Meine erste Begegnung mit 'Rammstein' begann dann also mit einem ausgesprochen fachkundigen Urteil: „Scheiße, eine Metal-Band als Vorband. Das passt ja überhaupt nicht.“ Man muss seine musikalische Offenheit schließlich auch einmal öffentlich gegen die Wand fahren. Es war der 31. Oktober 1995 im Münchner Backstage, und ich war eigentlich nur wegen 'Project Pitchfork' gekommen. 'Rammstein'? Kannte ich nicht. Stand nicht mal auf der Eintrittskarte! In meinem Umfeld schien das kaum jemandem anders zu gehen. Wir warteten auf den Hauptact und hatten von der Vorband ungefähr so konkrete Erwartungen wie von der nächsten Durchsage am Hauptbahnhof.
Dann ging es aber los. Die ersten zehn Sekunden hörte ich vor allem Gitarrengeschrammel und meine eigenen Vorurteile. Weitere dreißig Sekunden später dachte ich: „Oh. Das klingt aber gar nicht schlecht.“ Nach noch ein, zwei Minuten war aus dem skeptischen Besucher ein ziemlich begeisterter Mensch geworden: „Das ist aber geil!“ So schnell kann eine fundierte Ersteinschätzung erledigt sein. Um mich herum schien sich Ähnliches abzuspielen. Was zunächst wie eine merkwürdige Kombination gewirkt hatte, riss plötzlich den ganzen Laden mit.
In meiner Erinnerung spielten sie nur ganz wenige Songs. Auch die Show war noch weit entfernt von jenem reisenden Hochofen, den man heute mit dem Namen verbindet. Irgendetwas mit einer Flex und einer Art Rüstung ist mir im Gedächtnis geblieben: Metall, Funken, große Wirkung. An viel mehr Pyro erinnere ich mich nicht. Verglichen mit späteren Stadionproduktionen wirkt das rückblickend fast rührend. Damals reichten offenbar ein paar Funken und sechs entschlossene Musiker, um meine musikalische Abendplanung gründlich umzubauen. Nach dem Auftritt zog es gefühlt einen beträchtlichen Teil des Publikums unmittelbar zum Merchstand. Mich eingeschlossen. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, habe ich dort bereits mein erstes CD-Exemplar von 'Herzeleid' gekauft. Ich war wegen einer anderen Band gekommen und ging mit einer neuen Begeisterung nach Hause. Solche Abende lassen sich schlecht planen. Man kann nur froh sein, wenn man rechtzeitig aufhört, über die Vorband zu meckern.
Das Debüt, das da seinen Weg in meine Sammlung fand, war erst wenige Wochen zuvor, am 25. September 1995, erschienen. Aufgenommen wurde es in den Stockholmer Polar Studios mit den Produzenten 'Jacob Hellner' und 'Carl-Michael Herlöfsson'. Die 1994 gegründeten 'Rammstein' hatten darauf bereits eine erstaunlich deutliche musikalische Handschrift: schwere Gitarren, elektronische Strenge, ein ausgeprägtes Gespür für Wiederholung und diese Stimme, die selbst eine freundliche Einladung zum Abendessen wie eine Vorladung klingen lassen könnte. Fein! Rückblickend verstehe ich sehr gut, weshalb mich diese Mischung damals so schnell erwischte. Als Besucher eines 'Project Pitchfork'-Konzerts war mir die elektronische Seite vertraut: die stoischen Rhythmen, die Sequenzen, das Zusammenspiel aus Tanzbarkeit und düsterer Atmosphäre. Nur standen plötzlich diese gewaltigen Gitarren daneben. Nachdem der erste Schreck überwunden war, passte das für meine Ohren ausgesprochen gut zusammen. Ich musste meinen musikalischen Geschmack offenbar nur kurz dabei beobachten, wie er größer wurde.
Auch heute begeistert mich, wie körperlich 'Herzeleid' immernoch funktioniert. Die Gitarren schieben ihre Riffs mit einer Beharrlichkeit durch die Songs, als müssten sie damit eine tragende Wand versetzen. Schlagzeug und Bass halten den Druck zusammen, während Synthesizer, Samples und elektronische Figuren Bewegung hineinbringen. Die Musik stampft, federt und zieht nach vorne. Man kann dazu den Kopf schütteln, die Füße bewegen oder beides gleichzeitig versuchen und am nächsten Morgen feststellen, welche Körperregion seit den Neunzigern am schlechtesten gewartet wurde. Die Riffs sind häufig einfach gebaut, greifen dafür aber umso zuverlässiger. Gerade die Wiederholung entwickelt einen Sog: Eine Figur setzt sich fest, die Spannung wächst, und irgendwann wartet man regelrecht auf den nächsten Einsatz. Dazu geben die Keyboards von 'Christian „Flake“ Lorenz' dem Album seine eigenwillige Farbe. Kalte Flächen, schneidende Klänge und stellenweise fast gespenstisch verspielte Melodien lassen zwischen den Gitarren etwas Unruhiges und Verführerisches entstehen. Dieser elektronische Eigensinn macht für mich einen erheblichen Teil des Reizes aus.
Über allem steht natürlich 'Till Lindemanns' Stimme. Schon hier ist dieses tiefe, rollende, überdeutlich artikulierte Organ ein Ereignis für sich. Er singt, deklamiert, knurrt und kostet Silben aus, als müsse jedes einzelne Wort vor dem Verlassen des Mundes noch eine Materialprüfung bestehen. Das wirkt bedrohlich, theatralisch, gelegentlich grotesk – und besitzt einen enormen Wiedererkennungswert. Mir gefällt besonders, wie sich in diesen überlebensgroßen Vortrag immer wieder etwas eigentümlich Verschmitztes mischt. Man hört die Entschlossenheit und muss trotzdem gelegentlich grinsen. Textlich begegnen einem Begehren, Gewalt, Schmerz, Abhängigkeit und reichlich verstörende Körperlichkeit. Die Sprache ist oft knapp, arbeitet mit Wiederholungen, Doppeldeutigkeiten und Bildern, die hängen bleiben. Zusammen mit der Musik entsteht eine Atmosphäre, die zugleich abstoßend und anziehend sein kann. Man möchte gelegentlich einen Schritt zurücktreten und dreht dann doch wieder lauter. Für mich funktioniert diese Mischung gerade deshalb, weil Klang, Stimme und Worte so eng ineinandergreifen.
Natürlich hört man 'Herzeleid' seine Entstehungszeit an. Manche elektronischen Sounds tragen ihre Neunziger deutlich vor sich her, einige Übergänge wirken kantiger als auf späteren Veröffentlichungen. Ich mag diesen unmittelbaren, noch nicht vollständig geglätteten Charakter. Die Produktion besitzt Druck und Kontur, lässt aber auch Ecken stehen. Dadurch bleibt die Musik für mich lebendig: Man erkennt die spätere Band bereits sehr deutlich und hört zugleich, wie viel hier noch in Bewegung ist. Ganz ohne Einschränkungen geht meine Begeisterung dann trotzdem nicht durch. Über die gesamte Spielzeit können die beharrlichen Riffwiederholungen und das häufig ähnlich entschlossene Vorwärtsstampfen etwas ermüden. Einige Passagen verweilen länger bei einer Idee, als es für meinen Geschmack nötig wäre. Auch der pathetische Vortrag und die drastischen Textbilder verlangen eine gewisse Lust an Überzeichnung. Wer damit grundsätzlich fremdelt, wird vermutlich früh nach einem Fluchtweg suchen.
Umso mehr schätze ich die melancholische Seite des Albums. Sobald die Musik Raum lässt, wird hinter den schweren Gesten eine Verletzlichkeit hörbar, die mich bis heute berührt. Gerade diese ruhigeren Momente machen die Härte ringsherum noch eindringlicher. Sie geben dem Album Luft und zeigen, wie viel Ausdruck bereits in dieser frühen Form der Band steckte. Als Anspieltipps empfehle ich deshalb zwei unterschiedliche Zugänge:Ganz klar - 'Du Riechst So Gut' für die unwiderstehliche Verzahnung von Gitarren, Elektronik und körperlichem Sog; 'Seemann' für die getragene Melancholie und jene emotionale Tiefe, die man hinter dem ersten Eindruck vielleicht gar nicht vermutet. Zusammen zeigen sie sehr schön, weshalb mich die Band damals so schnell erwischt hat und weshalb das Album für mich bis heute trägt.
Natürlich höre ich diese Platte mit Erinnerungen. Mit einem freudigen Auge, weil sofort wieder etwas von dieser unverhofften Entdeckung da ist. Und mit einem weinenden, weil sich der erste Kontakt eben nicht wiederholen lässt. Heute bringt der Name 'Rammstein' längst Bilder, Erwartungen und eine gewaltige Geschichte mit. Damals stand ich vor einer Vorband, hatte keine Ahnung und war innerhalb weniger Minuten begeistert. Dieses Gefühl, ohne Vorwarnung musikalisch überrumpelt zu werden, vermisse ich manchmal mehr als irgendeinen bestimmten Sound aus jener Zeit.
Meine Begeisterung für 'Herzeleid' hält aber auch ohne diesen Abend stand. Dafür haben die Songs zu viel Kraft, zu viel Charakter und zu viele verdammt gute Ideen. Wer schwere Gitarren, markante Elektronik, finstere Theatralik und einen ordentlichen Hang zum musikalischen Größenwahn mag, findet hier ein Debüt, das auch mit reichlich Abstand packt. Es ist kantig, stellenweise etwas stur, gelegentlich herrlich drüber – und für mich noch immer großartig. Wenn ich 'Herzeleid' heute auflege, höre ich deshalb auch diesen einen jungen Kerl im Münchner Publikum wieder, der nach zwanzig Sekunden schon alles zu wissen glaubte. Ich würde ihm gerne auf die Schulter tippen und sagen: „Warte kurz. Du musst gleich noch eine CD kaufen.“
Rammstein - Herzeleid
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