Mängelexemplar - Neue Zukunft

Mängelexemplar - Neue Zukunft

Natürlich 'Düsseldorf' – das klingt nicht nur nach Musik, das ist doch irgendwie auch Musikgeschichte. Zwischen kalter Ästhetik, Maschinenromantik und diesem ganz speziellen Gefühl von „Bitte nicht zu emotional werden, wir sind hier schließlich präzise“ haben sich 'Mängelexemplar' alias 'MNGLXMPLR' seit 2011 ein bemerkenswert stabiles Fundament im elektronischen Underground gebaut. Keine laute Hype-Band, kein schnell verpuffendes Projekt – eher so eine dieser konstant unterschätzten Größen, die plötzlich seit über einem Jahrzehnt einfach da sind. Und zwar zurecht. Und dann wäre da noch dieser auf Konsonanten zusammengestutzte Bandname 'MNGLXMPLR' – also klassisches Disemvoweling, wenn man so will. Offenbar immer noch schwer angesagt im elektronischen Untergrund. Ich gebe zu: Mich lässt dieser Trend inzwischen eher kalt. Das wirkt oft gewollt kryptisch, selten wirklich clever – und nutzt sich ungefähr so schnell ab wie schwarze Outfits auf einem Szene-Floor. Aber gut: Namen sind das eine, Musik ist das andere. Und genau da wird es hier dann wieder interessant.

Mit 'Neue Zukunft' wird dieser Weg nicht verlassen, sondern spürbar zugespitzt. Mehr Druck, mehr Kante, weniger Kompromiss – und diesmal ohne Sicherheitsnetz. Und ich sage es ganz offen: Genau so möchte ich diese Band hören. Nicht glatter, nicht zugänglicher, nicht „zeitgemäßer“ im Sinne von beliebiger. Sondern konsequenter. Und das liefert dieses Album. Dass die Platte ausschließlich auf Vinyl und digital erscheint, passt dabei erstaunlich gut ins Bild. Keine CD, kein Versuch, noch schnell alle Formate mitzunehmen. Sondern eine klare Entscheidung. Und ich mag das. Gerade in Zeiten, in denen viele Releases versuchen, es wirklich jedem recht zu machen, wirkt so etwas fast schon erfrischend stur.

Klanglich bewegt sich 'Neue Zukunft' in einem präzise austarierten Dreieck aus minimalistischem Electro, klassischem Minimal Wave und einer leicht schrägen NDW-Kante. Und genau diese Mischung ist es, die das Album für mich spannend macht. Das ist elektronisch, reduziert und kontrolliert – aber eben nicht steril. Unter der Oberfläche arbeitet ständig etwas. Spannung, Reibung, ein leicht nervöses Flimmern, das nie ganz zur Ruhe kommt. Die Beats marschieren teils stoisch nach vorne, fast schon gleichgültig gegenüber allem, was sich ihnen in den Weg stellt. Die Synths legen sich darüber wie eine zweite Schicht Beton – kühl, dicht, unnachgiebig. Und darüber diese Vocals: leicht verzerrt, bewusst distanziert, irgendwo zwischen Maschine und Mensch. Für mich funktioniert das richtig gut, weil es genau diese Distanz erzeugt, die viele in diesem Genre zwar wollen, aber selten wirklich hinbekommen. Irgendwo zwischen Kraftwerk und Welle:Erdball angesiedelt – aber ohne Retro-Verklärung. Und das ist für mich einer der größten Pluspunkte: Dieses Album will nicht zurück. Es nimmt die Vergangenheit als Werkzeug, nicht als Ziel.

Was mich persönlich wirklich überzeugt: die Konsequenz. Dieses Album zieht von A bus Z sein Ding durch. Keine unnötigen Spielereien, kein hektisches „wir zeigen jetzt noch, was wir alles können“. Stattdessen Reduktion als Haltung. Wiederholung als Stilmittel. Kleine Verschiebungen statt großer Effekte. Das ist nicht spektakulär im klassischen Sinne – aber es wirkt. Und zwar nachhaltig. Und trotzdem – ich bleibe ehrlich – genau diese Konsequenz kann irgendwie auch anstrengend sein. Es gibt auch hier diese Momente, da wünsche ich mir beim Hören tatsächlich eine kleine Besonderheit, eine Überraschung, eine Öffnung, vielleicht einen Moment mehr Eskalation. Nicht viel und nur ein bisschen. Denn so bleibt das Album sehr lange sehr bei sich. Das ist dann auch gleichzeitig Stärke aber auch die kleine Schwäche. Ich persönlich finde das insgesamt überzeugend – aber ich verstehe absolut jeden, der sagt: „Mir fehlt da ein Tick mehr Dynamik.“ Wer einen Einstieg sucht, landet ziemlich schnell bei 'Kontraste', 'Allein' und 'Der Moment'. Tracks, die ziemlich genau zeigen, wie dieses Album funktioniert: klare Struktur, kühle Atmosphäre, unterschwellige Bewegung. Und dann ist da noch 'Gold (Cold Gold Mix)'. Ein Titel, der fast schon nach großem Auftritt klingt – musikalisch aber genau das Gegenteil liefert. Denn dieses „Gold“ hier glänzt nicht. Es wirkt eher wie Metall unter Neonlicht: kühl, stumpf, schwer. Also ziemlich weit entfernt von dieser „alles muss glänzen“-Ästhetik, die man neuerdings aus gewissen amerikanischen Selbstinszenierungen kennt. Während im Weißen Haus die glänzende Oberfläche reicht, zählt bei Mängelexemplar nur die Substanz. Weniger Show, mehr musikalisches Gewicht.

Was bei mir hängen bleibt: 'Neue Zukunft' entfaltet entfaltet sich nach und nach. Ich hatte beim ersten Durchlauf noch das Gefühl: „Ja, stark – aber mal sehen, wie lange das trägt.“ Beim zweiten und dritten Hören wurde dann klar: Das trägt ziemlich weit. Das Album richtet sich an Hörerinnen und Hörer die elektronische Musik schätzen und verstehen. Minimalistischer Electro, dunkle Wave-Anleihen und diese spezielle deutsche Kühle greifen hier sauber ineinander und ergeben für mich ein Album, das vor allem über Atmosphäre und Konsequenz funktioniert. Ich persönlich finde: Genau darin liegt die Stärke. Dieses Album will bestehen. Und das tut es. Nicht laut. Nicht spektakulär. Aber erstaunlich nachhaltig. Und manchmal ist genau das die größere Leistung eines solchen Releases.

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