Nina Hagen - Highway To Heaven

Nina Hagen - Highway To...

'Nina Hagen' war ganz sicher noch nie die Künstlerin für halbe Sachen. Zwischen Punk-Ikone, Opernstimme und spiritueller Wanderpredigerin hat sie sich über Jahrzehnte ein eigenes Biotop geschaffen in dem Kategorien ungefähr so viel Bedeutung haben wie ein Tempolimit auf der Autobahn um drei Uhr morgens. Mit dem Album 'Highway To Heaven' biegt sie nun wieder sehr bewusst auf die spirituelle Spur ein – und das nicht als Nebenprojekt, sondern als klares künstlerisches Statement. Und ich sag’s direkt, wie es ist: Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, ob ich das Release beim Probehören lieben oder nach zehn Minuten entnervt abbrechen würde. Spoiler: Es wurde dann doch irgendwie beides. Und ja, auch mehrfach. Und genau das ist vermutlich dann auch irgendwie das Konzept von 'Highway To Heaven'.

Musikalisch ist das Album für mich gefühlt weniger eine klassische Platte als vielmehr ein emotionaler Parcours – oder, wenn wir ehrlich sind: eine ziemlich wilde Achterbahnfahrt ohne Sicherheitsbügel. Die Basis bildet Gospel, aber eben nicht geschniegelt und sonntags geschniegelt geschniegelt (ja, doppelt, weil’s passt), sondern eher wie ein Gottesdienst, bei dem plötzlich jemand „Lauter!“ schreit und eine Band durch die Tür kracht. Dazu kommen solche Genres wie Blues, Americana, Pop, Reggae – und immer wieder diese Momente, in denen man kurz innehält und denkt: „Haeh? Das war jetzt entweder genial oder komplett wahnsinnig.“ Andere Kritiken auf anderen Plattformen scheinen ebenfalls etwas verwirrt und nennen das dann „abwechslungsreich“. Ich nenne es: musikalisches Freestyle mit göttlicher Aufsicht.

Klanglich lebt 'Highway To Heaven' von extremen Gegensätzen. Eben noch sitzt du gedanklich in einer staubigen Kirche mit Lichtstrahlen durch buntem Glas – im nächsten Moment stehst du in einem schummrigen Club, irgendwo zwischen klebrigem Boden und zu lauter Anlage. Die Dynamik schwankt bewusst zwischen reduzierten, fast meditativen Momenten und Arrangements, die sich eher stapeln als sauber sortieren. Das ist nicht immer elegant – aber halt schon verdammt lebendig. Und dann ist da natürlich diese Stimme. Diese Stimme! Die ist nicht einfach nur da – die nimmt dich am Kragen. Mal Predigt, mal Theater, mal Abrissbirne. Ganz ehrlich: Wenn 'Nina Hagen' anfangen würde, die Bedienungsanleitung eines Toasters zu vertonen, hätte das wahrscheinlich mehr Drama als manche komplette Diskografie anderer Künstler.

Was ich dann aber wirklich feiere – und das meine ich komplett ernst – ist die Haltung. Das hier ist kein kalkulierter Gospel-Ausflug für ein paar wohlwollende Kritikerzitate. Das hier empfinde ich als Überzeugung. Und zwar so kompromisslos, dass es fast schon wieder Punk ist. Während sich viele Künstler heute fragen, ob ihr Song auch in drei Playlists und im Radio gleichzeitig funktioniert, steht 'Nina Hagen' da und macht einfach ihr Ding. Ohne Sicherheitsnetz. Ohne Rücksicht auf Algorithmen. Und ich sitze davor und denke: „Genau so. Bitte mehr davon.“ Aber – und jetzt kommt der Teil, wo man nicht einfach nur euphorisch durchwinken kann – dieses Album ist halt stellenweise auch ein kleines Chaos. Und zwar nicht das aufgeräumte, Instagram-taugliche Chaos, sondern das echte. Mehrere andere Kritiken sprechen dann auch von 'stilistischer Unruhe' oder 'Zerfahrenheit' – und ja, das trifft es ziemlich gut. Dieses Album läuft nicht einfach vor sich hin, es stolpert, springt, driftet ab und findet dann plötzlich wieder zurück. Gerade die Reggae-Elemente wirken manchmal so, als wären sie nachts um halb zwei spontan beschlossen worden – und keiner hatte am nächsten Morgen den Mut, es wieder rauszunehmen. Und weißt du was? Gut so! Denn genau das ist der Punkt: Nicht jede Idee sitzt. Manche wirken leicht drüber, manche leicht schräg, manche einfach… da. Aber selbst die schwächeren Momente sind interessanter als der glattgebügelte Durchschnitt der dir sonst überall entgegenkommt. Ich habe mich dann im Endergebnis doch keine Sekunde gelangweilt – und das ist im Jahr 2026 fast schon eine Leistung.

Ein kurzer Blick auf das Artwork unterstreicht das übrigens perfekt: 'Nina Hagen' blickt dich mit großen, fast entrückten Augen an, irgendwo zwischen Märchenfigur, Gothic-Ikone und leicht durchgeknallter Wahrsagerin. Der schwarze Schleier, die Inszenierung, dieser intensive Blick – das wirkt wie ein visueller Vorbote dessen, was dich musikalisch erwartet. Und dann dieser bunte, fast psychedelische Schriftzug von 'Highway To Heaven' – als hätte jemand entschieden, Spiritualität und 70er-Farbpalette einfach mal zusammen in einen Topf zu werfen. Das Ganze ist gleichzeitig ernst, ironisch, überzeichnet und genau auf dieser schmalen Linie zwischen Kunst und „Was passiert hier eigentlich gerade?“ unterwegs. Kurz gesagt: Passt perfekt zur Musik.

Unterm Strich ist das hier kein einfaches Album. Das ist eher ein Gespräch mit jemandem, der gleichzeitig wahnsinnig charismatisch und ein bisschen unberechenbar ist. Schwierig also! Du verstehst nicht jeden Gedankensprung – aber genau deshalb hörst du weiter zu. Für Fans von 'Nina Hagen' ist das Release sicher Pflicht. Für alle anderen gilt: Das hier ist keine Musik, die dich leicht mitnimmt – die zieht dich einfach rein, ob du willst oder nicht. Streaming-kompatible Hintergrundmusik ist das ungefähr so sehr wie ein Punkkonzert im Seniorenheim. Oder noch einfacher: 'Highway To Heaven' ist keine Platte. Das ist ein Erlebnis. Und zwar eins, bei dem du am Ende dastehst, leicht zerzaust, ein bisschen verwirrt, vielleicht sogar leicht erleuchtet – und dir denkst: „Okay… ich bin mir nicht sicher, was das war. Aber ich will nochmal.“

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