Dass das Eröffnungsstück "Virus" lautet, lässt den Rückschluss zu, dass Maschinenzimmer 412 offensichtlich auf die Corona-Pandemie Bezug nimmt. Beim als Pionier des Black Industrial gehandelten Musiker Henrik Björkk alias Nordvagr (unter anderem auch durch Pouppée Fabrikk namhaft geworden) klingt dieser Virus wie eine weitaus fiesere, unter Garantie todbringende Krankheit. Ein Virus, der das Zeug dazu hat, die Menschheit auszulöschen. Das alles passt zusammen - wenn da nicht der kleine Umstand wäre, dass dieses Stück, respektive das ganze Album "Malfeitor" ein Produkt aus dem Jahre 1989 ist. Es war die erste Platte als Maschinenzimmer. Bereits nach dem Zweitling "Macht durch Stimme" ein Jahr später, wurde das vielversprechende Projekt wieder eingestampft, um Mitte der 1990er Jahre in neuer Konstellation als MZ. 412 wieder zu starten und beständig die Szene mit ihren reizvollen, aber auch immer kontrovers diskutierten Klanggewittern zu versorgen.

Denn Nordvagrs viele Projekte eint oftmals der Bezug zum Krieg, insbesondere dem Zweiten Weltkrieg, was natürlich die Frage zur Folge hat, wie rechtslastig und kriegsverherrlichend seine Songs sind. Dass sich der Schwede immer wieder erklären muss, gehört da zwangsläufig dazu.

Anyway: Mit "Malfeitor" nahm alles seinen Anfang, und bereits das Debüt zeigt ein klares, kompromissloses Soundverständnis. Rituell vor sich hintrommelnde Beats entwickeln eine gleichzeitig unheilvolle wie hypnotische Sogwirkung, in dessen Strudel sich verzerrte Synthesizer, wabernde Bassteppiche und bedrohlicher Flüstergesang befinden. Wir sind nah dran am Urknall einer neuen musikalischen Spielart, die den Begriff "Dystopie" radikal auslegt und auf der Suche nach dem schwärzesten Schwarz in der elektronischen Musik ist.

"An expression of the coldest music imaginable" beschreibt der Beipackzettel für Musikjournalisten recht treffend den Sound von Maschinenzimmer 412. Denn hier stirbt die Hoffnung bereits im Entstehen unter dem unnachgiebigen Schlagwerk. Selbst so kontemplativ klingende Songtitel wie "Introspektion" zeigen deutlich: Der Furor wütet nicht nur außen, sondern auch innerlich. Seit mehr als 20 Jahren war dieses Kleinod industrieller Elektronik nicht mehr erhältlich gewesen. Dank Cold Spring Records erlebt die Platte, passen zum Labelnamen, seinen zweiten, hoffentlich aber nicht so kalten Frühling.

Dafür spricht vor allem, dass "Malfeitor" trotz seiner über 30 Lenzen, die er bereits auf dem Buckel hat, immer noch recht frisch und aktuell klingt. Grund dafür ist sicherlich die für damalige Verhältnisse schon sehr gute Produktion. Vielleicht mag es auch dem aktuellen Zeitgeist geschuldet sein, der überdeutlich von Angst, Hass und Perspektivlosigkeit geprägt ist. Maschinenzimmer 412 lieferten den Soundtrack für das Jetzt zu einer Zeit, als West und Ost sich annäherten und ein atomarer Krieg immer unwahrscheinlicher wurde. Und das Wort "Pandemie" war damals höchstens ein obskurer Science-Fiction-Begriff. Was Björkk und seiner Mitstreiter damals mit "Malfeitor" also erschufen, darf man getrost als visionär bezeichnen.