Suicide Commando - Collective Suicide Vol. 2

Suicide Commando - Collective Suicide...

Wenn solch ein bekanntes Projekt wie 'Suicide Commando' ein Jubiläum feiert, erwartet man sicher keine Luftballons, keine Häppchenplatte und auch ganz sicher keinen freundlichen Sektempfang. Viel wahrscheinlicher ist ein Raum ohne Fenster, ein paar flackernde Neonröhren und irgendwo im Hintergrund ein Beat, der klingt, als würde eine Abrissbirne Rhythmusgefühl entwickeln. Schon seit 1986 hält 'Johan Van Roy' diesen belgischen Electro-Industrial-Apparat am Laufen und er klingt bis heute, als hätte niemand daran gedacht, einen Not-Aus-Schalter einzubauen. Mit 'Collective Suicide Vol. 2' wird nun nicht nur nostalgisch zurückgewunken, sondern sozusagen noch einmal das Archiv unter Strom gesetzt.

Mit 'Collective Suicide Vol. 2' liegt damit auch kein reguläres neues Studioalbum vor, sondern wie schon angedeutet ein Archiv- und Jubiläumsrelease im Rahmen von 40 Jahren 'Suicide Commando'. Das ist für die Bewertung natürlich entscheidend. Bereits 'Collective Suicide Vol. 1' erschien vor zehn Jahren zum 30-jährigen Bestehen als spezielle Anniversary-Veröffentlichung und zog mit Stücken wie 'Suicide', 'Industrial Underground', 'Come To Me', 'Kevorkian', 'Body Count Proceed', 'Hate Me', 'Until We Die' oder 'My New Christ' eine erste heftige Schneise durch die Bandhistorie. Nun setzt 'Vol. 2' diesen Gedanken fort: nicht als simple Best-Of-Schleife, sondern als zweiter Griff in jene Archivschubladen, in denen rare Fassungen, überarbeitete Versionen, B-Seiten, schwerer greifbares Material und mit 'Control & Consent' sogar auch ein neuer Beitrag lagern. Wer hier also einen kompletten Neustart erwartet, mit offenen Fenstern und Texten über innere Heilung im Spätsommer, hat sich nicht nur im Regal vergriffen, sondern vermutlich gleich im ganzen Sanatorium. Dieser Tonträger ist damit keine Neuerfindung, sondern eine dunkle Inventur. Also eben kein Geburtstagskuchen mit Kerzen, sondern eher ein Maschinenraum mit Jubiläumsplakette.

Musikalisch bewegt sich 'Collective Suicide Vol. 2', na klar, tief im vertrauten Hoheitsgebiet von 'Suicide Commando': Harsh Electro, Aggrotech, EBM und Industrial-Dancefloor, alles schön in Schwarz lackiert und mit Warnaufklebern versehen. Die Bassdrums treten trocken nach vorne, die Sequencer laufen kalt und unerbittlich, Synthlinien sägen sich durch den Raum, während verzerrte Vocals irgendwo zwischen Bunkerlautsprecher, Wutausbruch und Endzeitpredigt hängen. Dazu kommen diese typischen alarmierenden Sounds, düsteren Hooklines und monotonen Druckwellen, die nicht schmeicheln wollen, sondern direkt auf die Tanzfläche zielen. Gerade als Sammlung funktioniert das erstaunlich gut. 'Collective Suicide Vol. 2' lebt nicht davon, neue Türen aufzustoßen, sondern bekannte Räume noch einmal mit frischem Stroboskoplicht auszuleuchten. Der Release zeigt verschiedene Facetten dieses Sounds: mal härter und cluborientierter, mal stärker atmosphärisch verdichtet, mal mit diesem kalten, beinahe klinischen Industrial-Gefühl, das klingt, als hätte jemand die Apokalypse nicht verhindert, sondern sauber im Dienstplan eingetragen. Das ist nicht immer überraschend, aber es ist ganz sicher überaus konsequent. Und Konsequenz war bei 'Suicide Commando' gefühlt schon immer wichtiger als freundliche Gesichtsgymnastik.

Meine persönliche Beziehung zu solchen Veröffentlichungen ist dabei aber durchaus zwiespältig. Einerseits mag ich diesen kompromisslosen Zugriff. Hier wird nicht geflirtet, nicht geschunkelt und ganz sicher nicht dekorativ gedüstert. Diese Musik hat Haltung, Druck und eine klare Handschrift. Man erkennt 'Suicide Commando' nach wenigen Sekunden, und das ist nach vier Jahrzehnten keine Selbstverständlichkeit. Andererseits merkt man natürlich auch, dass 'Collective Suicide Vol. 2' vor allem für Menschen gemacht ist, die längst wissen, worauf sie sich einlassen. Wer mit verzerrten Stimmen, harschen Beats und apokalyptischem Pathos bisher wenig anfangen konnte, wird hier vermutlich nicht bekehrt werden sondern lediglich fachgerecht überfahren. Der Haken daran ist aber: Als Archivrelease ist das Ganze spannend, als Einstieg in die Welt von 'Suicide Commando' aber nur bedingt ideal. Dafür ist der Tonträger zu sehr Ergänzung, Rückblick und Sammlerstück. Dass nun beide 'Collective Suicide'-Veröffentlichungen auch auf Vinyl erhältlich sind und zusätzlich als streng limitierte Fanbox inklusive Fotobuch zu 40 Jahren 'Suicide Commando' erscheinen, unterstreicht diesen Charakter als Liebhaberstück zusätzlich. Man bekommt keinen klassischen roten Faden eines neuen Albums, sondern eher eine Verdichtung der eigenen Geschichte. Das kann sehr reizvoll sein, wenn man die Band kennt und schätzt. Es kann aber auch etwas sperrig wirken, wenn man zum ersten Mal vor dieser Maschine steht und verzweifelt nach dem Knopf für „leicht zugänglich“ sucht. Kleiner Hinweis: Den gibt es vermutlich nicht. Wurde eingespart. Oder nie eingebaut.

Trotzdem wirkt 'Collective Suicide Vol. 2' nicht wie lieblos zusammengekehrtes Restmaterial. Dafür ist die Zusammenstellung zu stimmig und der Sound zu prägnant. Die überarbeiteten Fassungen und raren Beiträge vermitteln eher den Eindruck einer bewusst gesetzten Rückschau. Hier wird nicht nostalgisch verklärt, sondern fein nachgeschärft. Gerade weil nicht einfach nur die offensichtlichen Clubhits aneinandergereiht werden, bekommt der Release seinen eigentlichen Wert: als Blick in Nebenarme, Werkstattversionen und weniger ausgeleuchtete Ecken der eigenen Geschichte. Die Musik bleibt kalt, körperlich und bissig. Wärme gibt es höchstens durch überhitzte Verstärker. Trost spendet dieser Release eher nicht, aber er erinnert ziemlich überzeugend daran, warum 'Suicide Commando' in diesem Genre bis heute ein Name mit Gewicht ist. Unterm Strich bleibt bei mir deshalb ein positives, aber nicht euphorisches Gefühl zurück. 'Collective Suicide Vol. 2' ist kein Meisterwerk, das die Geschichte des Projekts neu schreibt. Es ist aber ein starkes Archivkapitel, das die eigene Vergangenheit nicht in Watte packt, sondern noch einmal mit Strom versorgt. Für Fans, Sammler und Freunde von hartem Electro-Industrial ist das eine lohnende Veröffentlichung. Wer 'Suicide Commando' bereits liebt, bekommt hier genug Futter für die heimische Dunkelkammer und die nächste Tanzflächenattacke. Wer einen bequemen Einstieg sucht, sollte vielleicht zunächst zu einem regulären Album greifen. Und wer bei harschen Beats, verzerrtem Gebrüll und düsterem Dauerbeschuss nervös nach Kräutertee sucht, ist hier vermutlich falsch abgebogen.

'Collective Suicide Vol. 2' ist also kein freundlicher Händedruck, sondern ein kalter Griff ins Genick. Aber manchmal ist genau das der Grund, warum man solche Musik überhaupt hört. In meiner persönlichen Bewertung bleibt ein starker, konsequenter und für Fans absolut lohnender Archivrelease zurück, der nicht alles neu denkt, aber vieles noch einmal mit Nachdruck ins richtige düstere Licht rückt. Kein Pflichtprogramm für jedermann, aber für die passende Zielgruppe eine ziemlich wirkungsvolle Ladung Strom aus dem Kellerarchiv.

Suicide Commando - Collective Suicide Vol. 2
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