Stellen wir uns die Entstehung von 'Escape.' einmal so vor: 'Claudio Dondo' und 'Regen Graves' werfen einige analoge Synthesizer, drei Kisten Kabel und eine vermutlich nicht ganz legale VHS-Kassette in ein betagtes Wohnmobil und fahren los. Das Ziel ist unbekannt, die Landkarte stammt von 1983 und aus dem Autoradio dringt plötzlich eine italienische Stimme, obwohl das Gerät seit Jahren nicht mehr funktioniert. Irgendwann endet die Straße auf einer verwilderten Wiese, der Motor verstummt – und die Aufnahmen beginnen. So könnte es zumindest gewesen sein. Das Artwork von 'Escape.' liefert jedenfalls die passende Kulisse für eine Reise zwischen elektronischer Nostalgie, kosmischer Einsamkeit und latentem Unbehagen.
Tatsächlich ist 'Escape.' nach 'Falsche Fragen' von 2023 bereits das zweite gemeinsame Album von 'Runes Order' und 'Regen Graves'. Hinter 'Runes Order' steht 'Claudio Dondo', der das Projekt 1988 zunächst unter dem Namen 'Order 1968' gründete und seit 1992 als 'Runes Order' weiterführt. 'Regen Graves', unter anderem durch die Horror-Doom-Formation 'Abysmal Grief' bekannt, passt als Reisebegleiter ausgezeichnet dazu. Das am 17. Juli 2026 über 'Dark Vinyl Records' veröffentlichte Album umfasst 13 Stücke und ist digital sowie als auf 300 Exemplare limitiertes CD-Eco-Digifile erhältlich.
Musikalisch beginnt die Fahrt zunächst beinahe harmlos: mit verspielter Elektronik, die noch einen gewissen Retrocharme versprüht. Doch schon bald kühlen dunkle Synthesizer und italienische Sprachpassagen die Stimmung merklich ab. Die Musik bleibt zunächst ruhig, spärlich und abwartend. Wenige Klänge stehen frei im Raum, während tiefe Flächen und zurückhaltende Sequenzen langsam Druck aufbauen. Verstehen kann ich von den italienischen Stimmen zwar nichts, aber möglicherweise ist das sogar besser so. Besonders beruhigend klingt jedenfalls niemand.
'Runes Order & Regen Graves' belassen es jedoch nicht bei finsteren Ambientflächen. Immer wieder ziehen helle, schnelle Synthesizertöne das Tempo deutlich an, rhythmische Sequenzen schieben nach vorne und aus dem vermeintlichen Soundtrack wird plötzlich ein fetter Electro-Entwurf mit Techno-Anklängen und Industrial-Elementen. Genau in solchen Momenten überzeugt mich 'Escape.' am stärksten. Die Musik ist dann nicht nur atmosphärisch, sondern körperlich spürbar: Die Beats drücken von unten, während die Elektronik nervös darüber flackert und Sprachfetzen wie Funksprüche aus einem Kontrollraum wirken, in dem längst niemand mehr die Kontrolle besitzt.
Daneben stehen vollständig instrumentale Passagen, die über mehrere Minuten konsequent düster, bedrückend und beinahe bewegungslos bleiben. Andere Abschnitte entwickeln sich zu hypnotischen Klangteppichen, bei denen sich einzelne Schichten nur langsam gegeneinander verschieben. Das wirkt weniger wie eine Sammlung klassischer Lieder als wie eine Abfolge elektronischer Räume. Manche sind eng und klaustrophobisch, andere öffnen sich in eine kosmische Leere. Der gemeinsame Nenner bleibt eine unterschwellige Bedrohung, die nie vollständig verschwindet. Die Nähe zu italienischen Horror-Soundtracks und Künstlern wie 'Fabio Frizzi', 'Claudio Simonetti' oder 'Goblin' ist meiner Meinung nach deutlich hörbar. Trotzdem lebt 'Escape.' nicht allein von nostalgischer Atmosphäre. Die Elektronik besitzt eine beachtliche Bandbreite: Mal pulsiert sie minimal und sparsam, mal kommen dunkle Stimmen hinzu, dann wieder schieben treibende Rhythmen das Album in eine Richtung, die mich stellenweise an ältere Veröffentlichungen von 'Wumpscut' erinnert. Besonders die härteren Abschnitte verbinden monotone Beats, kalte Flächen und industrielle Elemente zu einem wuchtigen, angenehm unfreundlichen Gesamtbild.
Auffällig ist, wie geschickt das Album sein Tempo variiert. Auf drängende Electro-Passagen folgen langsamere, abwartende Momente, in denen sogar Orgelklänge auftauchen und der Musik einen beinahe sakralen Unterton verleihen. Später kehren kompakte Rhythmen und drückende Industrial-Strukturen zurück. Dadurch entsteht ein Wechsel aus Bewegung und Stillstand, Anspannung und kurzer Entlastung. Die Musik bleibt fast durchgehend dunkel, greift dafür aber nicht ständig auf dieselben Mittel zurück. Die italienischen Sprachpassagen, Samples und deklamatorischen Stimmen bilden einen wichtigen Bestandteil des Klangbildes. Sie wirken nicht wie nachträglich aufgelegte Dekoration, sondern greifen unmittelbar in Rhythmus und Atmosphäre ein. Wenn die Stimme stärker in den Vordergrund rückt, entwickelt sich daraus ein reduzierter italienischer Sprechgesang, der ausgezeichnet zur minimalistischen Elektronik passt. Das ist fein dosiert und deutlich spannender, als wenn das Duo versucht hätte, seine Klanglandschaften mit gewöhnlichen Refrains auszustatten. Zu den beteiligten Gästen gehören neben 'Argento', der mit Spoken Word und deklamatorischen Stimmen vertreten ist, auch 'Laura Agerli', 'Labes C. Necrothytus' und 'Beth P'. 'Alessandro Casoni' ergänzt die elektronische Dunkelheit. Diese Beiträge sorgen für zusätzliche Klangfarben und verhindern, dass die 56 Minuten zu einem einzigen schwarzen Synthesizernebel verschmelzen.
Nicht jede Passage erreicht allerdings dieselbe Wirkung. Gegen Ende leistet sich das Album einen elektronischen Abschnitt, den ich eher als Lückenfüller empfinde. Die Sounds passen zwar zum Gesamtbild, entwickeln aber weder den hypnotischen Sog der ruhigeren Momente noch den Druck der treibenden Electro-Passagen. Insgesamt kommt das jedoch selten vor. Meist gelingt es 'Runes Order & Regen Graves', selbst mit reduzierten Mitteln eine bedrückende Spannung zu erzeugen. Das Album muss nicht ständig eskalieren, weil bereits seine langsamen, dunklen Flächen genügend Unruhe verbreiten. Das Artwork fasst diese Wirkung wirklich ausgezeichnet zusammen. Das alte Wohnmobil steht hier nicht für Urlaub, Freiheit und Frühstück vor dem Gardasee. Es wirkt wie ein Fluchtfahrzeug, das sein Ziel niemals erreicht hat. Die blassen Farben, das verwilderte Gelände und das kahle Geäst vermitteln Abgeschiedenheit und Verfall. Auch der Titel 'Escape.' klingt dazu weniger wie ein Versprechen als wie eine Aufforderung, die bedauerlicherweise ein paar Minuten zu spät kommt.
Mit 'Escape.' gelingt 'Runes Order & Regen Graves' ein abwechslungsreiches Album zwischen Dark Ambient, Berliner Schule, Electro, Industrial, Techno-Anklängen und italienischer Horrorfilmästhetik. Besonders stark ist es, wenn schnelle, helle Sequenzen auf wuchtige Beats und dunkle Synthesizer treffen oder italienische Stimmen durch die spärliche Elektronik geistern. Die ruhigeren Klangteppiche erzeugen wiederum eine hypnotische und bedrückende Atmosphäre, ohne vollständig in bewegungslosem Ambient zu versinken. Wer analoge Elektronik, ältere 'Wumpscut', düstere Soundtracks und Musik mag, die eher Szenen als klassische Songs erschafft, sollte hier einsteigen. Wer eingängige Refrains, freundliche Melodien oder drei Akkorde für das emotionale Sicherheitsgefühl benötigt, dürfte unterwegs verloren gehen. Mich überzeugt 'Escape.' vor allem durch den Wechsel zwischen bedrückender Ruhe und überraschend druckvollen Electro-Passagen. Und das Wohnmobil? Das steht vermutlich noch immer dort. Der Motor ist kalt, die Tür offen – aber aus dem Inneren dringen weiterhin italienische Stimmen.
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