Varmia - Lauks

Varmia - Lauks

Es gibt Bands, die spielen Black Metal – und es gibt 'Varmia'. Die Formation aus 'Olsztyn' in Polen bewegt sich seit ihrer Gründung durch 'Lasota' im Jahr 2016 irgendwo zwischen archaischem Ritual, kulturhistorischer Tiefenbohrung und der sehr konsequenten Entscheidung es wirklich niemandem zu leicht zu machen. Inspiriert von vorslawischen Einflüssen, dem Erbe der Region 'Warmia' und einer ordentlichen Portion polnischer Metal-DNA, haben sich 'Varmia' eine Klangwelt erschaffen, die mehr nach Erde, Rauch und Geschichte klingt als nach Studio, Preset und „passt schon“. Mit 'Lauks', erschienen am 27. März 2026 über 'M-Theory Audio', legen sie nun immerhin schon Album Nummer fünf vor. Und schon beim Titel wird klar: Hier wird es nerdig – im besten Sinne. „Lauks“ ist nämlich kein polnisches Wort, sondern stammt aus baltischen bzw. altpreußischen Sprachräumen und bedeutet meiner Recherche nach so viel wie Feld, Territorium oder Gemeinschaft. Also im Prinzip genau das Gegenteil von „Nebenbei-Playlist“. Im Kontext des Albums geht es um Zugehörigkeit, Identität und die feine Linie zwischen „wir“ und „die anderen“. Oder musikalisch gesagt: Entweder du bist Teil dieses Rituals – oder du stehst draußen. Und da zieht es.

Schon 'Czarne Drogi Xsiężyca' macht klar, dass 'Varmia' keine Lust auf Smalltalk haben. Kein langsames Aufbauen, kein „wir holen euch erstmal ab“ – hier geht es direkt rein in einen Sound, der roh, dicht und erstaunlich fokussiert ist. Mit rund 36 Minuten Spielzeit wirkt 'Lauks' fast schon kompakt – und genau diese Kürze ist hier keine Einschränkung, sondern eine bewusste Verdichtung. Während andere Bands aus ähnlichem Material noch drei Extrarunden im Nebel drehen würden, ziehen 'Varmia' die Schlinge enger. Das Ergebnis: ein Album, das mehr drückt als es sich ausbreitet. 'Lauks' funktioniert dabei weniger als klassische Song-Sammlung, sondern als durchgehendes Erlebnis. Ein dunkler, zäher Strom, der sich kontinuierlich vorwärts bewegt, ohne dir ständig Highlights auf dem Silbertablett zu servieren. Oder anders gesagt: Das hier ist kein Album, das dich umarmt – es packt dich am Kragen. Und genau hier entscheidet sich auch, ob man es liebt… oder eher 'nur' respektiert.

Der Sound selbst trägt natürlich massiv dazu bei. Die Aufnahme in einer Burgruine ist kein Marketing-Gag, sondern prägt das gesamte Klangbild. Räume hallen, Schläge wirken nach, alles hat diese rohe, natürliche Tiefe. Das ist kein Hochglanz-Black-Metal, sondern eher irgendwo zwischen nordischer Urgewalt und ritueller Versenkung angesiedelt. Es knirscht, es lebt, es atmet – und manchmal wirkt es, als würde die Musik selbst noch nicht ganz wissen, ob sie gleich eskaliert oder dich einfach nur weiter in diesen Sog zieht. Was 'Varmia' besonders gut gelingt, ist die Verschmelzung von Black Metal und baltischen Einflüssen. Traditionelle Instrumente, rituelle Percussion und der Wechsel zwischen harschem Gesang und 'Whitevoice' sind hier keine Spielerei, sondern Teil der DNA. Kein „Jetzt kommt der Folk-Part“, kein Mittelaltermarkt – sondern ein organisches Ganzes, das sich eher wie ein Ritual anfühlt als wie ein Song. Tracks wie 'Niekrwi' oder das dichte 'Korona' zeigen exemplarisch, wie gut diese Balance funktioniert. Und spätestens bei 'Stēisan Azzaran Waks' wird klar: Eingängigkeit steht hier ungefähr auf der Prioritätenliste zwischen „optional“ und „völlig egal“. Mitsingen? Ich will jetzt nicht der Typ sein, der im Black Metal plötzlich den Duden zückt… aber selbst mit Textblatt wäre das sportlich. :-)

Und dann sind da noch die Texte. Oder sagen wir: das, was ich davon verstehe. Black Metal ist ja ohnehin nicht gerade für kristallklare Verständlichkeit bekannt – aber wenn das Ganze dann noch auf (vermutlich) Polnisch passiert, bin ich raus. Komplett. Ich höre Emotion, Wucht, Ritual – aber inhaltlich? Keine Chance. Und ganz ehrlich: Das scheint auch genau so gewollt zu sein. Natürlich habe ich trotzdem einmal den Übersetzer bemüht – rein aus wissenschaftlichem Interesse, versteht sich. Und siehe da: 'Czarne drogi Xsiężyca' lässt sich als „Schwarze Wege des Mondes“ deuten, was ziemlich exakt beschreibt, wie sich das Album anfühlt. 'Zwykli Zmarli' wird zu „Die gewöhnlichen Toten“ – ein Titel, der im Black Metal vermutlich als Smalltalk durchgeht. 'Niekrwi' bewegt sich irgendwo im Bereich „blutlos“, was in Kombination mit der Musik eine fast schon ironische Note bekommt. Und '...Po Widok Za' lässt sich als „für den Blick dahinter“ lesen – also genau diese Art von Bedeutung, bei der man nickt und denkt: „Ich verstehe es nicht ganz, aber es fühlt sich richtig an.“

Und dann taucht plötzlich 'Der Tot Adalber' auf. Moment… Tot? Ich will jetzt wirklich nicht der Typ sein, der mitten im Black Metal den Rechtschreibfehler markiert – aber das wirkt fast schon wie Absicht. Entweder ein kleiner sprachlicher Stolperstein… oder ein bewusst gesetzter Fremdkörper. Und irgendwie passt genau das perfekt: Selbst wenn du denkst, du hast mal kurz Orientierung – zack, wieder daneben. Willkommen bei 'Varmia'. Ein kurzer Blick auf die Formate rundet das Ganze ab: Neben der digitalen Version gibt es eine CD im Jewelcase mit 12-seitigem Booklet – klassisch, greifbar, passend zur dichten Atmosphäre des Albums. Und dann natürlich die auf 300 Exemplare limitierte „Warm Blood Colored“ Vinyl-Version. Und seien wir ehrlich: Wenn sich ein Album nach Blut, Stein und Ritual anhört, dann sollte es sich auch genau so drehen. Alles andere wäre fast schon zu sauber.

Damit ist 'Lauks' sicher kein Album für nebenbei. Es ist kein Album für „mal kurz reinhören“. Und es ist ganz sicher kein Album für Leute, die sofort verstehen wollen, was hier passiert – sei es musikalisch oder sprachlich. Es ist vielmehr ein Album für Hörer, die sich bewusst auf etwas 'heftiges' einlassen wollen. Auf Atmosphäre, auf Intensität, auf ein Klangbild, das mehr wirkt als erklärt. Für alle, die Black Metal als Erlebnis begreifen, nicht als Konsumprodukt. Mein persönliches Fazit: Ich habe nicht verstanden, worum es inhaltlich genau geht. Wirklich nicht! Aber ich habe verstanden, wie es sich anfühlen soll. Und das ist am Ende vielleicht sogar wichtiger. Oder anders gesagt: Ich weiß nicht, was sie mir sagen wollten – aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich trotzdem wiederkomme. Nur vielleicht nicht hier, heute und an jedem Tag.

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