Also, ganze 29 Jahre hat es gedauert, bis wir 'Sehnsucht' endlich rezensieren! Der Grund ist ebenso einfach wie peinlich: Das Album war in unserem Redaktionsarchiv versehentlich unter „Sanfte Deutschsprachige Entspannungsmusik für Yoga und betreutes Atmen“ abgelegt. Dort schauen wir aus Gründen der seelischen Unversehrtheit nur alle 29 Jahre nach. Nach dem ersten Gitarrenriff war der Irrtum allerdings schnell geklärt.
Am 22. August 1997 erschien mit 'Sehnsucht' das zweite Album von 'Rammstein'. Das Debüt 'Herzeleid' hatte die Berliner bereits als besonders schwere Maschine in der deutschen Musiklandschaft abgestellt, doch erst der Nachfolger brachte den internationalen Durchbruch. Aufgenommen wurde das Album im Temple Studio auf Malta, produziert gemeinsam von 'Rammstein' und 'Jacob Hellner' und anschließend von 'Ronald Prent' gemischt. Auch optisch überließ die Band wenig dem Zufall: Die verstörenden Porträts der sechs Musiker mit 'medizinischen Instrumenten' stammen von 'Gottfried Helnwein', während 'Dirk Rudolph' für die eigentliche Cover- und Verpackungsgestaltung verantwortlich war. Das Ergebnis sah schon damals aus, naja - sagen wir mal als hätte eine chirurgische Fachzeitschrift plötzlich schlechte Laune bekommen.
Wie unterschiedlich ein Album im Moment seiner Veröffentlichung und Jahrzehnte später wahrgenommen werden kann, zeigt eine damals erschienene Kritik besonders schön. Die zu dieser Zeit noch unter dem Namen 'The Dark Site' auftretende Vorgängerseite von 'metal.de' vergab gerade einmal vier von zehn Punkten. 'Sehnsucht' wurde dort im Wesentlichen als kommerziell kalkulierte und schwächere Wiederholung von 'Herzeleid' betrachtet. Aus heutiger Sicht wirkt dieses Urteil ziemlich streng, ganz aus der Luft gegriffen war die Kritik aber nicht: 'Rammstein' erfanden ihren Stil auf dem zweiten Album nicht neu. Sie schärften ihn, machten ihn eingängiger und bauten aus dem noch etwas groben Betonklotz des Debüts eine erstaunlich effiziente Großmaschine.
Die Verkaufszahlen entscheiden natürlich nicht darüber, ob die damalige Kritik künstlerisch richtig oder falsch war. Sie zeigen aber, wie gewaltig die Resonanz ausfiel. 'Sehnsucht' erreichte in Deutschland und Österreich die Spitze der Albumcharts. Häufig zitierte Angaben sprechen von weltweit heute unglaublichen mehr als 3,2 Millionen verkauften Exemplaren. In Deutschland erhielt das Album Auszeichnungen für mindestens 1,25 Millionen Verkäufe. In den USA stieg es bis auf Platz 45 der 'Billboard 200' und wurde mit Platin ausgezeichnet – für ein vollständig deutschsprachiges Album ein wirklich außergewöhnlicher Erfolg. 'Sehnsucht' gilt deshalb bis heute meiner Recherche nach als das kommerziell erfolgreichste Album von 'Rammstein'.
Musikalisch ist deutlich zu hören, weshalb die Platte ein derart großes Publikum erreichte. Die Gitarren stampfen mit der Feinfühligkeit einer schlecht gelaunten hydraulischen Presse, doch Synthesizer, Samples und elektronische Rhythmen treten stärker in den Vordergrund als auf 'Herzeleid'. Die Arrangements wirken konzentrierter, die Refrains einprägsamer und die Wechsel zwischen metallischer Härte und kühler Elektronik geschmeidiger. Dazu kommt die bekannte Stimme von 'Till Lindemann' die weniger wie gewöhnlicher Gesang und mehr wie eine amtliche Anordnung aus einem fensterlosen Keller klingt. Gerade diese Mischung aus martialischer Wucht, künstlicher Kälte und fast theatralischem Vortrag machte 'Rammstein' unverwechselbar.
Natürlich stehen über allem die beiden gewaltigen Singles 'Engel' und 'Du Hast'. Beide zeigen, wie geschickt 'Rammstein' Härte, Elektronik und sofort erkennbare Melodien miteinander verbinden konnten. Bei 'Engel' spielt auch die Gaststimme von 'Christiane Hebold', besser bekannt als 'Bobo' und Sängerin von 'Bobo In White Wooden Houses', eine entscheidende Rolle. Ihre helle, beinahe entrückte Gesangspassage im Refrain bildet den idealen Kontrast zum dunklen Vortrag von 'Till Lindemann' und verleiht dem Stück jene eigentümliche Mischung aus Kühle, Verführung und Unbehagen, ohne die es deutlich weniger markant wäre. 'Du Hast' wiederum reduziert die Formel auf ein maschinenhaftes Riff, ein raffiniertes Wortspiel und einen Refrain, den vermutlich selbst Menschen mitsingen können, die behaupten, mit 'Rammstein' überhaupt nichts anfangen zu können.
Doch 'Sehnsucht' besteht keineswegs nur aus seinen beiden bekanntesten Liedern. Der gleichnamige Titeltrack eröffnet das Album mit fiebriger Elektronik, einem unruhigen Rhythmus und einer Spannung, die sich nie vollständig entlädt. Er ist mein erster Anspieltipp, weil er den Charakter der Platte besser zusammenfasst als jeder der großen Hits. 'Klavier' zeigt dagegen die andere Seite der Band. Das Stück beginnt zurückhaltend und beinahe zerbrechlich, bevor sich aus der düsteren Erzählung eine bedrückende Ballade entwickelt. Wer 'Rammstein' ausschließlich für eine Gruppe hält, die zu geraden Rhythmen Feuer aus allen verfügbaren Körperöffnungen schießt, sollte hier genauer hinhören.
Trotzdem ist das Album nicht frei von Schwächen. Einige Stücke funktionieren stärker über Atmosphäre, Rhythmus und Provokation als über wirklich abwechslungsreiches Songwriting. Wenn Gitarren, Keyboardsequenzen und der markante Sprechgesang mehrfach nach einem ähnlichen Prinzip zusammengesetzt werden, droht die Maschine stellenweise im Kreis zu fahren. 'Küss Mich (Fellfrosch)' wirkt mit seinem cartoonartigen Sample zudem wie ein seltsamer Scherz am Ende einer ansonsten ziemlich konsequenten Platte. Charmant kann man das finden – zwingend muss man es nicht. Schwieriger sind aus heutiger Sicht möglicherweise manche Texte. Man kann das als bewusste Konfrontation mit verdrängten Themen verstehen, doch die Texte schaffen nur wenig erkennbare Distanz zum Erzählten. Gerade beim Wiederhören bleibt deshalb ein unangenehmer Beigeschmack, der nicht allein aus der beabsichtigten Provokation entsteht. 'Rammstein' sollten verstören, aber nicht jede Verstörung besitzt automatisch Tiefe. An diesen Stellen wirkt 'Sehnsucht' weniger mutig als plakativ.
Und dennoch ist erstaunlich, wie gut das Album nach 29 Jahren funktioniert. Manche elektronischen Klänge verraten eindeutig ihre Herkunft aus den Neunzigern, doch sie wirken eher charakteristisch als peinlich gealtert. Vor allem die Verbindung aus starren Rhythmen, schweren Gitarren, synthetischer Kälte und großen Melodien besitzt noch immer enorme Wirkung. Die seit 2023 erhältliche remasterte Jubiläumsausgabe samt neuem Mix von 'Spiel Mit Mir' unterstreicht zusätzlich, dass 'Sehnsucht' längst nicht nur ein altes Erfolgsalbum, sondern ein wichtiges Zeitdokument der Neuen Deutschen Härte ist.
Für mich bleibt 'Mutter' das ausgereiftere und geschlossenere Werk von 'Rammstein'. 'Sehnsucht' ist jedoch das spannendere Bindeglied: noch roh genug, um gefährlich zu wirken, aber bereits eingängig genug, um eine internationale Karriere loszutreten. Wer wissen möchte, weshalb plötzlich Menschen auf der ganzen Welt deutsche Befehlsformen mitsangen, findet hier die Antwort. Freunde von Industrial Metal, Neuer Deutscher Härte und elektronisch verstärktem Muskelkater kommen ohnehin nicht daran vorbei. Als verspäteter Rückblick bleibt deshalb nur festzustellen: Yoga ist es wirklich nicht – eine bemerkenswert gut gealterte Platte dagegen schon.