Auf 'Wehmut' verlegen 'Rue Oberkampf' die Dunkelheit von der Tanzfläche in den Wald. Der Nebel kommt dort immerhin ohne Strom aus. Für das Münchner Duo bedeutet dieser Ortswechsel allerdings auch eine musikalische Neuorientierung: 'Julia De Jouy' und 'Oliver Maier' nehmen die Energie ihrer elektronischen Musik deutlich zurück und widmen sich durchgehend ruhigeren Stimmungen. Eine nachvollziehbare Entscheidung, die reizvolle Ergebnisse liefert – mich über die gesamte Veröffentlichung aber weniger fesselt als andere Arbeiten der Band.

Der Bayerische Wald und der Goldsteig gehören ebenso zu den Inspirationsquellen wie das Meer zwischen Belgien und Finnland. 'Wehmut' kreist um Sehnsucht, Erinnerungen und die merkwürdige Möglichkeit, einen Ort zu vermissen, an dem man niemals gewesen ist. Waldgeräusche und Wellen tragen diese Gedanken unmittelbar in die Musik. Auch Dark Folk und Post-Metal nennen die beiden als Einflüsse ihrer veränderten Ausrichtung. Die Natur liefert hier also weit mehr als ein hübsches Motiv für die Plattenhülle. Musikalisch führt das zu einer Sammlung, deren sechs Stücke eng zusammenrücken. Die Elektronik bleibt präsent, ihr mitreißender Vorwärtsdrang tritt jedoch deutlich zurück. Gitarren und Naturaufnahmen erweitern das Klangbild, die ruhigeren Arrangements lassen dem Gesang mehr Raum. Die Atmosphäre ist melancholisch und versunken; die Musik scheint weniger auf einen Höhepunkt zuzusteuern, als einen Zustand festhalten zu wollen. Das hat durchaus Qualität. 'Wehmut' wirkt in seiner Stimmung geschlossen, und die Verbindung elektronischer und organischer Elemente passt zu diesem nach innen gerichteten Charakter.

Am stärksten erreicht mich dabei die Stimme von 'Julia De Jouy'. Ihr Gesang gibt den zurückgenommenen Stücken Präsenz und hält meine Aufmerksamkeit auch dort, wo mich die Begleitung weniger packt. Gerade weil instrumental weniger nach vorn drängt, bekommt die Stimme besonderes Gewicht. Für mich ist sie der überzeugendste Grund, mich auf diese ruhigere Seite der Band einzulassen: Sie macht die Melancholie greifbar und sorgt dafür, dass die Musik trotz ihrer Zurückhaltung Nähe entwickelt. Was mir aber fehlt, ist jene federnde Unruhe, die ich an den bisherigen Stücken von 'Rue Oberkampf' besonders schätze: dieser mitreißende Puls, bei dem kühle Elektronik und emotionaler Gesang gemeinsam einen unwiderstehlichen Sog entwickeln. Dass 'Wehmut' andere Ziele verfolgt, kann ich gut akzeptieren. Über sechs ähnlich gestimmte Stücke hinweg wünsche ich mir allerdings mehr Kontraste und deutlichere Veränderungen innerhalb dieser Ruhe. Die Atmosphäre trägt für mich eine Weile, verliert dann aber an Spannung. Einzelne Momente gefallen mir, insgesamt bleibt meine Begeisterung jedoch verhalten.

Wer einen thematischen Einstieg sucht, findet ihn in 'Into The Woid'. Der Wechsel zwischen Deutsch und Englisch und die Einladung, einem Weg in die Dunkelheit zu folgen, verdichten die Waldmotivik besonders anschaulich. Das Stück vermittelt damit gut, auf welche Welt man sich hier einlässt. Ob man länger darin bleiben möchte, dürfte wesentlich davon abhängen, wie sehr einen diese konsequent zurückgenommene Stimmung anspricht.

Für mich bleibt 'Wehmut' eine ordentliche, atmosphärisch stimmige Veröffentlichung mit einer hervorragenden Sängerin. Die gewählte Ruhe hat ihre Qualitäten, fesselt mich über die gesamte Spielzeit jedoch zu wenig. Wer gerade die sanftere, nachdenklichere Seite von 'Rue Oberkampf' schätzt, dürfte hier mehr entdecken als ich. Persönlich greife ich lieber zu den Veröffentlichungen, in denen die Melancholie stärker in Bewegung gerät. Diesen Ausflug kann ich würdigen – meine liebste Seite der Band finde ich weiterhin dort, wo es entschlossener nach vorne geht.