Boy Harsher - Get Mean

Boy Harsher - Get Mean

Trennungen sind kompliziert. Plötzlich muss geklärt werden, wer die Kaffeemaschine bekommt, wem die gemeinsame Plattensammlung gehört und ob man den Freundeskreis künftig nach geraden und ungeraden Kalenderwochen aufteilt. 'Jae Matthews' und 'Augustus Muller' hatten noch ein zusätzliches Problem: Was macht man eigentlich mit 'Boy Harsher'? Die beiden waren schließlich nicht nur ein Paar, sondern bilden seit 2014 gemeinsam eines der prägnantesten Duos zwischen Darkwave, Coldwave, Electro und minimalistischem Synthpop. Die Antwort lautet erstaunlicherweise: weitermachen. Und zwar mit 'Get Mean', einem Album, das ausgerechnet nach dem Ende ihrer privaten Beziehung offener, wärmer und zugänglicher klingt als vieles zuvor.

Die gemeinsame Geschichte reicht allerdings weiter zurück. 'Matthews' und 'Muller' lernten sich an der Filmhochschule in Savannah kennen und arbeiteten zunächst als 'Teen Dreamz' zusammen. 'Matthews' las eigene Texte und Kurzgeschichten, während 'Muller' sie live vertonte. Die cineastische DNA von 'Boy Harsher' war also schon vorhanden, bevor jemand den ersten düsteren Clubnebel einschaltete. 'Get Mean' erschien am 18. September 2026 und ist damit das erste reguläre Studioalbum von 'Boy Harsher' seit 'Careful' aus dem Jahr 2019. Dazwischen lagen unter anderem der Soundtrack 'The Runner', Singles, Kollaborationen und Remixe. Gleichzeitig markiert das neue Werk den Schritt zu 'Atlantic Records', nachdem das Duo lange eng mit dem eigenen Umfeld von 'Nude Club Records' verbunden war.

Zwölf Stücke umfasst die Platte, die sich mit Liebe, Verlust und Überleben beschäftigt. Anfang 2024 endete die langjährige Beziehung von 'Matthews' und 'Muller'; hinzu kamen persönliche Verluste und eine kreative Blockade, die zeitweise sogar die Zukunft von 'Boy Harsher' infrage stellte. Das klingt zunächst nach hervorragenden Voraussetzungen für musikalische Selbstzerfleischung. Schließlich gehört Dunkelheit bei 'Boy Harsher' ungefähr so selbstverständlich zur Grundausstattung wie der Notausgang zum Kellerclub. Doch 'Get Mean' macht etwas Interessanteres: Es suhlt sich nicht im Verlust. Die bekannten Zutaten sind weiterhin vorhanden. Drum-Machines marschieren, Basssequenzen pulsieren mit jener stoischen Beharrlichkeit, die irgendwo zwischen Tanzaufforderung und unterschwelliger Drohung liegt, Synthesizer ziehen kalte Schlieren durch den Raum und darüber steht 'Jae Matthews' mit dieser charakteristischen Stimme, die zugleich verletzlich, distanziert und ein wenig gefährlich wirken kann. Man weiß nie ganz, ob sie einen gleich umarmen oder kommentarlos vor die Tür setzen möchte.

Aber 'Get Mean' verändert die Rezeptur. Die Musik atmet mehr. Wo ältere Veröffentlichungen oftmals einen engen, schwülen Raum erzeugten, öffnet das neue Album Fenster und Türen. Gitarren treten deutlicher hervor, Synthesizer dürfen Farben zeigen, die nicht ausschließlich aus verschiedenen Abstufungen von Schwarz bestehen, und gelegentlich schimmert sogar ein ziemlich unverhohlener Pop-Instinkt durch. 'Augustus Muller' entdeckte während der Arbeit seine Begeisterung für die Gitarre neu, ohne dass deshalb plötzlich jemand Angst vor einem Lagerfeueralbum haben müsste. Das ist vermutlich die größte Überraschung an 'Get Mean': Eine Platte mit diesem Titel ist erstaunlich wenig gemein.

Statt aggressiver zu werden, klingt 'Boy Harsher' hier differenzierter. Statt permanent auf maximale düstere Coolness zu setzen, lässt das Duo Verletzlichkeit zu. Selbst die Tanzbarkeit funktioniert auf der Scheibe ganz anders. Der Beat ist nicht mehr ausschließlich Motor für verschwitzte Nachtclubs, sondern wirkt stellenweise fast wie therapeutische Bewegung. Wenn schon das Leben auseinanderfällt, kann man schließlich wenigstens im Takt dazu stehen. Und genau darin liegt für mich die große Stärke des Albums. 'Get Mean' versucht erst gar nicht die Atmosphäre früherer Erfolge einfach nachzubauen. Das wäre angesichts der unzähligen Acts, die mittlerweile sequenzierte Bässe, kühle Synthesizer und entrückten Gesang miteinander kombinieren, vermutlich auch die langweiligere Entscheidung gewesen. 'Boy Harsher' haben ihren eigenen Einfluss inzwischen beinahe eingeholt. Wenn man dann nur noch versucht, möglichst überzeugend wie 'Boy Harsher' zu klingen, besteht irgendwann die Gefahr, versehentlich wie eine Band zu klingen, die versucht, wie 'Boy Harsher' zu klingen. Also wird erweitert.

Electro, Darkwave und Coldwave bleiben das Fundament, darüber finden sich Synthpop, New-Wave-Anklänge, Gitarrentexturen und ungewohntere Klangfarben. Die Produktion wirkt klarer und größer, ohne die Musik steril zu bügeln. Daran ist auch ein alter Bekannter beteiligt: 'Maurizio Baggio', der bereits frühere Arbeiten von 'Boy Harsher' begleitete und unter anderem durch seine Zusammenarbeit mit 'The Soft Moon' reichlich Erfahrung darin besitzt, elektronische Dunkelheit zugleich präzise und schmutzig klingen zu lassen. Das funktioniert über weite Strecken hervorragend – hat allerdings einen Preis. Mir fehlt gelegentlich etwas von jener klaustrophobischen Spannung, die ältere 'Boy Harsher'-Veröffentlichungen so unmittelbar machte. Früher konnte diese Musik klingen, als hätte jemand einen illegalen Club in einem verlassenen Industriekeller eröffnet und anschließend vergessen, den Notausgang einzuzeichnen. 'Get Mean' besitzt mehr Raum, mehr Details und eine aufgeräumtere Produktion. Das macht die Platte abwechslungsreicher und musikalisch reifer, nimmt ihr stellenweise aber auch etwas Gefahr.

Gerade in der zweiten Hälfte des Albums entwickelt nicht jede reduzierte Passage dieselbe magnetische Spannung. Wo Zurückhaltung funktioniert, entsteht eine faszinierende Mischung aus Erschöpfung, Einsamkeit und kontrollierter Kälte. Wo sie weniger gut funktioniert, wird aus hypnotischer Reduktion kurzzeitig schlicht Reduktion. Das bleibt allerdings die Schwäche eines insgesamt sehr guten Albums. Denn emotional ergibt diese Zurückhaltung Sinn. 'Get Mean' handelt nicht einfach von einer Trennung. Interessanter ist, dass hier zwei Menschen gemeinsam Musik über einen Zustand machen, der ihre bisherige gemeinsame Lebensform beendet hat. Nähe und Entfernung existieren gleichzeitig. Beats verbinden, während Texte und Atmosphäre vom Loslassen erzählen.

Auch die Entstehungsgeschichte könnte kaum besser zu diesem Gefühl passen. 'Matthews' begann auf dem abgelegenen Anwesen 'Oyameles' in den Bergen außerhalb von Mexico City zu schreiben – inklusive Pferden, Hunden und einem großen schwarzen Hund namens 'Batman', der nachts vor ihrer Tür Wache hielt. 'Muller' arbeitete später in einem Studio in Texas mit Zugriff auf eine umfangreiche Sammlung alter Synthesizer. Mehr 'Boy Harsher'-Romantik bekommt man vermutlich nur hin, wenn irgendwo zusätzlich ein kaputtes Neonlicht flackert. Dieses Unterwegssein hört man dem Album an. 'Get Mean' besitzt keinen festen emotionalen Mittelpunkt, um den alles kreist. Die Musik bewegt sich, verändert Perspektiven und bleibt selten lange an derselben Stelle stehen.

Und trotzdem ist 'Get Mean' kein deprimierendes Album. Vielleicht ist das sogar seine schönste Eigenschaft. Die Platte handelt von Verlust, klingt aber nicht besiegt. Unter all der Melancholie liegt eine überraschende Portion Lebenswillen. Nicht im Sinne irgendeines Kalenderspruchs über neue Türen, die sich öffnen, nachdem alte geschlossen wurden – solche Kalender gehören ohnehin verboten –, sondern wesentlich glaubwürdiger: Man macht einfach weiter. Wer von 'Boy Harsher' ausschließlich die kompromisslos dunkle, minimalistische Seite liebt, könnte 'Get Mean' zunächst etwas zu freundlich vorkommen. Wer dagegen hören möchte, wie sich ein etablierter eigener Stil weiterentwickeln kann, ohne komplett über Bord geworfen zu werden, dürfte hier viel entdecken. Besonders interessant ist das Album für Hörer von Darkwave, Coldwave, minimalistischem Electro und düsterem Synthpop, die keine Angst bekommen, sobald plötzlich eine Gitarre auftaucht oder ein Refrain verdächtig eingängig wird.

Als Anspieltipp eignet sich für mich besonders 'Hard Beat'. Das Stück bringt die alte körperliche Direktheit von 'Boy Harsher' mit der größeren Offenheit des neuen Albums überzeugend zusammen. Wer danach noch mehr von der poppigeren Seite hören möchte, sollte 'Jeans' hinterherschieben. Am Ende ist 'Get Mean' gerade deshalb gelungen, weil 'Boy Harsher' nicht versucht haben, besonders gemein zu werden. Das Album ist keine musikalische Abrechnung und kein verzweifelter Versuch, eine vergangene Beziehung künstlich am Leben zu erhalten. Es klingt vielmehr nach zwei Menschen, die akzeptiert haben, dass etwas vorbei ist – und feststellen, dass ihre gemeinsame Musik davon nicht zwangsläufig betroffen sein muss. Ganz an die rohe, gefährlich-sinnliche Wirkung der stärksten älteren Momente reicht die Platte für mich nicht durchgehend heran. Dafür besitzt sie mehr Tiefe, mehr klangliche Möglichkeiten und vor allem den Mut, die eigene Erfolgsformel nicht einfach zwölfmal neu aufzuwärmen.

'Get Mean' ist damit weniger der große Befreiungsschlag als eine souveräne Neuerfindung im laufenden Betrieb. Dunkel genug für den Keller, melodisch genug für den Heimweg und emotional intelligent genug, um eine Trennung nicht mit dem musikalischen Äquivalent eines brennenden Kleiderschranks zu verwechseln. Manchmal ist Erwachsenwerden eben auch im Coldwave nicht zu verhindern.

Boy Harsher - Get Mean
Eingebettete Inhalte nicht verfügbar
Dieser Inhalt kann nicht angezeigt werden, da du der Verwendung externer Cookies und Inhalte von Drittanbietern nicht zugestimmt hast. Um das Video, Bild oder andere eingebettete Inhalte zu sehen, kannst du deine Cookie-Einstellungen hier anpassen . Weitere Informationen findest du in unserer Datenschutzerklärung . Vielen Dank für dein Verständnis.
Boy Harsher - Get Mean
Kommentarfunktion nicht verfügbar!
Dieser Inhalt kann nicht angezeigt werden, da du der Verwendung externer Cookies und Inhalte von Drittanbietern nicht zugestimmt hast. Um die Kommentarfunktion zu nutzen, kannst du deine Cookie-Einstellungen hier anpassen . Weitere Informationen findest du in unserer Datenschutzerklärung . Vielen Dank für dein Verständnis.

Medienkonverter.de

Wir verwenden Cookies zur Optimierung unserer Webseite. Details und Einstellungen finden Sie in der Datenschutzerklärung und im Privacy Center. Ihre Einwilligung ist jederzeit widerrufbar. Soziale Netzwerke & Drittanbieter-Inhalte können angezeigt werden. Mit „Alle akzeptieren“ stimmen Sie (widerruflich) auch einer Datenverarbeitung außerhalb des EWR zu (Art. 49 (1) (a) DSGVO).