Death Valley Fight Club - Remnants

Death Valley Fight Club -...

Ich hatte meine Trance-Vergangenheit eigentlich schon ordentlich verstaut. Irgendwo dort, zwischen gebrannten CDs, fragwürdigen Frisuren und der Erinnerung daran, dass drei Stunden Schlaf früher als ausreichend galten. Jetzt aber steht 'Death Valley Fight Club' vor der Tür und behauptet, da sei noch etwas von mir im Club liegen geblieben. Hinter dem Namen steckt ein 'Tobi' aus Stuttgart, der auf 'Remnants' vier Trance-Klassiker in seine dunkle Electro-Werkstatt schiebt. Die alten Melodien sind dann auch sofort wieder da. Ebenso das Bedürfnis, kurz die Augen zu schließen und sich einzureden, morgen sei 2004. Nur die anschließende Rückmeldung der Bandscheibe ist eindeutig von heute.

Für die am 18. September 2026 erschienene EP hat das Dark-Electro-Projekt Stücke von 'Blank & Jones', 'Kai Tracid', 'OceanLab' und 'Delerium' neu interpretiert. Eine Auswahl, bei der sich die Erinnerungen praktisch von selbst an der Garderobe anstellen. Etwas verwundert hat mich allerdings der Blick auf die Deutschen Alternative Charts: Dort tauchte 'Remnants' in Kalenderwoche 39 auf Platz sieben der Albumcharts auf. Albumcharts? Vier Songs, gut siebzehn Minuten? Ich habe vorsichtshalber nachgezählt. Bleibt eine EP. Offenbar hat sie am Eingang zur Albumabteilung einfach sehr selbstbewusst geschaut. Der kleine Ausflug in die große Kategorie passt jedenfalls zum Wiedererkennungswert dieser Veröffentlichung.

Musikalisch bleibt die Trance-Herkunft der Vorlagen deutlich präsent. Die bekannten Melodien geben den Versionen ihre Richtung, während 'Death Valley Fight Club' sie in ein dunkleres Umfeld aus Dark Electro und EBM einbettet. Der Reiz liegt in der Verbindung aus melodischer Weite, elektronischem Antrieb und jener Melancholie, die solchen Rückblicken fast automatisch anhaftet. Man erinnert sich schließlich an die Musik und gleich noch an die Menschen, Orte und Nächte, die daran hängen. Erstaunlich, was das Gedächtnis alles aufbewahrt, während es sich beim aktuellen Onlinebanking-Passwort konsequent ahnungslos stellt.

Mir gefallen die vier Versionen vor allem deshalb, weil sie diesen vertrauten Kern erhalten. Sie klingen durchweg nett, zugänglich und sympathisch. „Nett“ gilt in Rezensionen gern als höfliche Umschreibung für „bitte weitergehen“, ist hier aber ausdrücklich positiv gemeint: Ich höre diesen Bearbeitungen gern zu. Die Melodien funktionieren weiterhin, der dunklere Rahmen steht ihnen, und das Wiedererkennen macht Freude. Die EP lädt dazu ein, die eigenen musikalischen Erinnerungen noch einmal hervorzuholen, ohne dass man dafür erst einen alten CD-Brenner reanimieren muss. Eine spektakuläre Verwandlung war bei diesem Ansatz kaum zu erwarten, und sie findet auch nicht statt. Der Abstand zu den Originalen bleibt überschaubar. Wer auf völlig neue Strukturen, überraschende Brüche oder eine radikale Umdeutung hofft, wird hier entsprechend wenig davon finden. Das begrenzt den Entdeckerwert, schmälert für mich aber kaum den Unterhaltungswert. 'Remnants' funktioniert als sympathische Wiederbegegnung mit vertrauten Songs. Die Bearbeitungen geben ihnen eine andere Färbung, ohne ihre Identität im Hinterzimmer zu verlieren.

Als Einstieg bietet sich 'Silence' an: Schon die Vorlage von 'Delerium' verbindet große Melodie und emotionale Sehnsucht und liefert damit einen passenden Zugang zum nostalgischen Konzept. Mein positiver Eindruck gilt allerdings der gesamten EP. Die vier Versionen halten den Rückblick angenehm kompakt; nach gut siebzehn Minuten darf man durchaus noch einmal von vorn anfangen. Die Zeitreise lässt sich erfreulicherweise ohne Urlaubsgenehmigung wiederholen. Für mich ist 'Remnants' eine gelungene kleine Veröffentlichung für alle, die ihre Trance-Vergangenheit gern wiederhören und zugleich etwas mit melodischem Dark Electro und Futurepop anfangen können. Die vier Coverversionen machen Spaß, wecken Erinnerungen und gehen respektvoll mit ihren Vorlagen um. Der große musikalische Überraschungseffekt bleibt aus, aber die Freude an diesen Melodien ist sofort wieder da. Meine Trance-Vergangenheit darf deshalb noch ein bisschen bleiben. Ich habe ihr einen Stuhl angeboten. Man muss schließlich aufeinander Rücksicht nehmen im Alter.

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