Wer bei Ritualmusik an gedämpftes Licht, Räucherstäbchen und behutsame Bewusstseinserweiterung denkt, sollte bei 'Rakshäsa' zunächst die zerbrechlichen Gegenstände sichern. Hinter dem griechischen Projekt steckt 'Saevus H. Aldra-Al-Melekh', der auch schon beim Projekt 'Shibalba' musikalisch in dunklen Zwischenwelten unterwegs ist. Auf 'Feral Transgressions On Michael Idehall' nimmt er sich nun aber mal einfach sieben Stücke des schwedischen Klangkünstlers 'Michael Idehall' vor. Beide verbindet ein langjähriges Interesse an okkulten Themen und rituellen Ausdrucksformen. Das Ergebnis dieser Begegnung besitzt allerdings eine heftigte Durchschlagskraft, die sich mit besinnlichem Kerzenschein nur schwer vereinbaren lässt.
Die musikalischen Voraussetzungen passen hier also zusammen: 'Michael Idehall' bezeichnet seine Verbindung aus dunklem Industrial, experimenteller Elektronik und eindringlichen Stimmen als „Seancetronica“. 'Rakshäsa' bearbeitet dessen Ausgangsmaterial neu und führt es in Richtung eines stampfenden, hypnotischen Ritual Techno. Die Neubearbeitungen entstanden meiner Recherche nach zwischen 2025 und 2026, Mix und Mastering übernahm 'Christian Cambas'. So umfangreich der esoterische Hintergrund auch ausfällt: Man braucht keine Einführung in okkulte Weltbilder, um Zugang zu dieser Musik zu finden. Der Rhythmus stellt den Kontakt ziemlich eigenständig her.
Was erwartet hier einen also? Nun, schnelle, schwere Viertelkicks bestimmen über weite Strecken das Geschehen. Sie schlagen unerbittlich durch, während düstere Samples und beschwörend wirkende Stimmen den Raum füllen. Gerade dieses Zusammenspiel packt mich: Der Beat gibt eine unmissverständliche Richtung vor, die darüberliegenden Klangfragmente sorgen für Unruhe und Beklemmung. Ritual Ambient liefert die geisterhafte Umgebung, harter Techno setzt sie unter Druck. Dabei zieht die Intensität zwischenzeitlich noch einmal an: Das ohnehin hohe Tempo wirkt weiter verschärft, der Vortrieb brutaler. Gemütlich einrichten kann man sich in dieser Klangwelt jedenfalls kaum.
Die kurzen Unterbrechungen sind ein wesentlicher Teil der Wirkung. Wenn die Bassdrum zurücktritt, bleiben die Samples präsent und halten die bedrohliche Atmosphäre aufrecht. Für einen Moment richtet sich die Aufmerksamkeit auf das unheimliche Geschehen im Hintergrund, bevor der nächste rhythmische Einsatz wieder alles nach vorne reißt. Das funktioniert ausgesprochen gut. Die Pausen geben dem anschließenden Angriff zusätzlichen Nachdruck, ohne die Spannung abreißen zu lassen. Mich überzeugt dabei besonders, wie eng Atmosphäre und körperliche Wirkung ineinandergreifen: Die düstere Kulisse bleibt auch unter dem massiven Beat spürbar. Ich mag diese kompromisslose Entschlossenheit. 'Feral Transgressions On Michael Idehall' entwickelt einen Sog, dem ich mich bereitwillig überlasse. Die beharrlichen Schläge und wiederkehrenden Samples ziehen mich hinein, bis ich irgendwann weniger auf einzelne Elemente achte als auf deren gemeinsame Wirkung. Genau hier funktioniert die hypnotische Seite des Releases hervorragend. Der Vortrieb ist enorm, die Stimmung finster, und beides zusammen macht schlicht richtig Spaß.
Auf Dauer zeigt sich allerdings auch die Grenze dieses Ansatzes. Mir fehlen weniger die ruhigen Einstiege als unterschiedliche Entwicklungen danach: Zu häufig mündet die aufgebaute Spannung in einen ähnlich schnellen, geradlinigen Vorwärtsdrang. Die Stücke unterscheiden sich durchaus in ihrer Intensität, bleiben in ihrer grundsätzlichen Wirkung aber oft nah beieinander. Was mich zunächst mitreißt, beginnt mich im weiteren Verlauf deshalb auch zu ermüden. Ein paar zusätzliche rhythmische Wendungen oder längere atmosphärische Strecken hätten die Wucht vermutlich noch stärker hervortreten lassen.
Wie gut ein solcher Kontrast tut, zeigt der Track 6 mit dem Namen Vril-Ya. Plötzlich wird die Musik langsamer, sphärischer und geisterhafter. Die Klangflächen bekommen mehr Raum, und ich kann endlich einmal durchatmen, ohne dass die düstere Stimmung verloren geht. Der Ruheraum befindet sich schließlich im selben Gebäude. Diese stärker dem Ritual Ambient zugeneigte Seite ist eine willkommene Abwechslung, von der das Release für meinen Geschmack noch etwas mehr vertragen hätte. Wenn anschließend wieder der schnelle Beat übernimmt, wirkt dessen Rückkehr entsprechend frisch. Als Anspieltipp empfehle ich aber 'Lucifer'. Der langsame, finstere Auftakt baut eine unheilvolle Atmosphäre auf, bevor der Rhythmus unmittelbar und mit voller Wucht einsetzt. Die von Samples getragenen Unterbrechungen halten die Spannung hoch und machen die folgenden Einsätze umso wirkungsvoller. Hier verdichtet sich genau die Verbindung aus düsterer Beschwörung und hartem Vortrieb, die mich an diesem Release begeistert.
Das über 'Zoharum' veröffentlichte Mini-Album ist digital sowie als auf 300 Exemplare limitierte CD im sechsseitigen Ecopack erhältlich. Wer schnellen, harten Techno mit Industrial-Nähe und einer ausgeprägt rituellen Atmosphäre sucht, sollte hier unbedingt reinhören. Für mich ist 'Feral Transgressions On Michael Idehall' ein richtig starkes Release, dessen begrenzte Abwechslung hörbar bleibt, ohne mir die Begeisterung auszutreiben. Es packt zu zuverlässig und treibt zu fett nach vorne. Nach einem kompletten Durchlauf brauche ich trotzdem erst einmal eine Pause. Dann darf sogar der Kühlschrank etwas leiser brummen.
Rakshäsa - Feral Transgressions On Michael Idehall
Anhören & einordnen
Details zum Beitrag
- Artikeldatum
- Autor
- Elec
- Kategorien
- Electronic / Industrial / NoiseReviews
Kurz & knapp
Dein Urteil