Karnivool - In Verses

Karnivool - In Verses

Dreizehn Jahre Wartezeit sind selbst für progressive Rock- und Metal-Verhältnisse eine Ansage. In dieser Zeit lösen sich Bands auf, erfinden sich neu oder werden zur eigenen Tribute-Show. Mit ‚In Verses‘ melden sich die Australier von ‚Karnivool‘ nun zurück – nicht mit großem Comeback-Getöse, sondern mit einem Album, das bewusst auf leise Selbstsicherheit setzt. Kein „Jetzt zeigen wir’s euch allen“, kein aufgesetzter Neustart. Eher ein ruhiges, aber bestimmtes Signal: Wir sind noch da – und wir wissen sehr genau, warum.

‚Karnivool‘ waren nie eine Band für den schnellen Konsum. Ihre Alben verlangten meiner Meinung nach schon immer Zeit, Aufmerksamkeit und ein bisschen geistige Mitarbeit. Wer diese Musik nur nebenbei hört, während Mails geschrieben oder die Küche aufgeräumt wird, verpasst Entscheidendes. Dass auch ‚In Verses‘ genau diese Haltung einfordert, überrascht nicht – aber es beeindruckt, wie selbstverständlich sich die Band dabei zwischen Vertrautheit und Weiterentwicklung bewegt. Man hört sofort, mit wem man es zu tun hat, ohne das Gefühl zu bekommen, eine routinierte Pflichtübung serviert zu bekommen.

Musikalisch lebt ‚In Verses‘ von einem spannenden Spagat zwischen Komplexität und bewusster Reduktion. Progressive Rock und Progressive Metal im besten Sinne: polyrhythmische Figuren, verschobene Takte und Gitarren, die sich eher umkreisen als frontal angreifen, sind klar vorhanden. Doch all das wirkt nie wie Selbstzweck oder technische Demonstration. Prog wird hier nicht ausgestellt, sondern gezielt eingesetzt. Was mir persönlich besonders gefällt: Dieses Album will nicht beeindrucken, es will wirken. Statt permanentem Druckaufbau gibt es viele schleichende Entwicklungen. Songs entfalten sich langsam, bauen Spannung auf, lassen sie wieder los – manchmal genau dann, wenn man eigentlich mit der großen Explosion rechnet. Das ist mutig und widerspricht jeder Spotify-Logik und jedem „Hook in den ersten 30 Sekunden“-Denken.

Im Zentrum steht dabei ganz klar ‚Ian Kenny‘. Seine Stimme wirkt präsenter, direkter, teilweise auch verletzlicher als früher – für mich ein klarer Pluspunkt. Während Gitarren und Drums oft bewusst gegenläufig arbeiten, gibt der Gesang den Stücken Halt und Richtung. Kenny folgt den komplexen Strukturen nicht blind, sondern führt sie, fast so, als würde er sagen: Kommt schon, wir wissen alle, wo’s hingehen soll. Im Vergleich zum Vorgängeralbum ‚Asymmetry‘ klingt ‚In Verses‘ weniger kantig, weniger mechanisch. Die Härte ist gezielter dosiert, die Ausbrüche sind seltener – und gerade dadurch wirkungsvoller. Wer durchgehend metallische Eskalation erwartet, könnte enttäuscht sein. Ich persönlich empfinde das Gegenteil: Diese Zurückhaltung macht das Album erwachsener, fokussierter und auf lange Sicht spannender.

Thematisch kreist ‚In Verses‘ um innere Unruhe, Überforderung, Eskapismus und die Suche nach Orientierung. Das Schöne daran: Man muss kein Textblatt studieren, um das zu fühlen. Die Musik transportiert diese Stimmung auch ohne Worte. Genau darin liegt für mich eine der größten Stärken des Albums – es funktioniert emotional, verbal wie nonverbal. Natürlich hat das Ganze auch seine Längen. Mit über einer Stunde Spielzeit fordert das Album Konzentration, und nicht jede Passage hält das Spannungslevel konstant hoch. Aber ehrlich gesagt: Diese kleinen Durchhänger nehme ich lieber in Kauf, als ein Album zu hören, das sich künstlich auf 40 Minuten zusammenkürzt.

‚In Verses‘ ist kein lautes Statement, kein nostalgischer Rückblick und kein technischer Schwanzvergleich. Es ist ein durchdachtes, reifes Album einer Band, die nichts mehr beweisen muss – und genau deshalb so überzeugend wirkt. Geeignet ist dieses Release für alle, die Progressive Rock und Progressive Metal mögen, der atmet, sich Zeit nimmt und emotional greift. Weniger geeignet ist es für Hörer*innen, die sofortige Hooks, maximale Härte oder Dauer-Action erwarten. Für mich ist ‚In Verses‘ kein Album, das einen umhaut – sondern eines, das bleibt. Und manchmal ist genau das die größere Kunst.

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