Wenn es um stilvolle Melancholie zwischen Gothic Rock und Cold Wave geht, führt an 'Soror Dolorosa' bei Kennern inzwischen kaum ein Weg vorbei. Die Pariser Band – deren Name sich aus Georges Rodenbachs symbolistischem Roman „Bruges-La-Morte“ ableitet – steht seit Jahren für große Gefühle im schwarzen Gewand. Schwermut, Pathos, kühle Eleganz? Können sie. Und zwar ohne dabei wie eine Karikatur der eigenen Szene zu wirken. Mit dem Album 'Mond' haben sie zuletzt eindrucksvoll gezeigt, wie zeitlos und gleichzeitig modern düstere Musik klingen kann. Wer damals die streng limitierte Artbook-Edition ergattern konnte, bekam noch ein kleines Extra dazu: die Bonus-EP 'Aurora'. Und genau diese EP wird nun endlich auch digital veröffentlicht. Heißt: kein Sammler-Stress mehr, kein neidischer Blick auf Discogs – jetzt dürfen alle mithören.
Was zunächst wie eine nette Dreingabe wirkt, entpuppt sich schnell als echtes Herzstück im Bandkosmos. 'Aurora' versammelt neu aufgenommene Stücke aus der frühen Phase von 'Soror Dolorosa'. Aber hier wurde nicht einfach ein bisschen am Klangregler gedreht und fertig. Mastermind 'Andy Julia' wollte diese „ancient tunes“ bewusst noch einmal ins Licht holen – und zeigen, woher der heutige Sound eigentlich kommt. Und das hört man. Ein pulsierender, maschineller Beat gibt den Songs jetzt ihren Takt. Statt klassischem Schlagzeug dominieren elektronische Rhythmen, die alles kühler, klarer und präziser wirken lassen. Die Stücke stehen auf einem neuen, elektronischen Fundament. Das klingt nicht retro, sondern erstaunlich frisch. Reduzierter, direkter, manchmal fast ein bisschen kosmisch. Als hätte die Band ihre alten Songs genommen, entstaubt – und dann Richtung Sternenhimmel geschickt.
Inspiration fand das Ganze übrigens bei der britischen Künstlerin 'Pamela Colman Smith'. Ihr Werk „Sketch For Glass“ aus dem Jahr 1908 und ihre berühmten Illustrationen für das Rider-Waite-Tarot-Deck lieferten die visuelle Idee. Und das merkt man. Die begleitenden Visualiser-Clips spielen mit Tarot-Symbolik, Licht und Schatten. Die Figur, die an den „Magier“ erinnert und mit ausgebreiteten Armen in den Himmel blickt, wirkt wie ein Sinnbild für das Projekt selbst: offen, mutig, bereit für das Ungewisse.
Musikalisch bleiben 'Soror Dolorosa' natürlich sie selbst. Treibende Basslinien, flirrende Gitarren, dieser markante, leicht verhallte Gesang – kühl und doch voller Emotion. Aber 'Aurora' hat eine besondere Stimmung. Weniger rauer Post-Punk, mehr kontrollierte, fast meditative Kälte. Das Album wirkt geschlossen, ruhig, aus einem Guss. Kein wildes Herumprobieren, kein unnötiges Drama. Stattdessen: Atmosphäre. Und davon jede Menge. Ich persönlich mag genau das sehr. 'Aurora' fühlt sich nicht wie ein Bonus an, sondern wie ein fehlendes Kapitel, das endlich nachgereicht wird. Man versteht besser, wie sich der Sound der Band entwickelt hat. Und gleichzeitig klingt das alles so frisch, dass man fast vergisst, dass die Songs ursprünglich aus einer früheren Phase stammen.
Für wen ist das also etwas? Ganz klar für Fans von Gothic Rock und Cold Wave, die Atmosphäre mehr schätzen als schnelle Hits. Für Menschen, die Musik nicht nur hören, sondern darin eintauchen wollen. Wer allerdings Partystimmung oder charttaugliche Ohrwürmer sucht, wird hier vermutlich nicht glücklich – aber das war auch nie der Plan.
Mein Fazit: 'Aurora' ist eine starke, stimmige Veröffentlichung, die Vergangenheit und Gegenwart elegant verbindet. Düster, aber nicht deprimierend. Nachdenklich, aber nicht schwerfällig. Und ja – ich höre das wirklich gern. Manchmal ist weniger Spektakel eben genau das, was am meisten wirkt.
Soror Dolorosa - Aurora
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