Wenn EBM ein Maschinenraum wäre, dann stehen ‘Kant Kino’ hier nicht daneben und halten einfach Smalltalk – nein, sie drehen selbst an den großen Hebeln. Die ‘End-State Variations EP’ fühlt sich an wie das Hochfahren eines Generators, der nur darauf gewartet hat, wieder unter Volldruck zu laufen. Erst ein leises Surren, dann ein tiefes Brummen – und plötzlich bebt der Raum. Hinter ‘Kant Kino’ stehen Kenneth Fredstie und Lars Henrik Madsen, ein norwegisches Duo, das seit 2008 für kompromisslosen, tanzbaren EBM mit industrieller Schlagseite steht. Keine halben Sachen, keine weichgespülten Kompromisse. Und genau deshalb habe ich mich ehrlich gesagt ziemlich gefreut, als diese digitale EP auf meinem Bildschirm auftauchte.
Im Mittelpunkt steht ein einziger Song: ‘Rodney’. Ja, nur einer. Wer jetzt innerlich „Moment mal… nur einer?“ denkt – korrekt. Aber bevor hier Enttäuschung aufkommt: Dieser eine Track wird auf dieser EP einmal komplett durch den industriellen Fleischwolf gedreht. Die Grundversion von ‘Rodney’ ist ein schneller, roher EBM-Brecher mit einem Rhythmus, der so stoisch nach vorne marschiert, dass man automatisch gerader steht. Der Beat wirkt fast militärisch präzise – irgendwo zwischen ‘Front 242’-DNA und der kompromisslosen Direktheit von ‘Suicide Commando’. Kein Warm-up. Kein Kuscheln. Der Track ist sofort da und sagt: „Wir tanzen jetzt. Diskussion beendet.“ Und dann beginnt das Variations-Spiel. Mal wird das Ding noch dreckiger, als hätte man es durch eine zusätzliche Schicht Industrieschmutz gezogen. Mehr Kanten, mehr Reibung, weniger Politur. Das sind die Versionen, bei denen man im Club automatisch ein bisschen ernster schaut – einfach, weil der Sound es verlangt. Dann wieder wird das Ganze reduziert. Minimalistischer. Kühler. Fast schon nüchtern. Und plötzlich merkt man: ‘Rodney’ funktioniert auch ohne Dauer-Druck. Das Grundgerüst ist so stabil, dass man ihm sogar Elemente wegnehmen kann, ohne dass es zusammenfällt. Das ist wie ein gutes Stahlgerüst – selbst ohne Verkleidung noch beeindruckend.
Besonders spannend wird es, wenn sich die Dynamik stärker entwickelt. Der ‘Rodney (Mode Phaser Remix)’ zum Beispiel beginnt vergleichsweise ruhig. Man denkt kurz: „Okay, entspannt.“ Und dann baut sich das Teil auf wie ein herannahendes Gewitter. Elektronischer, eingängiger, fast hymnisch – bevor es sich aggressiv entlädt. Dieser Spannungsbogen hat für mich fast schon etwas Dramatisches, stellenweise fühlte ich mich an ‘Klangstabil’ erinnert. Und ich gebe es zu: Das ist mein persönlicher Liebling hier. Da erwische ich mich dabei, wie ich im Büro mit dem Fuß mitwippe, obwohl ich eigentlich seriös wirken sollte. Andere Versionen setzen dagegen voll auf Geradeaus-Strategie. Kein Aufbau, kein großes Drama – einfach Druck. Das ist EBM nach dem Motto: Warum Kurven fahren, wenn es auch geradeaus geht? Funktioniert hervorragend auf der Tanzfläche. Im Wohnzimmer kann es passieren, dass man plötzlich ein paar Möbel verrückt. Und dann gibt es noch die aggressiveren Interpretationen, die klar Richtung ‘Suicide Commando’ schielen. Härter, bissiger, kompromisslos. Das sind die Momente, in denen ‘Rodney’ seine Zähne zeigt.
Was mich wirklich begeistert: Man bekommt hier keine beliebige Remix-Sammlung. Jede Version beleuchtet einen anderen Aspekt – Härte, Minimalismus, Monumentalität, Hymnik. Und trotzdem bleibt immer klar: Das ist ‘Kant Kino’. Diese kühle Präzision, dieser Fokus auf Rhythmus und Druck – das zieht sich konsequent durch alles. Natürlich bleibt die kleine Einschränkung: Es ist eben nur ‘Rodney’. So gut ich das alles finde, so euphorisch ich besonders beim ‘Mode Phaser Remix’ werde – ein zusätzlicher neuer Track hätte meine Begeisterung endgültig explodieren lassen. Hier bekommt man Variationen eines Zustands, keine zweite Idee. Aber fairerweise: Genau das steht ja auch im Titel.
Die ‘End-State Variations EP’ ist ein starkes, selbstbewusstes Lebenszeichen von ‘Kant Kino’. Wer EBM liebt, der nach ‘Front 242’, ‘Suicide Commando’ oder ‘Klangstabil’ klingt, wird höchstwahrscheinlich glücklich werden. Wer Druck braucht, bekommt Druck. Ja, es ist nur ein Song. Aber die EP heißt schließlich nicht umsonst ‘Rodney – End-State Variations’. Sie macht genau das, was sie verspricht: einen Zustand durchdeklinieren, bis jede Schraube sitzt. Mein persönliches Fazit? Ich hatte richtig Spaß. Diese Energie, diese Konsequenz, dieses leicht provokante „Wir brauchen keine zehn Tracks, einer reicht“ gefällt mir. Und wenn ich nach dem letzten Remix denke: „Schade, schon vorbei?“ – dann haben Kenneth Fredstie und Lars Henrik Madsen ziemlich viel richtig gemacht.
Kant Kino - Rodney – End-State Variations
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