Es gibt Dinge, für die man sich Zeit nehmen sollte. Einen guten Wein. Wichtige Entscheidungen. Eine Rezension zum 'Rammstein'-Album 'Zeit'. Wobei wir den letzten Punkt offenbar etwas zu gewissenhaft ausgelegt haben: Die Platte erschien nämlich schon am 29. April 2022, und bei uns klaffte bislang eine passende Lücke im Archiv. Leider! Andere nennen so etwas ein Versäumnis. Wir nennen es eine mehrjährige Auseinandersetzung mit dem Albumkonzept. Schließlich lässt sich Vergänglichkeit schlecht beurteilen, wenn man nicht wenigstens ein bisschen davon verstreichen lässt.

Dabei lieferten die Berliner ihr achtes Studioalbum für die eigenen Verhältnisse ausgesprochen zügig ab. Zwischen dem unbetitelten Vorgänger von 2019 und 'Zeit' lagen gerade einmal drei Jahre. Einen wesentlichen Anteil daran hatte die Pandemie: Als die geplante Stadiontour verschoben werden musste, nutzten 'Rammstein' die freie Zeit für neue Musik. Während anderswo Sauerteig angesetzt wurde, arbeiteten 'Rammstein' an elf Songs. Aufgenommen wurde in den 'Studios La Fabrique' im französischen Saint-Rémy-de-Provence, erneut mit 'Olsen Involtini' als Produktionspartner.

Das Ergebnis beschäftigt sich auffällig intensiv mit Dingen, gegen die selbst diese Band wenig ausrichten kann: Verlust, Einsamkeit, körperlicher Verfall und das unaufhaltsame Verstreichen schöner Momente. Eine reizvolle Ausgangslage für Musiker, deren Klang häufig den Eindruck erweckt, man könne damit einen Berg zum Umzug überreden. Gegen die Vergänglichkeit hilft allerdings auch ein Flammenwerfer nur sehr begrenzt. Musikalisch bleibt das Fundament vertraut. Kurze, schwere Gitarrenfiguren greifen in straffe Rhythmen, die Elektronik setzt kalte Akzente und öffnet zugleich Räume für eingängige Melodien. Vieles bewegt sich in einem entschlossenen mittleren Tempo. Die Wucht entsteht aus Gewicht, Wiederholung und dem präzisen Zusammenspiel der einzelnen Elemente. Dabei besitzt die Musik weiterhin diesen eigentümlichen Tanzreiz: kantig und körperlich, mitunter beinahe stoisch, aber selten unbeweglich. Unter der massiven Oberfläche steckt erstaunlich viel Gespür für einen packenden Groove.

Für mich wird 'Zeit' allerdings besonders dort interessant, wo diese Konstruktion durchlässig wird. Klavier, flächige Keyboards und chorale Farben geben den Arrangements eine Weite, in der die ruhigeren Momente selbst Gewicht bekommen. Sie müssen nicht bloß Zeit überbrücken, bis die Gitarren wieder antreten. In ihnen liegen Sehnsucht, Erschöpfung und eine Trauer, die gelegentlich fast feierlich wirkt. Die anschließende Härte bekommt dadurch eine andere Bedeutung: Sie klingt nach Widerstand, manchmal auch nach dem Versuch, eine ziemlich brüchige Gefühlslage zusammenzuhalten. 'Till Lindemanns' Stimme trägt natürlich viel zu dieser Wirkung bei. Der tiefe, überdeutlich artikulierte Vortrag besitzt weiterhin seine bekannte Autorität. Sobald er zurückhaltender singt, wird jedoch hörbar, wie gut dieser Stimme auch Unsicherheit und Klage stehen. Gerade dann erreicht mich das Album. 'Rammstein' müssen dafür keineswegs auf großes Pathos verzichten. Sie hängen ihren Weltschmerz durchaus mit dem Baukran auf. Aber hinter der Inszenierung wird mehrfach eine Empfindung greifbar, die über die bloße Wirkung hinausgeht.

Umso auffälliger sind die elektronischen Verfremdungen des Gesangs. Wo elektronische Tonhöhenkorrektur die vertraute Stimme hörbar verbiegt, verliert sie einen Teil ihrer scheinbaren Unerschütterlichkeit. Das kann irritieren, passt für mich aber zur Beschäftigung mit Täuschung und bröckelnden Fassaden. Nicht jeder Effekt klingt deshalb automatisch schön. Interessant ist er gerade dort, wo die künstliche Oberfläche selbst etwas Unbehagliches bekommt. Die Produktion hält diese unterschiedlichen Seiten souverän zusammen. Die Gitarren drücken, ohne sämtliche melodischen Ebenen zuzuschütten, und auch in den dichten Passagen bleiben elektronische Details erkennbar. Alles sitzt sehr kontrolliert an seinem Platz. Wer die rohe Bedrohlichkeit der frühen Veröffentlichungen sucht, dürfte diese Perfektion allerdings auch als Distanz empfinden. 'Zeit' klingt nach einer Band, die ihre Mittel genau kennt und ihre Wirkung zuverlässig dosieren kann.

Darin liegt für mich zugleich eine Grenze. Die zurückgenommene Strophe, der anschwellende Aufbau und der große Gitarrenrefrain funktionieren weiterhin – nur lässt sich ihr Ablauf gelegentlich ziemlich früh vorhersehen. Dann bewundere ich eher die Ausführung, als dass mich die musikalische Idee überrascht. Einige Momente hätten für meinen Geschmack mehr Reibung vertragen, einen unerwarteten Abzweig oder einen Aufbau, der seine Absicht weniger früh verrät. Ähnlich zwiespältig wirken die Wechsel zwischen existenzieller Schwere und grobem Humor. Hinter den sexuellen Überzeichnungen können durchaus Einsamkeit, Armseligkeit und verquere Wunschvorstellungen hervortreten. Die Figuren sind oft weniger beneidenswert, als ihre laut vorgetragenen Bedürfnisse zunächst vermuten lassen. Trotzdem funktioniert diese Doppelbödigkeit für mich nicht durchgehend. Gelegentlich drängt sich die Pointe so weit nach vorn, dass die interessantere Beobachtung dahinter verblasst. Und nach einer berührenden Passage wirkt der nächste derbe Refrain mitunter, als hätte während einer Trauerrede jemand unbedingt noch seinen besten Herrenwitz unterbringen müssen.

Trotzdem überwiegt klar das Gelungene. Besonders die Verbindung aus monumentalem Klang und menschlicher Hilflosigkeit gibt 'Zeit' ein eigenes Profil. Zum Ende bündelt 'Adieu' diese Stimmung noch einmal: Abschied wird hier als etwas Unausweichliches spürbar, das sich weder wegdiskutieren noch mit Lautstärke übertönen lässt. Daraus muss man keinen angekündigten Bandabschied ableiten. Als emotionaler Schlusspunkt des Albums besitzt das Stück auch ohne solche Spekulationen genügend Gewicht. Als Anspieltipps empfehle ich 'Zeit' und 'Angst'. Der Titelsong verbindet seinen zurückhaltenden Beginn mit einer wachsenden Wucht, die das Thema Vergänglichkeit eindringlich trägt. 'Angst' zeigt dagegen, wie beklemmend das Zusammenspiel aus schwerem Rhythmus, scharfem Riff und kollektiver Drohkulisse weiterhin wirken kann. Zwei unterschiedliche Zugänge, die wesentliche Stärken der Platte hörbar machen.

Auch das von 'Bryan Adams' fotografierte Cover passt für mich dazu. Die Band erscheint am Trudelturm in Berlin-Adlershof, umgeben von massiver Betonarchitektur. Das Bauwerk wirkt dauerhaft, die Menschen darin vergleichsweise klein. Darin lässt sich ein schöner Bezug zum Album erkennen: Wir errichten Dinge, die bleiben sollen, und gehen selbst irgendwann weiter. Erschienen ist 'Zeit' unter anderem als reguläre CD, als Special Edition mit 56-seitigem Booklet und als Doppel-LP auf schwarzem 180-Gramm-Vinyl. Für mich ist 'Zeit' ein gutes, stellenweise eindringliches 'Rammstein'-Album, dessen nachdenkliche Momente stärker nachwirken als seine gröbsten Scherze. Die vertrauten Abläufe kosten etwas Spannung, die emotionale Offenheit gewinnt dafür an Bedeutung. Wer schwere, elektronisch geprägte Gitarrenmusik mit großen Melodien, dunkler Theatralik und Melancholie mag, findet hier reichlich Substanz. Wer vor allem den rohen Angriff der frühen Jahre oder einen grundlegenden stilistischen Aufbruch erwartet, wird weniger begeistert sein.

Unser Review kommt damit reichlich spät. Die Musik hält das aus. Und vielleicht passt es sogar ganz gut, eine Platte über das Vergehen erst dann ins Archiv zu stellen, wenn man beim Blick auf ihr Erscheinungsdatum erschrocken feststellt: Verdammt, schon wieder vier Jahre.