtfüßig? Schon bedrohlich? Oder grinst einen die Musik nur an, während sie heimlich die Möbel im Kopf umstellt? Genau hier passt der Kant-Bezug besonders gut, denn 'Noumenon' wirkt nicht wie ein Album, das sich brav erklären lassen möchte. Es ist eher ein lebendiger Klangkörper, der sich zeigt, entzieht, wieder auftaucht und dabei ständig neue Farben ausspuckt.

Besonders spannend: Denes Poszmik versteht 'Noumenon' nicht als starres Album, sondern als erweiterbares Werk. Künftige Bewegungen sollen ergänzt oder ausgetauscht werden können, wodurch sich das Hörerlebnis immer wieder verändern kann. Prog-Fans dürfen also schon mal den inneren Sortierkasten öffnen und gleichzeitig akzeptieren, dass dieses Ding vermutlich nie endgültig fertig gedacht ist. Auch das Artwork greift tief in die große Fragezeichen-Kiste: Das Cover zeigt Alexander Rodtschenkos Gemälde „Non-Objective Painting No. 80 (Black On Black)“ von 1918 – ein Werk, das ebenso wenig einfache Antworten liefert wie die Musik selbst. 'Noumenon' erscheint am 27. Juni 2026 auf CD und über alle wichtigen Streaming-Plattformen. Ein Album für alle, die Progressive Rock/Metal nicht als Genre, sondern als Expedition verstehen – mit offenem Ausgang, philosophischem Unterbau und sehr guter Aussicht auf leichte Hirnverknotung.

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