Various Artists - Neue Deutsche Folksmusik - Vol. IV

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Ein letztes Kapitel also – nach aktuellem Stand, versteht sich. Mit 'Neue Deutsche Folksmusik – Vol. IV' schließt 'House Of Inkantation' eine Reihe ab, die sich über die Zeit hinweg konsequent jeder Erwartungshaltung entzogen hat. Kein Trendhopping, kein kalkuliertes Schielen auf Hörgewohnheiten, kein „Das könnten wir aber noch etwas gefälliger machen“. Stattdessen: Nebel, Unterholz und eine klare Ansage an den Hörer, dass hier niemand an die Hand genommen wird. Dieses Finale feiert sich nicht selbst, es zündet kein Feuerwerk und bestellt auch keinen Chor fürs große Pathos. Es nickt ruhig, vielleicht minimal verschmitzt, und sagt sinngemäß: So, das war’s – hör genau hin oder lass es bleiben.

Musikalisch ist 'Neue Deutsche Folksmusik – Vol. IV' weniger ein Album im klassischen Sinne als vielmehr ein Zustand. Eine Compilation, ja – aber eine, die sich erstaunlich geschlossen anfühlt. Nichts an der Zusammenstellung wirkt zufällig, nichts wie ein Fremdkörper. Stattdessen gleitet man bei den 45 Songs durch einen langen, zusammenhängenden Klangraum der sich zwar stetig verändert ohne dabei jemals komplett die Richtung zu wechseln. Wer Abwechslung im Sinne von „Jetzt kommt der Hit“ sucht, ist hier natürlich definitiv falsch abgebogen.

Stilistisch bewegt sich das Ganze irgendwo zwischen Neofolk, Dark Folk, Ambient und experimenteller Klangkunst. Akustische Instrumente tauchen auf, verschwinden wieder, werden von elektronischen Schattierungen umspült oder bewusst roh stehen gelassen. Melodien werden eher angedeutet als ausgespielt, Rhythmen existieren – weigern sich aber standhaft, mit dem Fuß mitzuwippen. Das ist Musik, die partout nicht „Song“ sein will, sondern Atmosphäre. Viel Atmosphäre.Ganz viel Atmosphäre!

Was mir persönlich besonders gefällt, ist dann auch diese konsequente Verweigerung schneller Effekte. 'Neue Deutsche Folksmusik – Vol. IV' hat es nicht eilig. Es drängelt nicht, es blinkt nicht, es ruft nicht „Hör mich!“. Stattdessen sitzt es da, schweigt ein wenig und wartet, bis man selbst langsamer wird. Das kann man anstrengend finden – oder wohltuend. Ich neige klar zur zweiten Variante. In einer Zeit, in der Musik oft schon nach 30 Sekunden liefern muss, ist diese stoische Ruhe fast schon eine kleine Provokation. Das mag ich sehr! Atmosphärisch bewegt sich das Album irgendwo zwischen meditativ und latent unheimlich. Manchmal glaubt man, etwas Vertrautes zu erkennen, nur um im nächsten Moment festzustellen, dass es einem wieder entgleitet. Diese permanente Schwebe macht den Reiz aus. Für mich ist das weniger Unterhaltung als ein geöffneter Raum, in dem man sich umsehen, verlieren oder einfach eine Weile still sitzen kann. Wer dabei nebenbei Mails beantworten will, wird allerdings schnell merken: Das Album gewinnt diesen Kampf um Aufmerksamkeit ziemlich mühelos.

Natürlich kann man dem Release vorwerfen, dass es alleine mit der erschlagenden Anzahl an Werken sperrig ist. Dass es kaum klare Ankerpunkte bietet. Dass man nach dem Hören nicht beschwingt durch die Wohnung läuft. Aber ganz ehrlich: Das wäre hier auch komplett fehl am Platz. Diese Compilation will vermutlich so auch gar nicht gefallen – sie will eher wirken. Und sie wirkt, leise, langsam und überraschend nachhaltig.

'Neue Deutsche Folksmusik – Vol. IV' richtet sich damit klar an Hörerinnen und Hörer, die Freude an musikalischen Grauzonen haben. An Menschen, die Folk nicht als nostalgische Folklore begreifen, sondern als wandelbare, experimentierfreudige Ausdrucksform. Wer dunkle Atmosphären, reduzierte Strukturen und eine gewisse Ernsthaftigkeit schätzt, wird hier viel entdecken – oft nicht sofort, sondern erst nach mehreren Durchgängen. Für mich persönlich ist 'Neue Deutsche Folksmusik – Vol. IV' ein starkes, konsequentes Finale dieser Reihe – zumindest nach jetzigem Stand. Kein lauter Abschied, kein großes Spektakel, sondern ein ruhiger, selbstbewusster Schlusspunkt. Und manchmal sind genau das die Abschiede, die am längsten im Kopf bleiben. Reinhören! 

Various Artists - Neue Deutsche Folksmusik - Vol. IV
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