Prophecy Fest 2022, Bericht Teil 1
29.09. - 01.10.2022
Balve, Sauerland

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Samstag

Sa 1.jpgDas Aufstehen wollte nicht ganz von alleine gelingen. Und der graue Himmel wirkte nicht wirklich einladend. Jetzt nochmal ab mittags bis in die Nacht hinein durchhalten? Puh. Ja, ich gestehe, diese Gedanken hatte ich – aber ich ging hin und wurde reich belohnt. Und das Wetter hatte auch seine guten Seiten: Zwar schüttete es bisweilen wie aus Eimern und es war logistisch nicht unerheblich schwer, mal einen trockenen Sitzplatz zwischen den Auftritten zu ergattern, aber mit den Wolken und dem Regen kamen auch etwas wärmere Temperaturen auf.

Sa Dold.jpgDold vorde ens navn
Pünktlich zum Mittag wurde es frostig und das norwegische All-Star-Abräumkommando fegte die Gehörgänge frei. Für die frühe Tageszeit fanden sich ausgesprochen viele Leute vor der Bühne ein und auch wenn die Band darauf hinwies, dass das deutsche Publikum oft wenig interaktiv sei, würde ich die Reaktionen als ausgesprochen wohlwollend und positiv bewerten. Die Band war aber auch aufgrund der Erfahrung der Musiker absolut präzise an den Instrumenten und ihre Songs fanden viele Freunde, vor allem in den Reihen derer, die beim Proph Fest tapfer sein müssen, weil es eben doch recht viel Folk und atmosphärische Mucke gibt. Hier wurde klassisch norwegisch gearbeitet – ein mitreißender Einstieg in den letzten Tag…

Sa Forest.jpgA Forest of Stars
…sogleich gefolgt von einem meiner beiden ab-so-lu-ten Höhepunkte des Tages: Die Herren und Dame aus England legten ein Set hin zum darnieder knien. Allein schon der Aufbau war ein Genuss, selten konnte ich so genau verfolgen, wie sich ein Sänger in den anstehenden Auftritt eingroovte: Aus Dan Eyre wurde innerhalb von circa 30 Minuten Mister Curse und als die Band loslegte war es auf der Bühne ähnlich dem Kopfkino, das ich immer beim Lauschen eines der Alben habe. A Forest of Stars erscheinen wie eine Laiendarstellertruppe, die während der Aufführung eines klassischen Stückes erkennen, dass Teile der Musiker besessen sind und deren Stück mit jeder Minute mehr aus den Fugen gerät, während die Beteiligten zum Teil dem Wahnsinn verfallen. Ich liebe es und war froh, in diesem Jahr das volle Set miterleben zu können – bis auf leichte technische Schwierigkeiten zur Mitte des Auftritts hin war es auch makellos.

PXL_20221001_125453900.jpgSaturnus
Und dann konnte und wollte ich mich ein wenig erholen und nutze die Gelegenheit und vernahm Musik und Jubel der folgenden Band vor der Höhle – ich tue Saturnus damit sicherlich unrecht, denn alleine das „Wollen wir..?“ des Sängers vor dem ersten Song mit dann einsetzendem schweren Bangen sowie ein Publikum, das voll zufrieden wirkte… das alles sprach für einen gelungenen Auftritt. Ich kann nur wenig mit Saturnus‘ doomiger Art und Weise wenig anfangen…

Fr Camerata.jpgCamerata Mediolanense
…und brauchte Energie für die nicht unanstrengende, aber für mich ausgesprochen spannende Vorstellung des italienischen Künstlerkollektivs. Anders als vor einigen Jahren, als sie mit einem ganzen Chor angerückt waren, gab es dieses Mal ein reduzierteres Ensemble bestehend aus dem „inner circle“, also drei Herren an Drums und Percussions (sowie Gesang) und … am Piano und Mikro sowie den beiden klassischen Sängerinnen. Wer schon einmal Bellini Filme sah, wird vielleicht den Vergleich verstehen, aber Auftritte des Kollektivs sind (mehr noch als auf ihren Alben) die italienische Antwork auf die Frage: „Wie klingt wohl eine Gesellschaft kurz vor dem Zusammenbruch?“ Klassischer Gesang, ätherisches Pianospiel und martialische Trommeln sorgten für eine Kakophonie, die in der Schönheit der Einzelelemente als Konglomerat schwer erträglich scheint. Sehr eigenwillig, etwas unnahbar und unzugänglich – und trotzdem mit viel Jubel belohnt.

Fr Antimatter.jpgAntimatter
Mick Ross hatte Bock und zeigte so viel Spielfreude, wie ich es bisher bei ihm nicht erlebte hatte. Antimatter brachten die indie-rockige Abwechslung in das Prophecy Programm und ihr Sound, der auf den letzten beiden Alben perfektioniert wurde, reißt einfach mit. Ich fänd es ja weiterhin schön, wenn die ganzen Keyboardspuren nicht nur von Band kommen würden, aber da sie mir weniger zentral erschienen als bei meiner letzten Begegnung mit der Band und Ross und seine Mitstreiter viel Raum einnahmen, war dies meine beste Antimatter Erfahrung und es machte verdammt Spaß.

Fr Austere.jpgAustere
Was für ein Erfolg – unter großer Erwartung fand der Umbau statt, der Platz vor der Bühne füllte sich mehr und mehr und die australische So-gar-nicht-gute-Laune-Band enttäuschte nicht. Wer die Band bereits kannte, gab sich einer hingebungsvollen Show des Duos plus Livemusikern hin, es war wunderbar, zu erleben, wie enthusiastisch und gekonnt die Herren auf der Bühne glänzten, wenn man bedenkt, dass die Reunion erst ein Jahr her ist und (vor allem) die allererste Live-Performance im Juli dieses Jahres stattgefunden hatte. Da lohnte sich für einige sicherlich auch der Blick auf die edle Compilation „Towards the great unknown“ aus dem Jahr 2022, die alle Scheiben der Band enthält.

PXL_20221001_192944249.MP.jpgDarkher
Und dann musste ich mich ganz vorne einreihen: Jayne Hanna Wissenberg war erneut Gast in Balve und präsentierte das erste Live-Set ihres Projektes mit Band seit der Pandemie. Und der Zauber von Darkher ist (für mich) ungebrochen, die diesjährige Vorstellung stand für drei Erkenntnisse: 1. Insbesondere Darkher selbst hat sich elementar weiterentwickelt in den letzten Jahren, wenn es um Sicherheit, Stimmkontrolle und Live-Präsenz geht. Klar, sie bleibt ätherisch, unnahbar aber dies wird nun auch nicht mehr durch deutliche Unsicherheit gestört. 2. Das fantastische „The buried storm“ aus diesem Jahr war eine wundervolle Ergänzung zur bisherigen Diskographie und war live ein Genuss. 3. Ich wünsche mir wirklich, dass Darkher auf Tournee gehen und man sich einen ganzen Abend hingeben kann zur dieser langsam-doomigen, traumgleichen Atmosphäre.

Coven
Dann war es Zeit für schrille, rockige Klänge aus längst vergangenen Zeiten: Ich weiß, bei Damen spricht man nicht über das Alter, aber die Energie, die die 72jährige Jinx Dawson verbreitete, war phänomenal. Wenn man bedenkt, dass sie und Arthur Brown quasi zweitgleich (eine gewisse) Bekanntheit erlangt hatten und wir dabei vom Jahr 1967/1968 sprechen, dann ist es schon irre, dass man sie heute, 2022, über die Bühne tanzen sieht. Coven selbst waren mir unbekannt und sicherlich ist ihre Musik und vor allem die satanischen Inhalte wegweisend gewesen, aber ehrlich gesagt scheint es sich hier eher um eine Pionierleistung und weniger um wirkliche Meilensteine des psychedelischen Rocks zu handeln. Alles nett, alles schön rockig-rotzig, alles in allem eine schöne Erfahrung.

PXL_20221001_214731690.MP.jpgEmpyrium
Und natürlich kam es zum Ende so, wie es kommen musste: Traditionell beschlossen Empyrium das Fest, traditionell mit einer Erinnerung an ihr erstes Album und damit dem ersten unter dem Banner Prophecy. Dieses Mal ohne Thomas Helm aber mit dem ansonsten üblichen Ensemble aus Gastmusikern spielte Markus Stock routiniert auf und die Fans blieben tapfer trotz später Stunde. Ich persönlich brauche diese Tradition ehrlich gesagt nicht mehr, kann sehr gut mit Empyrium leben, würde mir aber entweder ein Set mit Songs aus allen Dekaden wünschen oder ganz besonders ein Set nur bestehend aus dem Weiland-Zyklus, zumal dieses Akustikalbum ja gerade erst wunderschön im Artbook neu aufgelegt wurde. So aber zog ich mich schon etwas früher zurück und trat die Heimreise an, um die alten und kalten Knochen auszuruhen.

PXL_20221001_215506041.MP.jpg10 von 10
Gerne wieder
Danke an das Prophecy Team, die Musiker und auch an die Gäste - diese Tage waren bei aller Anstrengung erholsam und wirken nach... nicht nur gesundheitlich.