Die Weisse Rose – The Evenings And Other Songs About Sex, Violence and Nihilism

Die Weisse Rose – The...

'Neofolk' ist für mich immer dann am spannendsten, wenn er nicht nach Genre klingt, sondern nach Entscheidung! Nach der Entscheidung, Schönheit nicht von Schrecken zu trennen. Nach der Entscheidung, Geschichte nicht als Museum zu behandeln. Nach der Entscheidung, Musik nicht bloß zu spielen, sondern sie wie ein Zeichen in den Boden zu ritzen. Und genau dort stehen 'Die Weisse Rose'. Das dänische Projekt von 'Thomas Bøjden', gegründet 2001, gehört zu jenen Namen, die im Schattenreich zwischen 'Neofolk', 'Neo-Classical', Spoken Word, Ritual und dunkler Avantgarde nicht laut auftreten müssen. Es reicht schon, wenn sie einfach nur die Türe öffnen.

Über die Jahre führte dieser Weg in die Nähe von 'Allerseelen', ' :Of The Wand & The Moon:' oder 'Rome' – also durchaus in ein Umfeld in dem Pathos kein Schimpfwort ist und Symbolik nicht als Dekoration missverstanden wird. Mit 'The Evenings And Other Songs About Sex, Violence And Nihilism' kehrt 'Die Weisse Rose' nun nach unglaublichen 17 Jahren seit dem letzten Studioalbum (White Roses In Bloom In Kyiv erschien 2015) zurück und stellt eine unbequeme Frage in den Raum: Was bleibt von Kunst, wenn sie nur betrachtet und nicht gelebt wird? Die Antwort klingt hier nicht freundlich. Aber sie klingt für mich verdammt faszinierend.

Veröffentlicht wurde das Werk im Mai 2026 über 'Steelwork Machine' als LP im Gatefold-Cover mit bedruckter Innenhülle, jeweils limitiert auf 250 Exemplare in schwarzem und pinkem Vinyl. Produziert wurde das Album von 'Luke Tromiczak' und 'Thomas Bøjden', das Mastering übernahmen 'Robert Ferbrache' und ebenfalls 'Luke Tromiczak'. Schon diese Rahmendaten machen klar: Hier geht es nicht um schnelle Verwertung, sondern um ein bewusst gesetztes, sorgfältig gestaltetes Kunstwerk. Man hört dem Album an, dass hier niemand einfach nur Staub von einem alten Namen pusten wollte. Auch die Besetzung unterstreicht diesen Anspruch. 'Thomas Bøjden' verantwortet Stimme, Field Recordings, Elektronik und Texte, 'Cornelius Waldner' von 'Sagittarius' bringt das Piano ein, 'Aloma Ruiz' bekannt von der Zusammenarbeit mit 'Current 93' die Violine. Das klingt auf dem Papier bereits nach einer hochinteressanten Zusammenkunft dunkler Feingeister, und tatsächlich wirkt das Album wie ein sorgfältig gebauter Klangraum, in dem jedes Geräusch, jeder Ton und jedes Wort eine Bedeutung trägt.

Musikalisch bewegt sich das Werk tief im Herzen des 'Neofolk', aber nicht in jener lagerfeuerromantischen Variante, bei der man innerlich schon den Metkrug hebt. Hier knistert kein gemütliches Holzfeuer, hier glühen die letzten Balken einer eingestürzten Kathedrale. 'Die Weisse Rose' arbeiten mit klassischer Instrumentierung, gesprochenen und beschwörenden Stimmen, düsteren Textflächen, Field Recordings und einer Atmosphäre, die gleichermaßen sakral, poetisch, politisch aufgeladen und bedrohlich wirkt. Das Album klingt wie ein Gang durch verlassene Städte, alte Schlachtfelder, kalte Zimmer und innere Ruinen. Wunderschön ist das oft. Bequem eigentlich nie. Aber genau deshalb ist es so faszinierend. Das Piano von 'Cornelius Waldner' bildet dabei eine Art zerbrechliches Rückgrat. Es kann minimalistisch, fast zärtlich wirken, kippt aber immer wieder in eine strengere, härtere Präsenz. Die Violine von 'Aloma Ruiz' legt sich darüber wie ein nervöser Faden aus Schmerz, Eleganz und drohendem Wahnsinn. Mal ist sie klagend, mal schneidend, mal wirkt sie wie der letzte Rest Schönheit in einer Landschaft, die bereits aufgegeben wurde. Dazu kommen Field Recordings und elektronische Schichten, die das Ganze erden und zugleich verunsichern. Man hat nicht das Gefühl, eine sauber ausgeleuchtete Studioproduktion zu hören, sondern ein Dokument: rau, lebendig, verwundet, atmend.

Besonders stark ist die Stimme von 'Thomas Bøjden'. Sie steht nicht im Dienst klassischer Melodien, sondern wirkt wie ein Erzähler, ein Zeuge, manchmal fast wie ein Ankläger. Seine Vortragsweise pendelt zwischen Intimität und Beschwörung. Gerade dadurch entsteht diese eigentümliche Spannung, die gute 'Neofolk'-Alben auszeichnet: Man hört nicht nur Musik, man hört Haltung. Und Haltung ist in diesem Genre ja bekanntlich ungefähr so wichtig wie schwarze Kleidung auf einem Gruftie-Flohmarkt – theoretisch optional, praktisch aber kaum wegzudenken. Der vorab bekannte und über Youtube veröffentlichte Titel 'The Evenings' gibt für alle Neugierigen schon einen sehr guten exemplarischen Einblick in die Textwelt des Albums. Bilder von Winter, offenen Wunden, Gräbern, Särgen, Narben, Zeit und Gewalt verdichten sich zu einer Sprache, die weniger erzählt als beschwört. Das ist düster, ja, aber nicht platt. Es geht nicht um Schockeffekte aus der Halloween-Kiste, sondern um Worte als Ritual. Wenn Dunkelheit, Wunden und die Jahre, die sich in Jahrzehnte verwandeln, aufgerufen werden, klingt das nicht nach Pose, sondern nach einer schonungslosen Bestandsaufnahme. Fröhlich ist anders. Aber wer bei einem Album mit diesem Titel gute Laune erwartet, bestellt vermutlich auch im Folterkeller einen Aperol Spritz.

Und trotzdem: 'The Evenings And Other Songs About Sex, Violence And Nihilism' ist kein rein niederdrückendes Album. Gerade darin liegt meiner Meinung nach seine echte Größe. Unter all der Schwere, unter dem Nihilismus, unter der Gewalt der Bilder und der Kälte der Atmosphäre gibt es immer wieder Momente von Schönheit. Nicht die einfache, freundliche Schönheit einer hübschen Melodie, sondern eine dunkle, ernste Schönheit. Eine Schönheit, die sich nicht anbiedert. Eine Schönheit, die eher sagt: Ja, alles brennt, aber sieh hin – selbst im Rauch gibt es Formen. Für diejenigen die mit 'Neofolk' bisher wenig anfangen können, lässt sich dieses Album vielleicht so erklären: Es ist weniger Rock, weniger Pop, weniger klassische Liedsammlung. Es ist eher ein akustisches Theaterstück, ein poetischer Film ohne Bilder, ein Ritual zwischen Kammermusik und dunkler, politisch aufgeladener Klangkunst. Statt treibender Beats gibt es Spannung. Statt eingängiger Refrains gibt es Atmosphäre. Statt einfacher Antworten gibt es Fragen, die man lieber nicht zu laut stellt, weil sie sonst vielleicht jemand beantwortet.

Mich reizt an diesem Album vor allem, dass 'Die Weisse Rose' nicht so klingen, als hätten sie versucht, ein möglichst breites Publikum zu erreichen. Dieses Album ist keinesfalls glattgebügelt, nicht freundlich verpackt, nicht auf Streaming-Kompatibilität optimiert. Es ist ein Werk für Menschen, die Musik nicht nur konsumieren, sondern betreten wollen. Natürlich ist das nichts für jeden Tag. Wer morgens auf dem Weg zur Arbeit etwas Motivierendes braucht, sollte vielleicht nicht unbedingt mit 'Die Weisse Rose' starten. Es sei denn, man möchte bereits vor acht Uhr innerlich über die Sinnlosigkeit moderner Zivilisation nachdenken, was im Berufsverkehr allerdings erschreckend gut funktioniert. Aber als bewusst gehörtes Album, als dunkles Kunstwerk und als ernsthafte Auseinandersetzung mit einer Welt in Flammen funktioniert 'The Evenings And Other Songs About Sex, Violence And Nihilism' beeindruckend gut.

Nun, im Fazit ist 'The Evenings And Other Songs About Sex, Violence And Nihilism' ein wirklich starkes, intensives und ich finde sogar sehr fesselndes Album für alle, die 'Neofolk' nicht als hübsche Nostalgietapete verstehen, sondern als ernsthafte, poetische und manchmal gefährlich funkelnde Kunstform. Wer eben bekannte Projekte wie 'Current 93', 'Sagittarius', ' The Wand And The Moon:' oder die dunkleren Seiten apokalyptischer Klangkunst schätzt, sollte hier unbedingt hineinhören. Nicht, weil 'Die Weisse Rose' einfach wie diese Namen klingen, sondern weil sie denselben Mut zur Schwere, zur Symbolik und zur kompromisslosen Atmosphäre teilen. Die 12 Tracks verlangen Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf unbequeme Bilder einzulassen. Dafür bekommt man ein Release, das nachhallt, nachbohrt und im besten Sinne neugierig macht.

Die Weisse Rose – The Evenings And Other Songs About Sex, Violence and Nihilism
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