A Split-Second - Ballistic Statues

A Split-Second - Ballistic Statues

Manche Platten altern wie Wein. Andere eher wie Käse. 'Ballistic Statues' von 'A Split-Second' altert allerdings eher wie eine alte Industriemaschine die jahrzehntelang im Dunkeln stand und beim Einschalten sofort wieder drohend vor sich her brummt. Kein Rost, keine Müdigkeit, nur dieses unangenehm schöne Gefühl: Das Ding funktioniert immernoch. Und vermutlich sollte man auch nicht zu nah rangehen. Das schon 1987 erschienene erste reguläre Album der belgischen Electronic-Body-Music-Pioniere kehrt in einer erweiterten Reissue von 'Mecanica' zurück und erinnert daran, dass elektronische Musik einmal nicht dafür gedacht war, dekorativ im Hintergrund herumzustehen. Hier geht es natürlich um Rhythmus, Druck, Kälte und eine Tanzfläche, auf der niemand fragt, ob die Lichtstimmung „instagrammable“ ist.

Aber fangen wir mal von vorne an. 'A Split-Second' gehören freilich zu jenen Namen, die in der belgischen Elektronikgeschichte nicht nur als hübsche Randnotiz auftauchen. Hinter dem Projekt standen 'Marc Heyndrickx' und 'Peter Bonne', auch bekannt als 'Chrismar Chayell'. Gegründet wurde 'A Split-Second' 1985 zunächst als Solo-Projekt von 'Marc Heyndrickx' unter dem Namen 'Marc Ickx'; das selbst veröffentlichte Demo-Tape 'Stained Impressions' entstand dann aber bereits mit 'Peter Bonne' als Produzent. Dass 'Peter Bonne' damals auch mit 'Twilight Ritual' im belgischen Wave- und Elektronik-Umfeld unterwegs war, macht die Sache freilich nur noch runder. Diese Band kam also nicht aus dem luftleeren Raum, sondern eher aus einer Szene, in der dunkle Elektronik, Minimal-Synth, Wave, EBM und Clubdruck ohnehin schon gefährlich nah beieinanderstanden.

Dass 'Ballistic Statues' nun wieder verfügbar ist, ist deshalb mehr als nur eine Sammlerangelegenheit für Menschen, die ihre Plattenregale alphabetisch sortieren und bei falsch einsortierten Maxis nervöse Zuckungen bekommen. Diese Wiederveröffentlichung ist keine bloße Nostalgiepackung, sondern eine sinnvolle Rückkehr zu einem Album, das bis heute erklärt, warum belgische Elektronik einen so speziellen Ruf genießt: trocken, düster, direkt und mit einem Hang zur kontrollierten Unfreundlichkeit. Musikalisch klingt 'Ballistic Statues' auch heute noch - ganz klar - erstaunlich wach. Nicht modern im Sinne von glatt, fett produziert oder streamingfreundlich poliert. Aber wach im Sinne von: Die Maschine ist an, die Sicherung hält, und irgendwo flackert eine Neonröhre, die offenbar selbst schon bessere Jahre hatte. Die Beats bleiben trocken, die Sequencer laufen stoisch, die Atmosphäre ist kühl und angespannt. Diese Musik arbeitet nicht mit großen Gesten, sondern mit Druck, Wiederholung und einer konsequenten Verweigerung von Gemütlichkeit.

Gerade das macht ihren Reiz aus. 'A Split-Second' klingen hier nicht wie eine Band, die um Zuneigung bettelt. Sie stellen keine Duftkerze auf, reichen keinen Drink und fragen nicht, ob die Lautstärke angenehm ist. Sie ziehen den Rhythmus an, drücken die Stimmung nach unten und lassen den Körper entscheiden, ob er mitkommt. Und meistens kommt er mit. Vielleicht nicht elegant, vielleicht nicht mit der Grazie eines Tanzschulabschlussballs, aber mit jener ehrlichen Club-Motorik, bei der man irgendwann merkt: Der Fuß macht schon mit, obwohl der Kopf noch überlegt, ob das jetzt gesund ist oder eben nicht. Ich persönlich mag an dieser Musik besonders, dass sie so wunderschön ungeschönt wirkt. Da ist rein gar nichts weichgespült, nichts nachträglich hübsch gerahmt, nichts auf Retro-Charme gebürstet. Natürlich hört man aus welcher Zeit das Material stammt. Aber genau das ist hier für mich kein Problem, sondern eher Teil der Gesamtwirkung. 'Ballistic Statues' trägt eindeutig seine Achtziger-DNA nicht wie ein Kostüm sondern wie eine alte Lederjacke, die schon einiges gesehen hat und vermutlich genug Clubs kennt, die heute längst Eigentumswohnungen sind.

Die 2026er Reissue gewinnt zusätzlich dadurch, dass sie 'Ballistic Statues' nicht isoliert behandelt, sondern die frühe Phase von 'A Split-Second' breiter greifbar macht. Die Ausgabe bringt alle Stücke des ursprünglichen Albums zusammen mit wichtigen Aufnahmen aus derselben Ära. Dazu gehören unter anderem die komplette 1986er Debüt-EP 'A Split-Second', das kultige 'Smell Of Buddha' sowie weiteres Periodenmaterial. Damit bekommt man nicht nur eine wieder verfügbare Platte, sondern einen kleinen Blick in den Maschinenraum einer Szene, in der elektronische Musik noch nicht dauernd erklären musste, ob sie Kunst, Club oder Gefahrgut ist. Auch die Ausstattung spricht klar dafür, dass hier nicht einfach lieblos ein alter Name aus dem Regal gezogen wurde. Die Doppel-LP erscheint in einer limitierten Auflage von 500 Exemplaren, davon 200 auf transparent blauem und 300 auf schwarzem Vinyl. Verpackt ist das Ganze im Gatefold Sleeve, inklusive Reproduktion des originalen Lyric-Inserts, exklusivem Poster und Postkarte. Wer möchte, kann beim Kauf zudem nach einem digitalen Download-Code fragen. Remastered wurde das Material von 'Nicolás Zúñiga', das Layout stammt von 'Stefan Alt', die Bandfotos von 'Inge Bekkers'. Kurz gesagt: Das ist keine traurige Grabbelkisten-Wiederbelebung, sondern eine sauber kuratierte Ausgabe mit Sammlerwert. Nur die USA müssen draußen bleiben, denn ein Versand dorthin ist aktuell nicht möglich. Vielleicht gar nicht so schlecht: Amerika hat schon genug Maschinen, die unkontrolliert Lärm machen.

Wichtig ist dabei: Diese Wiederveröffentlichung funktioniert nicht nur historisch, sondern auch beim Hören. Das ist bei Reissues nicht selbstverständlich. Manche Klassiker sind wichtig, aber ungefähr so unterhaltsam wie eine Pflichtlektüre mit Bassdrum. 'Ballistic Statues' entgeht dieser Falle. Das Album hat noch immer Charakter und diese dunkle, leicht ruppige Energie, die gute EBM und frühen Electro so reizvoll macht. Es klingt nicht wie ein ausgestopftes Museumsstück, sondern wie ein altes Gerät, das man besser nicht unbeaufsichtigt laufen lässt. Persönlich finde ich genau solche Wiederveröffentlichungen recht spannend. Nicht die Sorte „legendäre Rarität“, die vor allem deshalb legendär ist, weil sie damals niemand gekauft hat. Bei 'Ballistic Statues' hört man, warum dieses Material wieder ans Licht gehört. Es ist roh genug, um nicht brav zu wirken, aber strukturiert genug, um nicht im reinen Krach zu landen. Es besitzt Atmosphäre, ohne in endlose Dunkelnebel-Romantik abzurutschen. Und es hat Groove, ohne sich anzubiedern. Das ist eine ziemlich gute Mischung. Nicht bequem, aber wirkungsvoll. Wer elektronische Musik hauptsächlich warm, weich, melodisch und sauber ausgeleuchtet mag, wird hier vermutlich nicht sofort glücklich. 'Ballistic Statues' macht keine Wellness. Es macht Strom. Es ist keine Platte für den entspannten Sonntagnachmittag mit Kräutertee und Kuscheldecke, außer man hat einen sehr speziellen Sonntag und die Nachbarn sind bereits ausgezogen. Diese Musik ist eher für dunkle Räume, schwere Schritte und Menschen, die bei monotonem Druck nicht nervös werden, sondern lächeln. Genau darin liegt die Stärke dieser Reissue. Sie erinnert daran, dass elektronische Musik nicht immer elegant sein muss. Sie darf schroff sein, mechanisch, trocken und unbequem — und trotzdem verdammt lebendig. 'A Split-Second' zeigen auf 'Ballistic Statues', wie viel Kraft in Reduktion stecken kann. Kein Bombast, keine übertriebene Dramatik, kein auf Hochglanz gebügelter Retro-Prospekt. Stattdessen: Rhythmus, Spannung, Kälte, Körper.

'Ballistic Statues' von 'A Split-Second' ist als Reissue eine starke Wiederveröffentlichung, weil sie nicht nur ein wichtiges frühes Werk belgischer EBM-Geschichte wieder verfügbar macht, sondern ihm auch den passenden Rahmen gibt. Das Album klingt nach wie vor kantig, körperlich und herrlich ungemütlich. Es ist kein liebevoll entstaubter Oldtimer für die Vitrine, sondern eher eine alte Maschine, die nach Jahrzehnten wieder anspringt und sofort so tut, als wäre nie etwas gewesen. Geeignet ist diese Veröffentlichung für Hörer, die klassische EBM, belgischen Electro, frühe dunkle Clubmusik, Cold-Wave-Spannung und rohe Maschinenrhythmen mögen. Auch Sammler hochwertiger Wiederveröffentlichungen dürften hier sehr zufrieden nicken, vermutlich mit ernster Miene, aber innerlich leicht hüpfend. Und jetzt nochmal ganz auf den Anfang zurückzukommen: Manche Platten altern wie Wein, manche eher wie Käse. 'Ballistic Statues' ist eher der Fall, bei dem man erstmal skeptisch riecht, dann vorsichtig probiert und schließlich feststellt: Verdammt, das hat einen Reifegrad. Vielleicht nicht für jeden Frühstückstisch geeignet, aber auf der richtigen Tanzfläche eine echte Delikatesse.

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