Ithaca, New York, ist kein Ort, an dem man Weltuntergangsmusik erwarten würde. Eher Wasserfälle, Universitätsluft, lange Gedanken und das Gefühl, dass Nachdenken hier noch etwas zählt. Genau von dort kommt ‚Seeming‘ – und vielleicht erklärt das mehr über ‚The World‘, als jede Genrebezeichnung es könnte. Dieses Album klingt nicht nach hastiger Reaktion, sondern nach konzentrierter Beobachtung. Nach jemandem, der lange hingeschaut hat und sich nun weigert, so zu tun, als wäre alles halb so schlimm.
‚The World‘ ist das vierte Album von ‚Seeming‘ – und es fühlt sich an wie ihr bislang klarstes Statement. Keine Spielereien, kein Zurücklehnen, kein ironischer Sicherheitsabstand. Stattdessen: große Themen, große Emotionen und eine Musik, die genau weiß, was sie sagen will. Musikalisch bewegt sich das Album im Kern zwischen Darkwave, Industrial und Post-Goth, erweitert um orchestrale Elemente und ein ausgeprägtes Gespür für Melodie. Schon klanglich macht ‚The World‘ klar, dass hier mehr passiert als klassische Szene-Formeln. Bläser und Streicher sind keine Zierde, sondern tragen die Songs aktiv. Die Drums sind wuchtig, oft treibend, manchmal fast marschartig, ohne je plump zu wirken. Synthesizer schichten sich dicht übereinander, mal kühl, mal warm, mal bedrohlich.
Was mir besonders gefällt: Trotz aller Größe bleibt alles gut hörbar. ‚The World‘ will nicht erschlagen. Die Arrangements sind klar, die Songs haben Struktur, und immer wieder tauchen starke Melodien auf, die sich festsetzen. Das Album ist zugänglich, ohne harmlos zu sein – und genau darin liegt seine Stärke. Inhaltlich geht es um eine Welt im Ausnahmezustand. Um Macht, Angst, Verlust, Identität, Liebe und Widerstand. Die Haltung ist deutlich antifaschistisch, aber nie als platte Ansage formuliert. ‚Seeming‘ erklären nichts von oben herab. Sie stellen Fragen, manchmal unbequeme, und lassen dem Hörer Raum, selbst damit umzugehen. Es geht nicht darum, der Realität zu entkommen, sondern darum, sich in ihr zu positionieren.
Alex Reeds Stimme steht dabei klar im Mittelpunkt. Sein Gesang ist präsent, oft sehr direkt, manchmal bewusst theatralisch. Das ist sicher nicht für jeden gemacht. Wer Musik nur ironisch genießen kann oder bei ernsthaften Texten schnell die Augen verdreht, wird hier Probleme bekommen. Für mich funktioniert genau das aber erstaunlich gut. Diese Aufrichtigkeit wirkt nicht peinlich, sondern konsequent. Man glaubt ihm jedes Wort – und das ist heute fast schon ungewöhnlich. Trotz der Schwere ist ‚The World‘ kein hoffnungsloses Album. Immer wieder gibt es ruhige, tröstliche Momente. Augenblicke, in denen Nähe, Verbundenheit und das einfache „Da-Sein“ eine Rolle spielen. Keine einfachen Lösungen, keine falsche Hoffnung – eher das Gefühl, dass es sich trotzdem lohnt, nicht abzustumpfen.
Was ‚The World‘ für mich so stark macht, ist seine Konsequenz. ‚Seeming‘ ziehen ihre Gedanken und Gefühle nicht zurück, nur weil sie unbequem sein könnten. Stattdessen entstehen Songs, die politische Schärfe mit echter Nähe verbinden. Das Ergebnis ist kein leichtes Album, aber eines, das lange nachwirkt – gerade weil es nicht versucht, irgendwem zu gefallen.
Seeming - The World
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