Prophecy Fest 2022, Bericht Teil 1
29.09. - 01.10.2022
Balve, Sauerland

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Freitag

Fr 4.jpgSonnenschein und herbstliche Milde außen, wundervoll ausgeleuchtete Magie innen: Die Balver Höhle wurde am Freitag erneut zum Treffpunkt eines zwar mehrheitlich aus Metallern bestehenden, aber trotzdem sehr diversen Publikums. Und wieder war es die friedliche Atmosphäre vor und in der Höhle, dieses unaufgeregte Miteinander von Fans und Bands und die örtlichen Betreiber der gastronomischen Angebote, die viel von dem Zauber ausmachten. Ernie Fleetenkieker von Krachmucker TV war erneut als Berichterstatter vor Ort, es gab natürlich ausreichend Merch aus dem eigenen Hause und für mich war es weniger Aufregung, sondern mehr das Gefühl, dass nun alles wieder passte. Ich bin gerne in Balve und genieße diese Tage.

Fr Imha.jpgImha Tarikat
Neu im Program von Prophecy und um halb zwei beginnend legte die junge Band direkt los. Und was soll ich sagen: Ich habe meine deutlichen Probleme mit dem Shoutgesang und konnte deswegen auch nicht wirklich das Album genießen, zumal die aggressive Herangehensweise auch nicht meinem Musikbedürfnis entspricht. Dementsprechend war ich verhalten vorfreudig und stand mit Abstand und Skepsis bereit – und wurde ausgesprochen positiv überrascht. Nein, der Gesang gefiel mir auch live nicht wirklich, aber die sehr sympathische Art der Interaktion mit dem Publikum, die ausgezeichneten Riffsalven und insbesondere das dynamische Drumming, das zu den besten Rumpelbuden des Festes gehörte, überzeugten. Ja, das riss sogar mich Skeptiker mit. Der ausgezeichnete Sound tat sein Übriges und so kann man nur von einem ausgesprochen gelungenen Einstieg schreiben.

Fr ARD.jpgArð Weiter ging es mit der doomig interpretierten Geschichte der Gebeine des Heiligen Cuthbert – das Seitenprojekt von Winterfylleth Keyboarder Mark Deeds begeisterte mich ausgesprochen. Fiel es mir auf Band noch schwer, mich treiben zu lassen in den tonnenschweren Riffs, ohne auf ein Meer aus Belanglosigkeit zu treiben, so war dies live kein Problem. Auch die schön stilisierten und fast comicartig reduzierten Zeichnungen, die im Hintergrund zu sehen waren und das ausgesprochen sympathische Gebaren von Deeds und Kollegen trugen zu einem überraschend positiven Eindruck bei.

Fr Of.jpgOf the wand and the moon Kim Larsen hatte es nicht so schwer mit dem Aufbau, denn er stellte einige Lieder des letztjährigen Albums ‚Your love can’t hold this wreath of sorrow‘ und zahlreiche Klassiker aus über 20 Jahren Of the wand and the moon solo vor: Bewaffnet einzig mit einer etwas zu laut abgemischten Gitarre, die einiges vom Gesang übertönte, dem orchestralen Hintergrundpomp der Alben und den typischen schwarz-weiß Filmschnipseln war sein Auftritt nicht schlecht, aber zugegebenermaßen der wahrscheinlich schwächste des Tages. Das liegt natürlich nicht am fantastischen Material, das der Däne inzwischen veröffentlicht hat und ich möchte auch eine Solo-Nummer nicht verdonnern. Jedoch hätte ich mich wirklich gefreut, wenn Larsen den Mut bewiesen hätte, noch reduzierter aufzutreten und den Gesang einzig mit Gitarre zu begleiten – seine Stücke sind stark genug, um auch entschlackt zu wirken und auf diese Weise hätte es kein Missverhältnis aus Einsamkeit auf der Bühne und Fülle im Klang gegeben.

Fr Winter.jpgWinterfylleth Hat jemand Lust auf epische Blastbeat Orgien? Offensichtlich nicht unerheblich wenige, denn es wurde richtig voll vor der Bühne und das Publikum honorierte den (mir persönlich zu monotonen) Sound der Herren mit Begeisterung und ausreichend Applaus. Das Set stellte neue und alte Fans zufrieden – ich selbst zog mich aber aus dem Sturm vor der Bühne zurück und shoppte erst einmal in Ruhe.

Fr Fire 2.jpgFire + Ice Ian Read war elementarer Teil der Gründerjahre des Neo Folks und sein Soloprojekt ist trotz verhältnismäßig weniger Alben zumindest Kennern des Genres ein wichtiger Begriff. Und genau wie all die anderen Bands, die das Genre mitbegründeten umweht auch ihn ein Hauch Rückwärtsgewandtheit und Elitarismus. Dazu passend gab er zwischen den Liedern die ein oder andere Weisheit zum Besten – wer jedoch Anekdoten mit „Think about that“ und dem erhobenen Zeigefinger beendet, der wirkt weit weniger beeindruckend als er meint. Doch muss man dem Mann zugestehen, dass er wirklich gute Livemusiker am Start hatte, die die Lieder fulminant umsetzten und damit ein perfektes Gerüst für Reads eigenwilligen, predigergleichen Gesang schufen. Und Read selbst war stimmlich stark unterwegs, auch wenn er an mindestens drei Stellen selbst von seinen Einsätzen überrascht war (was mich insbesondere bei " The werwolves of London town" ärgerte). Sei es drum, ich wollte Fire + Ice zumindest einmal live gesehen haben und kann dies nun von der Liste streichen.

Fr Vision.jpgThe Vision Bleak Maximale Begeisterung erreichten schließlich die untoten Rocker von The Vision Bleak. Und das war auch schön mit anzusehen, selbst für mich, der wenig mit den Klängen der Band anfangen kann (zu viel Rock, zu viel große Gesten): Vorne an der Bühne wippten die Köpfe begeistert mit und in den hinteren Reihen, wo etwas mehr Platz war, wurde bisweilen auch hingebungsvoll getanzt. Ganz wunderbar, aber gerade Frontmann Allen B. Konstanz weiß auch einfach, wie man die Massen einpeitscht.

Fr Alcest.jpgAlcest Und wo wir gerade bei begeisterten Massen sind: Neige, Winterhalter und ihre beiden Live Musiker sorgten für die lautesten Publikumsreaktionen des Abends – ganz ohne überschwängliche Interaktion, einfach nur durch den Zauber des Alcest Sounds. Trotz des Labelwechsels zu Nuclear Blast mit dem letzten Album kehrten die Franzosen zurück in die Höhle und bedankten sich mehrfach dafür beim Prophecy Team. Ihr Set war ein Best of, bisweilen recht hart für die Verhältnisse der Band und Neige wechselte infernalisches Kreischen konsequent mit dem wunderschönen zweistimmigen Klargesang zwischen ihm und Zero ab. Der Zauber, den die Lieder Alcests in der Balver Höhle verbreiten ist alleine die Reise wert, ohne den anderen Bands ihre Qualitäten abzustreiten – immer wieder fantastisch.

Fr Arthur.jpgArthur Brown Inzwischen war es wirklich kalt geworden und die Geisterstunde stand kurz bevor. Hätte man mir vor einem Jahr gesagt, dass eine nicht unerhebliche Masse, bestehend mehrheitlich aus Black Metal Fans, für einen 80jähren wach bleibt, der gut gelaunt zu psychedelischen Rockklängen eine Positivität verstrahlt, bei der man nur ausgelassen mithibbeln kann, ich hätte es nicht geglaubt. Aber bereits im letzten Jahr überzeugte der damals noch 79jährige die Besucher – so sehr, dass er erneut geladen und heiß erwartet wurde. Und Arthur sprenge nicht nur Vorbehalte mit seiner bezaubernden Art und den großartigen Bandmitgliedern. Er sprengte auch jedes Zeitgefühl und überschritt die angesetzten 60 Minuten um eine weitere halbe Stunde. Und auch wenn die Füße nach einem solchen Tag schmerzten und weite Teile des Körpers unter der Kälte litten: Wir tanzten weiter und das Leuchten in den Augen dieses Mannes, als er zur Zugabe die Sonnenbrille ablegte war echt und wundervoll. Und in meinen Ohren hat dieser Herr gesanglich die beste Vorstellung der drei Tage geboten – absoluter Wahnsinn, ein absolutes Fest.

Fr 3.jpgUnd dann musste es schnell gehen, unser Hotel lag etwas entfernt und am Samstag sollte es schon zur Mittagsstunde weitergehen. Also ab ins Bett und kurz nappen.