Rammstein - Liebe ist für alle da

Rammstein - Liebe ist für...

ACHTUNG: Wer noch keine 18 Jahre alt ist, sollte an dieser Stelle vielleicht vorsichtshalber den Back-Button streicheln. Denn bei „Liebe ist für alle da“ geht es nicht um romantische Herzchen, warme Teelichter und handgeschriebene Liebesbriefe. Es geht um Rammstein. Also um Liebe, Schmerz, Feuer, Fleisch, Pathos und jene gepflegte Grenzüberschreitung, bei der halb Deutschland wieder empört hustet und die andere Hälfte schon die Deluxe-Edition vorbestellt. Bei all dem Rummel um Till & Co. will natürlich auch der Medienkonverter nicht völlig unbeteiligt am brennenden Würstchenstand der Popkultur vorbeilaufen. Selbstverständlich rein journalistisch. Ironiemodus aus. Mit „Liebe ist für alle da“ legten Rammstein 2009 ihr sechstes Studioalbum vor und machten im Grunde genau das, was man von ihnen erwartet: Sie blieben Rammstein. Keine akustische Läuterung, kein altersmildes Kuschelalbum, kein Flake am Lagerfeuer mit Wollmütze. Stattdessen: breite Gitarren, martialische Rhythmen, kalte Elektronik, schwarze Komik und Till Lindemann in jener Stimmlage, in der selbst ein Einkaufszettel nach Verhörraum, Opernbühne und Heizkraftwerk klingt.

Eine Bandvorstellung erübrigt sich an dieser Stelle. Wer Rammstein nicht kennt, hat entweder die letzten Jahre in einem schallisolierten Bunker verbracht oder bei jedem „Du hast“ reflexartig das Radio aus dem Fenster geworfen. Interessanter ist daher die Frage, ob „Liebe ist für alle da“ mehr kann, als nur den nächsten kalkulierten Skandal zu liefern. Die Antwort: ja. Nicht durchgehend, aber deutlich öfter, als man nach dem ganzen Getöse vermuten könnte. Der große Aufreger war damals natürlich „Pussy“. Video, Text, Provokation — alles wurde einmal durch die Empörungsmaschine gedreht. Musikalisch ist der Song allerdings weniger wild als sein Ruf: ein ziemlich eingängiger, fast schon poppiger Rammstein-Stampfer mit Holzhammerhumor und Leuchtreklame-Refrain. Als Aufmacher funktioniert das, als Albumhöhepunkt eher nicht. Dafür ist „Pussy“ zu sehr Krawall-Visitenkarte und zu wenig wirklich zwingender Song.

Stärker wird es dort, wo Rammstein weniger auf nackte Provokation und mehr auf Atmosphäre, Wucht und Arrangement setzen. „Rammlied“ eröffnet das Album mit großem sakralem Gestus und entwickelt sich schnell zu einem massiven Selbstmythos-Monument. Das ist natürlich größenwahnsinnig, aber bei Rammstein gehört Größenwahn ja quasi zur Grundausstattung. Sehr schön auch der akustische Part gegen Ende, der kurz Luft in die Stahlhalle lässt. „Ich tu dir weh“ gehört zu den wirkungsvollsten Stücken des Albums: finster, druckvoll, hymnisch und genau so unangenehm, wie Rammstein eben gerne sind. Dass sich daran Diskussionen entzündeten, überrascht wenig. Diese Band drückt keine roten Knöpfe aus Versehen; sie baut erst ein Schaltpult daraus, stellt Flake daneben und wartet, bis jemand nervös wird. Mit „Waidmanns Heil“ folgt ein flotter, treibender Rocker, der mit Jagdhorn-Signalen und entsprechender Bildsprache arbeitet, ohne zum bloßen Gimmick zu verkommen. Das Stück hat Tempo, Druck und diese herrlich absurde Rammstein-Theatralik, bei der man nie ganz sicher ist, ob man sich gerade auf einem Metal-Konzert, in einer Operninszenierung oder in einer sehr bedenklichen Heimatfilm-Fortsetzung befindet.

Auch „Haifisch“ überzeugt, gerade weil der Song zunächst beinahe zugänglich wirkt. Die frühere Deutung als Statement gegen die Ausbeutung der Meere ist zwar sympathisch — Rammstein als Greenpeace mit Benzinkanister hätte durchaus Charme —, trifft den Kern aber wohl eher nicht. Näher liegt hier eine bitter-ironische Hymne auf Zusammenhalt, Fassade und verschluckte Tränen. Der Haifisch weint, aber man sieht es nicht. Sehr Rammstein: Gefühle zeigen, nur bitte mit Zähnen. Bei „Wiener Blut“ wird es dann wieder deutlich düsterer. Metallische Riffs, ein spannungsvolles Arrangement und fast episch wirkende Keyboardflächen sorgen für eine beklemmende Atmosphäre. Hier funktionieren Rammstein besonders gut, weil Text, Sound und Inszenierung nicht einfach nebeneinanderstehen, sondern sich gegenseitig hochziehen. Schön ist das nicht — aber verdammt wirkungsvoll.

Nicht alles auf „Liebe ist für alle da“ zündet gleichermaßen. Einige ruhigere Stücke kratzen gefährlich nah am Schmalztopf entlang. „Frühling in Paris“ ist mit seiner Chanson-Anmutung zwar interessant, wirkt aber stellenweise etwas zu bedeutungsschwer. „Roter Sand“ ist als Moritat hübsch gedacht, dürfte aber nicht jeden aus dem Sessel reißen. Rammstein können Balladen, keine Frage. Aber wenn sie zu viel Pathos auf einmal servieren, wird aus Monumentalität schnell Theaternebel mit Schluckauf. Produktionstechnisch gibt es erwartungsgemäß wenig zu meckern. Der Sound ist groß, fett, präzise und eiskalt poliert. Die Gitarren stehen wie frisch gegossener Beton, die Rhythmusgruppe marschiert zuverlässig durch jedes Schlagloch, und die Elektronik setzt immer wieder kleine Widerhaken. Auffällig ist, dass neben den bekannten Flächen und Keys auch sequenzartige Synthie-Elemente stärker auftauchen. Keine Revolution, eher eine Generalüberholung der Maschine: neuer Lack, schärfere Kanten, gleicher Panzer.

Die größte Schwäche des Albums liegt in der gelegentlichen Selbstwiederholung. Rammstein wissen sehr genau, was Rammstein ausmacht — manchmal vielleicht zu genau. Einige Texte wirken, als hätte man bekannte Reizwörter, Tabus und Körperbilder einmal kräftig geschüttelt und neu zusammengesetzt. Das ist oft effektiv, manchmal aber auch etwas kalkuliert. Gerade „Pussy“ balanciert gefährlich zwischen bösem Witz und Ballermann mit Peitsche. Trotzdem ist „Liebe ist für alle da“ deutlich stärker als das etwas laue „Rosenrot“. Ungefähr die Hälfte der Songs ist wirklich gut, einige sogar sehr gut. Vor allem „Rammlied“, „Ich tu dir weh“, „Waidmanns Heil“, „Haifisch“ und „Wiener Blut“ zeigen Rammstein in starker Form: brachial, präzise, makaber und mit jenem seltsamen Popinstinkt ausgestattet, der diese Band trotz aller Härte immer wieder in die Charts katapultiert.

Die Bonus-CD lag dem ursprünglichen Review offenbar nicht vor; der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass sie unter anderem „Führe mich“, „Donaukinder“, „Halt“, „Roter Sand (Orchester Version)“ und „Liese“ enthält. Gerade „Donaukinder“ gilt vielen Fans nicht ohne Grund als einer jener Bonustracks, bei denen man sich fragt, warum er nicht direkt auf dem Hauptalbum gelandet ist.

Fazit: Rammstein erfinden sich mit „Liebe ist für alle da“ nicht neu. Sie ölen die Maschine, ziehen die Schrauben nach und fahren damit einmal quer durch den Porzellanladen. Nicht jeder Song ist ein Treffer, manches ist zu kalkuliert, manches zu schmalzig, manches schlicht zu dick aufgetragen. Aber wenn dieses Album funktioniert, dann funktioniert es mit enormer Wucht. Wer Rammstein nicht mag, wird hier kaum bekehrt. Wer aber auf martialische Gitarren, schwarze Komik, kalte Elektronik und Pathos mit Presslufthammer steht, bekommt ein starkes, stellenweise sehr starkes Album. Rammstein bleiben Rammstein — und genau das ist hier Fluch, Konzept und Verkaufsargument zugleich.

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