Mit 'Es Brennt...' meldet sich 'Till Lindemann' zurück – und selten hat ein Songtitel so viele Assoziationen geweckt, die man eigentlich nicht laut aussprechen möchte. Denn seien wir ehrlich: „Es brennt…“ ist nicht nur eine Metapher für Leidenschaft, Schmerz oder existenzielle Grenzerfahrungen. Es ist auch ein Zustand, den man eher ungern beim Arzt erklärt. Und genau hier sind wir auch schon mitten im Thema. Denn wie bei besagtem körperlichen Unbehagen gilt auch für 'Till Lindemann': Es ist intensiv, es ist unangenehm, es ist schwer zu ignorieren – und irgendwie weiß man trotzdem ganz genau, was einen erwartet.
Keine Sorge: Medizinische Ratgeber werden wir hier nicht schreiben. Stattdessen bleiben wir bei der Musik – genauer gesagt bei einem Song. Denn so sehr sich dieses Release mit verschiedenen Versionen, Formaten und Bonusmaterial schmückt: Zum jetzigen Zeitpunkt – vor dem physischen Release am 29.05.2026 – kennen wir schlicht nur den Titeltrack 'Es Brennt...'. Und genau darauf konzentrieren wir uns auch. Kein Blick in die Glaskugel, keine Bewertung von Tracks, die wir noch nicht gehört haben. Nur dieser eine Song. Punkt.
Schon das Artwork ist dabei fast schon ein kleiner Geniestreich: eine Kerze, angeschlossen an eine Steckdose. Herrlich absurd – und gleichzeitig erschreckend treffend. Denn wenn man es böse formulieren möchte, könnte man sagen: Genau so fühlt sich 'Es Brennt...' stellenweise auch an. Feuer – ja. Aber eben kontrolliert, kalkuliert, reproduzierbar. Leidenschaft auf Knopfdruck. Das ist stark gedacht, keine Frage. Aber auch ein bisschen… bequem. Die rebellische Flamme im TÜV-geprüften Gehäuse.
Musikalisch bewegt sich 'Till Lindemann' auf Terrain, das er inzwischen im Schlaf beherrschen dürfte. Dunkel? Check. Druckvoll? Check. Pathos mit leichtem Hang zum Abgründigen? Doppel-Check. Produziert von 'Nicolas Ludwig', mit Gitarren von 'Clemens Wijers' und dem gewohnt stoischen Fundament von 'Henka Johansson', entsteht eine Klanglandschaft, die nicht nur drückt, sondern sich fast körperlich festsetzt – wie ein permanenter Druck auf der Brust, der nie ganz nachlässt. Keine echten Brüche, keine Überraschungen, kein Moment, in dem man denkt: „Oh, das hätte ich jetzt nicht kommen sehen.“ Stattdessen: souverän abgearbeitetes Lindemann-Handwerk. Seine Stimme bleibt dabei das Zentrum: tief, kontrolliert, fast schon beschwörend – weniger Gesang als vielmehr ein Vortrag, der irgendwo zwischen Drohung und Theater pendelt. Genau dieses Spannungsfeld trägt den Song über weite Strecken und sorgt dafür, dass er trotz aller Vorhersehbarkeit funktioniert.
Das Problem – oder nennen wir es höflich: die kleine Sollbruchstelle – ist dabei weniger die Qualität als die Vorhersehbarkeit. 'Es Brennt...' klingt nicht schlecht. Im Gegenteil. Es klingt genau so, wie ein 'Till Lindemann'-Song 2026 eben klingt. Und genau das ist der Punkt. Man kennt diese Schwere. Diese Art von dramaturgischem Druck. Diese Mischung aus Provokation und kalkulierter Überzeichnung. Es ist, als würde man einen sehr guten Film zum dritten Mal schauen: Man weiß, wann es kracht – und irgendwie kracht es dann auch genauso. Nur dass der Popcorn-Effekt ein bisschen nachgelassen hat.
Inhaltlich bleibt 'Till Lindemann' ebenfalls auf vertrautem Kurs – und diesmal sogar erstaunlich deutlich. „Nicht zu heiß, nicht zu kalt, nicht zu laut, nicht zu leis“: Das ist weniger Poesie als eine ziemlich direkte Abrechnung mit einer Gesellschaft im Dauer-Mittelmaß. Die Menschen wollen brennen, aber bitte kontrolliert, gefahrlos, ohne Konsequenzen. „Kalte Flammen keine Glut“ bringt dieses Bild perfekt auf den Punkt – und wirkt fast wie die textliche Entsprechung des Artworks. Das ist treffend, bissig und auf seine eigene Art ziemlich elegant formuliert. Aber eben auch: sehr vertrautes Terrain. Auch hier schleicht sich dieses Gefühl ein, dass man diese Gedankenwelt schon einmal betreten hat. Vielleicht nicht Wort für Wort – aber zumindest mit sehr ähnlicher Inneneinrichtung.
In der aktuellen Veröffentlichungsfrequenz wirkt das Ganze zudem fast weniger wie ein großes Statement – und mehr wie ein weiterer Baustein in einem erstaunlich routinierten Output. Das mag beeindruckend produktiv sein, nimmt dem Ganzen aber auch ein kleines Stück Unberechenbarkeit. Und dann wäre da noch das begleitende Merch-Feuerwerk. Shirts, Vinyl in sämtlichen Farbvarianten, Picture CDs, Taschen, Tassen – im Grunde fehlt nur noch die „Es Brennt...“-Duftkerze für das heimische Ritual. Natürlich: Das ist aus Marketingsicht clever und für Sammler vielleicht ein Fest. Gleichzeitig verstärkt es bei mir aber auch genau den Eindruck von kalkulierter Reproduzierbarkeit, den schon das Artwork so treffend andeutet. Die Flamme wird hier nicht nur inszeniert – sie wird gleich in mehreren Editionen ausgeliefert, limitiert, nummeriert und sauber verpackt. Feuer zum Mitnehmen. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem aus Intensität ein Produkt wird.
Natürlich – und das gehört zur Fairness dazu – ist das alles auf einem Niveau, von dem viele andere Acts nur träumen können. Atmosphäre? Sitzt. Wirkung? Da. Inszenierung? Wie immer auf den Punkt. Aber gerade weil 'Till Lindemann' dieses Level so mühelos hält, fällt umso mehr auf, dass er es sich hier ein kleines bisschen zu gemütlich macht. Die Flamme lodert – aber sie steht eben auch sehr stabil im Halter. Und ja, man könnte jetzt natürlich darüber spekulieren, wie sich das Gesamtpaket mit den zusätzlichen Versionen, dem Dietrich-Cover und den Remixen von 'Alex Terrible' und 'Greg Mackintosh' anfühlen wird. Aber genau das lassen wir bewusst bleiben. Die erscheinen erst am 29.05.2026 – und bis dahin gilt: Wir bewerten das, was da ist. Und das ist 'Es Brennt...'.
Unterm Strich ist 'Es Brennt...' damit ein Release für Fans, die genau das wollen: mehr von dem, was sie ohnehin lieben. Mehr Dunkelheit, mehr Druck, mehr 'Lindemann'. Wer hingegen auf Entwicklung, Überraschung oder gar einen stilistischen Befreiungsschlag hofft, bekommt hier eher ein sehr stilvoll inszeniertes Déjà-vu. Ich persönlich? Ich nicke. Anerkennend. Respektvoll. Und ertappe mich gleichzeitig dabei, wie ich denke: „Ja, das brennt schon… aber das Gefühl kommt mir verdächtig bekannt vor – und ich bin mir nicht sicher, ob ich es wirklich nochmal gebraucht hätte.“
Medienkonverter.de
Till Lindemann - Es brennt...
Mängelexemplar - Neue Zukunft
Natürlich 'Düsseldorf' – das klingt nicht nur nach Musik, das ist doch irgendwie auch Musikgeschichte. Zwischen kalter Ästhetik, Maschinenromantik und diesem ganz speziellen Gefühl von „Bitte nicht zu emotional werden, wir sind hier schließlich präzise“ haben sich 'Mängelexemplar' alias 'MNGLXMPLR' seit 2011 ein bemerkenswert stabiles Fundament im elektronischen Underground gebaut. Keine laute Hype-Band, kein schnell verpuffendes Projekt – eher so eine dieser konstant unterschätzten Größen, die plötzlich seit über einem Jahrzehnt einfach da sind. Und zwar zurecht. Und dann wäre da noch dieser ...