Nähe haben wollen und gleichzeitig auf Abstand bestehen: 'Vioflesh' kennen sich mit den komplizierteren Seiten menschlicher Beziehungen aus. Das Duo aus Santiago de Chile macht daraus elektronische Musik zwischen Coldwave, Darkwave und Synthpop. Seit Ende 2017 arbeiten Sängerin und Texterin 'Vio' und Produzent 'Flesh' an einer Klangwelt, in der Sehnsucht, Sinnlichkeit und innere Unruhe zusammenfinden. Die Zuständigkeiten sind übersichtlich. Bei den Gefühlen wäre ein Organigramm vermutlich weniger hilfreich.
'Dark Bellow' erschien am 2. Oktober 2026 über 'Darktunes Music Group' und bündelt zehn Stücke auf rund 39 Minuten. Nach Veröffentlichungen wie 'Nostalgia' und 'Melancolia' vertieft das Duo seine Beschäftigung mit Erinnerung, Verlust und emotionaler Selbstbehauptung. Verdrängte Ängste, beschädigtes Vertrauen und der Wunsch, sich aus belastenden Bindungen zu lösen, bilden den thematischen Rahmen. Dabei bleibt auch Platz für die Hoffnung, von einem anderen Menschen wieder wahrgenommen zu werden. Zwischen Loslassen und Festhalten liegt hier reichlich Stoff für dunklen Pop.
Das musikalische Fundament bilden kräftige Synthesizerbässe und gleichmäßige elektronische Rhythmen, die der melancholischen Atmosphäre Bewegung geben. Darüber entwickeln sich schwebende Klangflächen und prägnante Synthesizerfiguren. Die Verbindung aus melodischer Eingängigkeit und rhythmischem Zug macht diesen Ansatz so reizvoll: Die Musik bietet Raum zum Versinken, besitzt aber ebenso einen deutlichen Impuls für den Dancefloor. Besonders die vorab veröffentlichten Stücke zeigen, wie unterschiedlich sich dieses Verhältnis gestalten lässt. Die Produktion arbeitet dabei mit verschiedenen Graden von Dichte und Offenheit. Neben geisterhaft verhüllten Momenten stehen klarer gegliederte Arrangements, in denen Stimme und Melodie stärker hervortreten. Elektronische Percussion und gewichtige Bassfrequenzen geben Halt; Veränderungen in den Klangschichten sorgen für Bewegung innerhalb wiederkehrender Muster. Gerade die bewusst gelassenen Freiräume sind reizvoll. Die Atmosphäre muss nicht jede verfügbare Lücke besetzen, um Wirkung zu entfalten. An einigen Stellen rückt dadurch die Synthpop-Seite des Duos deutlicher in den Vordergrund.
'Vios' Gesang trägt wesentlich zu dieser Vielschichtigkeit bei. Er kann entrückt und geisterhaft erscheinen, vermittelt aber auch Intimität und eine zurückgenommene, fast erschöpfte Entschlossenheit. Verletzlichkeit bekommt dadurch unterschiedliche Ausdrucksformen. Es geht um den Wunsch nach Nähe ebenso wie um den Moment, in dem jemand keine Kraft mehr hat, immer wieder dieselbe Beziehung zu reparieren. Die Texte geben der düsteren Ästhetik konkrete Konflikte: Erinnerung, Abhängigkeit, Angst und das mühsame Ziehen eigener Grenzen. Eine ausgesprochen ungünstige Vertragsgestaltung für das Privatleben, für diese Musik allerdings ergiebiges Material.
Mein klarer erster Anspieltipp ist hier Track 2 'Intuition'. Das Stück trifft für mich genau die richtige Verbindung: sphärisch, mitreißend und mit einer tollen, eingängigen Melodie. Die markante Synthesizerfigur und der tragende Bass geben der schwebenden Atmosphäre Richtung und Zug. Besonders die Melodie macht den Zugang unmittelbar und zeigt, wie gut sich atmosphärische Tiefe mit Eingängigkeit verbinden lässt. Hier bekommt die Dunkelheit einen musikalischen Haken, an dem man gern hängen bleibt. Als zweiten Anspieltipp empfehle ich den Titelsong 'Dark Bellow'. Er rückt den Wunsch nach Selbstbestimmung ins Zentrum: das eigene Leben gestalten, sich von fremden Erwartungen lösen und ohne Schuldgefühle den eigenen Weg wählen. Das gibt der dunklen Themenwelt eine entschlossene Perspektive. Zusammen mit dem sphärischen, mitreißenden 'Intuition' bietet er zwei gute Einstiegspunkte in das Album.
Eine Grenze liegt hier in der Gesangsästhetik. Der entrückte, bearbeitete Klang kann die Atmosphäre verstärken, zugleich aber die unmittelbare menschliche Wärme auf Distanz halten. Wer eine möglichst natürliche, unverhüllte Stimme bevorzugt, wird sich mit dieser Seite des Projekts womöglich schwerer tun. Für mich aber ist 'Dark Bellow' ein wirklich starkes Album, dessen Verbindung aus schwebender Atmosphäre, elektronischem Druck und melodischer Eingängigkeit begeistert. Besonders 'Intuition' bringt diese Qualitäten für mich auf den Punkt: sphärisch, mitreißend und mit einer Melodie, die sofort packt. Fans von modernem Coldwave, melancholischem Synthpop und ausdrucksvollem weiblichem Gesang sollten 'Vioflesh' unbedingt auf dem Zettel haben. Die komplizierten Beziehungen lösen sich durch diese Musik vermutlich nicht. Einen verdammt guten Soundtrack haben sie aber schon.
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