Es gibt Alben, die man heute aus nostalgischer Milde hört. Und es gibt „Blut“. Am 16. Februar 2006 veröffentlichten wir unseren Review zur Neuauflage dieses Albums. In wenigen Tagen wird dieser Text zur Neuauflage auch schon wieder zwanzig Jahre alt. Oh weh! Damals schrieben wir von einem „besitzergreifenden Monster“. Heute würde ich sagen: Das Monster ist nicht zahmer geworden – wir sind nur älter.
Wer ‘Haus Arafna’ nicht kennt, sollte sich von Anfang an auf eines einstellen: Das hier ist kein Industrial für die Tanzfläche und kein Dark-Electro für Playlist-Hopper. Hinter dem Projekt stehen Mr. und Mrs. Arafna, die mit ihrem Label Galakthorrö über Jahrzehnte hinweg ein eigenes ästhetisches Paralleluniversum aufgebaut haben. Keine Interviews im Überfluss, keine Trendanpassungen, keine kalkulierte Szene-Strategie. Stattdessen Reduktion, Kontrolle, analoge Härte. Während andere Acts Industrial als Soundeffekt benutzen, behandeln ‘Haus Arafna’ ihn wie eine Haltung.
„Blut“ erschien ursprünglich nämlich schon im Jahr 1995 in einer Auflage von gerade einmal 884 Exemplaren. Wer damals leer ausging, durfte später auf dem Sammlermarkt tief durchatmen – oder tief ins Portemonnaie greifen. Die 2006er Neuauflage war daher irgendwie für viele mehr als nur ein Re-Release. Sie war eine kleine Rehabilitierung für alle, die Musik hören wollten und nicht nur Verpackungen sammeln. Remastered, ergänzt um die drei Stücke der „Nachblutung“, blieb das Werk dennoch kompromisslos. Und genau das macht es auch 2026 noch so interessant. Viele Produktionen der 90er klingen heute nämlich nach Zeitdokument. „Blut“ klingt nach Eigenständigkeit. Die Tracks sind immernoch minimalistisch, aber nie leer. Mechanisch, aber nicht stumpf. „Anämia“ wirkt wie ein kaltes Glaubensbekenntnis, während „Signed With Blood“ fast schon eingängig erscheint – zumindest im Arafna-Kosmos. Die Stimme ist natürlich kein klassischer Gesang, sondern Teil der Klangarchitektur. Wer hier Refrains erwartet, der wartet lange.
Was wir 2006 vielleicht noch stärker als Provokation verstanden haben, liest sich heute eher wie Konsequenz. In einer Gegenwart, in der selbst düstere Musik oft glatt produziert und algorithmisch verwertbar ist, steht „Blut“ wie ein unbeweglicher Monolith. Es ist nicht freundlich. Es will dich nicht abholen. Es zwingt Dich, Stellung zu beziehen. Und genau deshalb lohnt sich hier der Blick zurück in unserem alten Review. Wie viel von der damaligen Begeisterung war Szene-Euphorie? Wie viel war echte Weitsicht? Erstaunlich vieles hat Bestand. Vielleicht, weil ‘Haus Arafna’ auch nie versucht haben, zeitgemäß zu sein. Sie waren immer nur sie selbst. Da passt die Aussage: Manche Alben altern. Manche Alben bleiben. „Blut“ gehört zur zweiten Sorte – und fühlt sich im Jahr 2026 fast unbequemer an als damals.
Industrial-Zeitreise: ‘Blut’ von ‘Haus Arafna’ im Rückblick 2026
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