Eben noch auf der Weltenbühne, jetzt schon wieder mit Vollgas zurück auf der Tanzfläche: ’Tyske Ludder‘ servieren pünktlich zum Dezember ihren nächsten finsteren Festtagskracher – und der trägt den harmlos klingenden Namen „Oh, Tannenbaum“. Wer jetzt an nadelgrüne Nostalgie oder folkloristisches Klimpern denkt, sollte sein Glühweinchen abstellen: Der Track hat mit dem bekannten Weihnachtslied ungefähr so viel zu tun wie eine Kettensäge mit einer Krippe.
Stattdessen setzt das Trio erneut auf das, was sie inzwischen meisterhaft beherrschen: einen pechschwarzen Weihnachts-Mindfuck, der zwischen kaltem Industrial, dystopischem Storytelling und dieser typisch norddeutschen Direktheit oszilliert. Im Zentrum steht ein Kriegsheimkehrer, der aus dem Geräuschgewitter der Front wieder in ein Wohnzimmer voller Kerzenschein geworfen wird – und genau diese Reibung macht den Song so eindringlich. Die Beats marschieren hart, die Synths schaben wie Metall auf Frost, und die Vocals tragen eine Schwere, die man nach einem Jahr voller globaler Absurditäten nur zu gut nachvollziehen kann.
’Tyske Ludder‘ setzen damit ihre kleine, mittlerweile kultige Tradition fort: Weihnachtszeit ist eben Ludder-Zeit. Nach ihren bisherigen saisonalen Ausbrüchen – die jedes Jahr zuverlässig zwischen Schmunzeln und Schaudern pendeln – liefern sie nun einen Track, der weniger provoziert als vielmehr berührt. Denn die Thematik der Rückkehr, des Fremd-seins im eigenen Zuhause, sitzt tiefer, als man anfänglich vermutet. Gerade deshalb funktioniert „Oh, Tannenbaum“ so gut: Es ist ein Song, der die Bruchstellen zwischen Alltag und Ausnahmezustand zeigt, ohne in Pathos abzurutschen.
Persönlich gefällt mir besonders, wie gut die Band es schafft, eine melancholische Grundnote mit clubtauglicher Härte zu verweben. Das ist Industrial, der nicht nur boxt, sondern auch erzählt – und genau dadurch bleibt er hängen. Während draußen die Welt schon wieder voller Weihnachtsmärkte, Plastikengel und schlechter Laune ist, liefern ’Tyske Ludder‘ den Soundtrack für jene, die das Fest eher im Schatten betrachten, aber trotzdem tanzen wollen.
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