Endzustand - Macht Gesellschaft

Endzustand - Macht Gesellschaft

Gesellschaftskritik und EBM waren schon immer ein ziemlich eingespieltes Doppel. Man nehme einen stoischen Basslauf, einen marschierenden Beat und jemanden, der Begriffe wie Macht, Kontrolle oder Kapital mit Nachdruck in den Raum stellt – fertig ist die musikalische Grundversorgung für einen eher ungemütlichen Abend. Auch 'Endzustand' gehen auf ihrem zweiten Album 'Macht Gesellschaft' ohne Samthandschuhe ans Werk. Die entscheidende Frage lautet allerdings: Reicht die Energie aus, um dieses Konzept über ein komplettes Album hinweg spannend zu halten? 

Hinter 'Endzustand' steht 'Ralf Rönckendorf', dessen persönliche Geschichte eng mit der Entwicklung des Projekts verbunden ist. Erste Kompositionen erschienen bereits 2009 auf einer Underground-EBM-Compilation. Beim Karfreitagsgefecht am 2. April 2010 in Afghanistan verlor 'Rönckendorf' drei Kameraden, wurde selbst schwer verletzt und erblindete. In den folgenden Jahren verarbeitete er seine Erlebnisse in autobiografischen Texten und richtete das bereits zuvor begonnene Projekt unter völlig veränderten Bedingungen neu aus. Daraus entwickelte sich schließlich das 2020 veröffentlichte Debüt 'Werk Des Krieges', gefolgt von der EP 'Roter Freitag'. Musik war dabei weit mehr als bloßer Zeitvertreib: Sie wurde zum Ausdrucksmittel für Erfahrungen, die sich mit gewöhnlichen Worten kaum greifen lassen. Seit Juli 2023 gehört Schlagzeuger 'Rudi' fest zu 'Endzustand'. Er bringt sich als Impulsgeber, kritischer Begleiter und mit Backing Vocals ein. Aus dem ursprünglichen Soloprojekt ist damit ein Duo geworden. Gleichzeitig verschiebt sich auf 'Macht Gesellschaft' die Perspektive: Statt erneut das eigene Schicksal in den Mittelpunkt zu stellen, nehmen 'Endzustand' nun Digitalisierung, Manipulation, soziale Ungleichheit, mediale Dauerbeschallung und gesellschaftlichen Stillstand ins Visier. Das Album erscheint am 11. September 2026 über 'Echozone' und wurde von 'Achim Dressler' im 'Wellencocktail Tonstudio' gemischt und gemastert.

Musikalisch beginnt 'Macht Gesellschaft' mit einer dunklen, beinahe filmischen Atmosphäre. Spärliche elektronische Geräusche und bedrohliche Flächen vermitteln das Gefühl, als würde man nachts durch eine verlassene Fabrikhalle laufen und plötzlich feststellen, dass irgendwo doch noch eine Maschine arbeitet. Dieser Einstieg funktioniert ausgesprochen gut: reduziert, unheimlich und neugierig machend. Danach zeigt das Album allerdings sehr schnell, worauf es hinauswill. Trockene Rhythmen, rohe Sequenzen, kantige elektronische Klänge und sparsam gesetzte Samples bilden das Fundament. 'Endzustand' orientieren sich an klassisch geprägter, minimalistischer EBM und verzichten weitgehend auf dekorativen Zierrat. Die Beats besitzen körperlichen Druck, die Sequenzen schieben ordentlich nach vorne und die Produktion klingt bewusst rau, direkt und wenig geschönt. Das passt grundsätzlich hervorragend zu den behandelten Themen und dürfte vor allem auf der Bühne zuverlässig funktionieren.

Auch der Gesang folgt diesem kompromisslosen Ansatz. 'Ralf Rönckendorf' singt nur selten im klassischen Sinne, sondern trägt die Texte überwiegend mit rauer, beinahe herausgeschriener Stimme vor. Dabei wird er nicht hinter einem dicken Verzerrer versteckt. Die Stimme bleibt unmittelbar und menschlich, gelegentlich von Hall umgeben, aber stets sehr präsent. Das verleiht dem Album Glaubwürdigkeit und eine spürbare Dringlichkeit. Man nimmt 'Endzustand' jederzeit ab, dass diese Aussagen ernst gemeint sind. Nur muss man diese Art des Vortrags eben mögen. Mir persönlich fiel es mit zunehmender Spielzeit immer schwerer, einen Zugang dazu zu finden. Nicht weil EBM plötzlich höflich und wohlerzogen klingen müsste – das wäre ungefähr so überzeugend wie ein Presslufthammer mit Flüsterfunktion. Das eigentliche Problem liegt in der fast konstanten Intensität. Wenn nahezu jede Zeile mit maximalem Nachdruck vorgetragen wird, fehlt irgendwann die Möglichkeit zur Steigerung. Der Angriff wird zum Normalzustand und verliert dadurch einen Teil seiner Wirkung. Ähnlich verhält es sich mit den Arrangements. Die Rhythmen treiben zuverlässig, die Sequenzen erfüllen ihren Zweck und die rohe Energie bleibt über weite Strecken erhalten. Viele Stücke liegen jedoch bei Tempo, Aufbau und Klanggestaltung sehr nah beieinander. Nach einer Weile entsteht das Gefühl, dieselbe musikalische Grundkonstruktion werde lediglich mit einem neuen gesellschaftlichen Problem beschriftet. Etwas mehr Dynamik, überraschende Tempowechsel oder stärker voneinander abgegrenzte Klangfarben hätten dem Album gutgetan.

Dass 'Endzustand' durchaus anders können, zeigen die ruhigeren und atmosphärischeren Passagen. Sobald die Beats etwas zurückgenommen werden, dunklere Flächen mehr Raum erhalten und auch der Gesang nicht mehr permanent auf maximale Konfrontation setzt, gewinnt die Musik sofort an Tiefe. Diese Momente sind zwar keine überwältigenden Höhepunkte, gehören für mich aber zu den interessantesten Abschnitten des Albums. Hier entsteht Spannung nicht allein durch Lautstärke und Druck, sondern durch Atmosphäre. Davon hätte 'Macht Gesellschaft' gerne mehr besitzen dürfen. Auch die Texte hinterlassen einen zwiespältigen Eindruck. Ihre Themen sind aktuell, nachvollziehbar und grundsätzlich passend für EBM. 'Endzustand' formulieren bewusst knapp, direkt und gelegentlich sarkastisch. Niemand muss lange rätseln, worum es geht oder auf welcher Seite das Duo steht. Das ist eine Stärke, führt aber zugleich zu einer gewissen sprachlichen Schlichtheit. Viele Aussagen bleiben auf der Ebene bekannter Schlagworte und eindeutig formulierter Parolen. Mir fehlt stellenweise jener zusätzliche Gedanke, der hinter der offensichtlichen Kritik noch eine zweite Ebene öffnet. Ein guter Befehlston gehört zur EBM schließlich dazu – ein wenig sprachlicher Tiefgang wäre trotzdem kein Verrat am Genre.

Klanglich besitzt 'Macht Gesellschaft' ordentlich Druck, wirkt aber noch nicht in allen Bereichen vollständig ausgereift. Vor allem die sehr weit vorne platzierten Vocals verschmelzen nicht immer selbstverständlich mit der Musik. Gelegentlich stehen sie eher vor den elektronischen Klangflächen, statt wirklich ein Teil von ihnen zu werden. Mehr Feinarbeit bei der Einbindung der Stimme und der räumlichen Tiefenstaffelung hätte dem Album einen geschlosseneren und professionelleren Gesamteindruck verleihen können. Trotzdem sollte man 'Macht Gesellschaft' seine Ehrlichkeit nicht absprechen. 'Endzustand' betreiben Gesellschaftskritik nicht als modisches Zubehör, sondern mit erkennbarer Überzeugung. Die Haltung stimmt, die Energie ist vorhanden und die rohe Direktheit wird zweifellos ihre Anhänger finden. Gerade auf der Bühne könnten die stampfenden Beats und der konfrontative Vortrag noch unmittelbarer zünden als über die gesamte Albumdistanz im heimischen Wohnzimmer.

Unterm Strich ist 'Macht Gesellschaft' ein engagiertes und kämpferisches EBM-Album, zu dem ich persönlich dennoch keinen richtigen Zugang gefunden habe. Dafür ähneln sich die Arrangements zu stark, der überwiegend herausgeschriene Gesang nutzt sich zu schnell ab und die Texte bleiben mir häufig zu offensichtlich. Wer rohe, minimalistische EBM, direkte Botschaften und einen bewusst ungeschliffenen Klang bevorzugt, sollte 'Endzustand' trotzdem eine Chance geben. Wer melodische Abwechslung, ausgefeilte Arrangements, stimmliche Variabilität oder sprachlichen Tiefgang erwartet, dürfte dagegen ähnlich ratlos zurückbleiben wie ich. 'Macht Gesellschaft' besitzt Haltung und ehrliche Energie – zeigt aber zugleich, dass 'Endzustand' musikalisch noch reichlich Luft nach oben haben.

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