Romantik mit 'St. Digue' bedeutet offenbar, dass beim Candle-Light-Dinner zwischendurch jemand den Tisch zerlegt. Das Kopenhagener Soloprojekt von 'Kasper Deichmann' verbindet auf seinem dritten Album 'Secret Language' Darkwave mit Industrial-Krach und eingängigen Refrains. Eine reizvolle Mischung, auf die ich mich gerne einlasse. Allerdings wechselt mein Gastgeber gelegentlich schneller die Stimmung, als ich ihm folgen kann.
'Deichmann' spielte zuvor unter anderem bei der atmosphärischen Black-Metal-Band 'Sunken'; während der Pandemie nahm sein elektronisches Soloprojekt zunehmend Gestalt an. Das am 16. Oktober 2026 über Over The Under Records und Midnat Records veröffentlichte Album umfasst neun Stücke. Nach der härteren EP 'Deathwave' wollte er seinen Sound weiter öffnen, mehr Dynamik zulassen und einen zusammenhängenden Albumverlauf schaffen. Inhaltlich geht es um Liebe, Kommunikationsprobleme, Abhängigkeiten und Sehnsüchte. Der Titel verweist dabei auch auf das besondere gegenseitige Verständnis zwischen neurodivergenten Menschen. Nähe und Überforderung ziehen sich als Themen durch eine Musik, die einen an sich heranlässt und im nächsten Augenblick schon wieder ziemlich ungemütlich werden kann.
Raue Industrial-Wucht trifft auf eine sinnliche Darkwave-Atmosphäre. Lärmende Ausbrüche stehen neben ruhigeren Passagen, in denen die zuvor aufgebaute Anspannung noch nachwirkt. Die Refrains geben diesem Wechselspiel Halt. Gerade diese melodische Zugänglichkeit gefällt mir: Selbst wenn die Musik heftig wird, bleibt etwas hängen, das über den Eindruck bloßer Lautstärke hinausgeht. Allerdings erfolgen die Übergänge mitunter abrupt. Was gerade noch druckvoll nach vorne ging, wird plötzlich zurückgenommen und in eine völlig andere Stimmung versetzt.
Auch der Gesang prägt diese aufgeladene Atmosphäre. 'Deichmann' klingt klagend und manchmal theatralisch, was gut zu den persönlichen Themen und der dunklen Sinnlichkeit der Musik passt. Stellenweise wird mir dieser expressive Vortrag zu anstrengend. Die Stimme verstärkt die emotionale Unruhe des Albums und trägt damit ebenfalls dazu bei, dass ich zwischendurch etwas Abstand brauche. Wie reizvoll die musikalischen Wechsel sein können, zeigt mein Anspieltipp 'Meltdown', bei dem 'Zeki Jindyl' das Saxofon beisteuert. Nach einem ruhigeren Beginn geht es heftig zur Sache, bevor das Stück ganz plötzlich wieder ruhig und sinnlich wird. Gerade dieser Rückzug packt mich: Der Krach steckt einem noch in den Ohren, während das Stück bereits wieder Nähe zulässt. Hier empfinde ich die Wechsel als Stärke, weil die unterschiedlichen Stimmungen einander intensivieren.
'Amen' fällt mir dagegen durch seine dunklere, melodischere Ausrichtung auf. Die bedrückte Stimmung erinnert mich stellenweise an 'IAMX'. Melodie und Beklemmung gehen hier eine Verbindung ein, die mich besonders anspricht. Bei solchen Einzelmomenten bin ich gerne dabei. Über neun Stücke hinweg wird mir das häufige Umschalten zwischen Härte und Intimität allerdings zu viel. Zu oft wird eine Stimmung schon wieder abgelöst, bevor ich richtig in sie eintauchen kann. Die klare Linie, die diese unterschiedlichen Eindrücke für mich zusammenführt, fehlt mir. So bleibe ich aufmerksam, fühle mich aber weniger dauerhaft an das Album gebunden, als die starken Ideen und griffigen Refrains es zunächst versprechen.
'Secret Language' ist damit ein reizvolles, für mich aber zu sprunghaftes Album. 'Kasper Deichmann' bringt industrielle Härte, dunkle Sinnlichkeit und melodisches Gespür zusammen und liefert genügend Gründe, genauer hinzuhören. Wer zwischen Darkwave und Industrial Rock ausgeprägte Kontraste schätzt, könnte gerade an den Brüchen seine Freude haben. Ich wünsche mir dagegen mehr Zusammenhalt zwischen diesen durchaus reizvollen Seiten. Mein Gastgeber hat einiges zu erzählen – ich würde nur gelegentlich gerne einen Gedanken mit ihm zu Ende führen.
St. Digue - Secret Language
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Details zum Beitrag
- Artikeldatum
- Autor
- Elec
- Kategorien
- Electronic / Industrial / NoiseReviews
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