Nun, bei „Castle Burner“ habe ich weniger das Gefühl, Songs zu hören, als einem verlassenen Ort zu lauschen. Einem Wald bei Nacht vielleicht, in dem irgendwo etwas raschelt, ohne sich zu erkennen zu geben. Oder einer Höhle, in der jedes Geräusch plötzlich mehr Raum bekommt. 'Üngtt' liefert dazu ein sphärisches Rauschen und Klänge, die sich im Hintergrund ausbreiten. Wer hier auf einen Schlagzeugeinsatz wartet, kann die Taschenlampe schon einmal auf Energiesparmodus stellen. Laut Bandcamp steht hinter dem Berliner Projekt der Artist B.S.s., bekannt durch 'Common Eider King Eider' und 'Curse All Kings' sowie auch langjähriger Weggefährte von Projekten wie 'Sutekh Hexen' und 'Six Organs Of Admittance'. „Castle Burner“ ist nun aber das zweite Album von 'Üngtt' und bewegt sich zwischen Dark Ambient und Lo-Fi-Dungeon-Synth. Die vorliegende Ausgabe umfasst acht Stücke und rund 73 Minuten: Zum eigentlichen, vierteiligen Album kommen vier Bonustracks der lange vergriffenen CD-R-Veröffentlichung „Peasant Revolt“. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn die gesamte Laufzeit umfasst damit auch älteres Material.
Mein Waldvergleich findet im Konzept einen passenden Widerhall. Laut Begleittext geht es um einen animistischen Blick auf die Natur, um Tod, Verfall und Wiedergeburt. Der verrottende Waldboden wird dabei zum Ausgangspunkt neuen Lebens. Das gibt der Dunkelheit eine Bedeutung, die über bloße Gruselkulisse hinausgeht. Interessant finde ich allerdings, wie unterschiedlich Absicht und Wirkung ausfallen können: Die Beschreibung beschwört eine bedrückende, beinahe einschließende Klangwelt. Bei mir stellt sich beim Hören vor allem Ruhe ein. In diesem vermeintlich unheimlichen Wald würde ich mich offenbar recht entspannt auf einen Baumstumpf setzen. Ein Rhythmus, wie ihn etwa ein Schlagzeug vorgeben würde, fehlt meinem Eindruck nach. Ich höre flächige, zurückgenommene Klänge und Rauschen, stellenweise fast schon Stille. Die Wald- und Höhlenbilder entstehen daraus beim Zuhören; tatsächliche Naturaufnahmen braucht es für diesen Eindruck nicht. Als Hintergrundmusik zum Runterkommen funktioniert das für mich ausgesprochen gut. Ich muss dieser Musik nicht ständig folgen und bleibe trotzdem gern bei ihr. Das Lauschen selbst bekommt einen Reiz, gerade weil mir kein Beat den nächsten Schritt vorgibt.
Allerdings wünsche ich mir beim genaueren Zuhören mehr Entwicklung. Der Titeltrack, „A Sliver Of Light“, „Unbury The Wolves“ und „A Door Ajar, An Offering Left“ wirken auf mich wie Abschnitte derselben Umgebung, deren Grenzen kaum auffallen. Auch mit dem zusätzlichen Material bleibt mein Gesamteindruck sehr gleichmäßig. Zu entdecken gibt es für mich leider wenig; ein Wechsel der Perspektive oder ein stärkerer Kontrast hätte dieser Klangwelt gutgetan. Dass vier Stücke aus „Peasant Revolt“ stammen, erklärt den Umfang der Ausgabe, verändert aber meine Wahrnehmung beim Durchhören kaum. Ich genieße die Atmosphäre, während die einzelnen Stücke für mich nur wenig eigenes Profil entwickeln. Die am 2. Oktober 2026 gemeinsam bei Cyclic Law und Breath.Sun.Bone.Blood erscheinende CD-Ausgabe gibt dem Naturkonzept auch außerhalb der Musik Raum. Sie ist auf 200 Exemplare limitiert und kommt mit einem dreifach aufklappbaren A5-Heft, dessen 16 Seiten animistischen Betrachtungen gewidmet sind. Dazu gehört ein schwarzer, siebbedruckter Schuber; sämtliche Verpackungselemente wurden von B.S.s. von Hand gefertigt. Bei Fiadh Productions erschien bereits am 4. September eine digitale Ausgabe mit den vier Albumstücken sowie eine auf 25 Exemplare limitierte Kassette als Benefizveröffentlichung für Trans Lifeline.
Für mich bleibt „Castle Burner“ eine Veröffentlichung, deren Atmosphäre stärker nachwirkt als ihre einzelnen Stücke. Mehr Abwechslung hätte ich mir gewünscht, doch dieser eigenartigen Ruhe höre ich gern zu. Sie lässt mich durchatmen und erzeugt mit wenigen Mitteln ein klares Kopfkino. Die Vorstellung von Verfall und neuem Leben gibt diesem Klangraum zusätzlich Tiefe, ohne dass ich jede Bedeutung beim Hören entschlüsseln müsste. Es passiert wenig – und trotzdem bleibe ich noch eine Weile in diesem nächtlichen Wald.
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